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Globaler Kampf um das Grundnahrungsmittel Zucker
Europa und tropische Länder streiten um Marktanteile und Milliarden
Ohne Rübe wird auch der Getreideanbau bald sterben
Pressemitteilung vom 15.12.2005


Vom 13. bis zum 18. Dezember trafen sich in Hongkong die Wirtschaftsminister aus 148 Staaten zum WTO-Gipfel, mit ihrem Gefolge an Experten, Unterexperten, Verhandlungsführern. Bei Redaktionsschluß dauerten die Verhandlungen noch an.

Ein Knäuel aus Forderungen, Ablehnungen, Gegenforderungen, bei denen es um Lauchkäse geht, um Bohrmaschinen, Weizen, Zucker, u, Importquoten, Zölle Garantiepreise, Subventionen. Die Entwicklungs- und Schwellenländer wollen dringend Zugang zu den abgeriegelten Agrarmärkten der Industriestaaten, und die wollen das verhindern und verlangen Zollsenkungen für ihre Industriegüter, was aber wenig überraschend, die Schwellenländer nicht wollen. Gäben alle nach, würden alle gewinnen: Die Weltbank schätzt in einer Studie zum Agrarhandel den globalen Wohlstandsgewinn einer gleichmäßigen Liberalisierung auf 250 Milliarden Euro bis 2015. Die Geschichte des Zuckerkrieges ist prototypisch für das, was in der Welt der Wirtschaft geschieht. Und sie gibt einen Ausblick auf das, was wohl noch geschehen wird.

Die Waffe in diesem Krieg ist ein mehrkettiges Saccharid. Ein primitives Ding, zwei Moleküle, Fruktose und Glucose, vage vertraut aus dem Chemieunterricht, die sich zu C 12 H22 O11 verbinden, weltweit bekannt als Zucker. Es lässt sich im Organismus im Nu aufspalten, liefert sofort Energie, die Kinder dieser Welt sind geradezu süchtig danach, und auch die Erwachsenen konsumieren es ständig, es steckt in Cola-Getränken, es ist im Heringssalat – Treibstoff für den Alltag auf dieser Welt.

Am 24. November 2005 meldet dpa, dass die Europäische Union sich auf eine Reform des Zucker-Marktes geeinigt habe. Die Rübenbauern müssten sich von ihren hohen, von der EU garantierten Preisen verabschieden. Das wäre hinnehmbar, wenn es eine Alternative gäbe, wenn mit Weizen oder Gerste Gewinne gemacht werden könnte. Doch mit einem Hektar Zuckerrüben nimmt man derzeit immer noch dreimal mehr ein als mit Getreide. Die Rübe erlaubte es bisher, Weizen und Gerste anzubauen, ohne sie wird auch der Getreideanbau sterben – und das bei 70 bis 80er Böden! Im Wettbewerb mit der ganzen Welt wird de deutsche Bauer schon bald keine Chance mehr haben, zu ungleich sind die Bedingungen. Die deutschen Fabriken verkaufen ihren Zucker zu einem Kilogrammpreis von rund 63 Cent, die Brasilianischer aber für 28 Cent. Und doch hatte Brasilien fast 40 Jahre lang keine Chance gegen die EU; das lag daran, dass es eine Zucker-Marktordnung gab. Diese ist noch gültig bis Juni 2006. Sie besteht aus drei Elementen: Zöllen. Preisgarantien, Produktionsquoten. Die Schutzzölle sind wie unüberwindliche Wehranlagen. Kein deutscher Keksfabrikant und kein italienischer Getränkehersteller kauft Zucker vom Weltmarkt. Die Schutzzölle sorgen dafür, dass der brasilianische Rohrzucker hierzulande teurer ist als Rübenzucker aus EU.

Brasilien, Thailand, Australien – sie sind klassische Zuckerrohrländer, vom Klima bevorzugt; eine Vielzahl von Entwicklungsländern ist darunter, ehemalige Kolonien in Afrika, der Karibik und am Pazifik - die sog. AKP-Staaten.

