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Pankraz , Arnulf Baring und der Aufstand der Bürger
Pressemitteilung vom 19.12.2002


Die konservative Junge Freiheit beschreibt in einer ihrer jüngsten Ausgaben (06.12.2002) die Kritik der politischen Klasse an dem bekannten Historiker Arnulf Baring, dessen Artikel „Ostwärts liegt eine demoralisierte Gesellschaft“, hier jüngst veröffentlicht wurde.

Viel Heiterkeit hat der Schlachtruf „Bürger auf die Barrikaden!“ ausgelöst, den Arnulf Baring nach der Bundestagswahl im Feuilleton der FAZ ausstieß. Der Gedanke, dass ausgerechnet verängstigte Kontoinhaber der guten mittleren Gehaltsklassen, Mercedesfahrer und stellungssuchende Investmentbanker eine Revolution gegen die Berliner Regierung anzetteln sollten, schien auch gar zu drollig.

Das Imperium schlug trotzdem sofort zurück. Baring wird öffentlich als, „Gaga-Revolutionär“ gebrandmarkt und aus künftigen Talkshow-Runden ausgeschlossen. Ein Ukas der SPD-Parteizentrale empfiehlt den Genossen, diesem „Pseudo-Historiker“ künftig die kalte Schulter zu zeigen und sich von ihm nicht mehr Unter den Linden grüßen zu lassen. Die Sache ist ernster, als sie aussieht. Soziologen sagen „tektonische Beben“ für die politische Landschaft voraus. Dabei gibt sich das Kartell aus