Sie dürfen insgesamt 1,6 Millionen Tonnen Rohzucker in die EU einführen - zum hohen EU-Preis. Das ist aber unnötiger Zucker, denn die EU hat einen Überschuß von 25 Prozent. Das zweite Element ist der sog. Interventionspreis. Das ist ein festgelegter Preis, zu dem die EU eine Tonne Zucker handelt. 2005 lag er bei 631,90 Euro pro Tonne, fast dem Dreifachen des Weltmarktpreises. Damit die Bauern sich nicht unnötig selbst Konkurrenz machen, gibt es, drittens, die sogenannten Produktionsquoten. Den Mitgliedstaaten werden Mengen eingeräumt, die sie wiederum auf die nationalen Unternehmen verteilen, die sie den Bauern zuschieben. Für alles, was die Quote übersteigt, sinkt der Preis, und ab einer bestimmten Überschussmenge gibt es überhaupt keine garantierten Preise mehr. Den hohen Preis garantiert die EU für jene knapp 15 Millionen Tonnen, die den Zucker-Bedarf innerhalb Europas decken. Der Überschuss wird ausgeführt, und ein Gutteil davon, das ist das Problem für die Konkurrenz auf dem Weltmarkt, wird mit Exportsubventionen gestützt – von den rund sechs Millionen Tonnen Exportzucker pro Jahr ist das etwa die Hälfte. Den Rest verkaufen die Hersteller zum ungestützten Preis, mit Verlust.

Der Zucker-Gehalt bei Rohr und Rübe ist nahezu gleich. Aber das Zuckerrohr wächst rasend schnell in einem Land mit warmfeuchten Klima, lässt sich kinderleicht pflanzen, ist bis zu acht Monate im Jahr erntefähig. Ein deutscher Mittelbauer hat 25 Hektar Rübenanbaufläche und kommt im Jahr auf rund 1500 Tonnen Rüben. Die Ipiranga-Plantage ist eine der mittelgroßen in Brasilien, sie hat etwa 20 000 Hektar, das ist mehr Zucker-Anbaufläche, als in ganz Hessen zu finden ist. Schätzungsweise 2,4 Millionen Tonnen Zuckerrohr bringt die Ernte auf Ipiranga jährlich ein. Männer mit Gasbrennern schreiten den Feldrand ab und legen kleine Brände. Im Nu prasseln die Flammen auf, puffend und knallend. Das Zuckerrohr ist strohtrocken, die Flammen schlagen nach wenigen Sekunden meterhoch und walzen durchs Feld. Das Feuer tötet die zahllosen Skorpione, Kleininsekten oder Schlangen, die die Arbeiter gefährden könnten. Vor allem verbrennt auch ein Großteil der scharfkantigen Blätter, erst jetzt kann man das Rohr ernten. Das Feld ist nach einer Viertelstunde schwarz verbrannt. Schwarz ist auch der Himmel. Der Vorarbeiter weist die Feldstücke zu. Es ist morgens und 24 Grad warm. Ein Arbeiter schafft bis elf Tonnen Rohr am Tag, für einen Dollar die Tonne.

Nach Erhebungen des US-Landwirtschaftsministeriums wird die weltweite Produktion im Handelsjahr 2005/2006 bei 146,2 Millionen Tonnen liegen, der Welt-Zucker-Markt ist ein Geschäft von 63 Milliarden Euro. In dem Brasilien weit an der Spitze liegt. Mit unendlichen Reserven an Fläche und Arbeitskräften, so drückt Brasilien sich in den Weltmarkt.

Die WTO prozessierte. Am 28. April 2005 wurde das letztinstanzliche Urteil verkündet – die EU verlor, es obsiegten Brasilien, Thailand und Australien. Ob französische Schrauben nach Thailand oder italienische Rennräder nach Australien oder deutsche Autos nach Südamerika – immer wieder wird seitens der 3.Welt-Länder das Problem mit dem subventionierten Zucker ins Gespräch gebracht und demnächst mit Strafzöllen auf europäische Waren gedroht.

Quelle: Eigenbericht

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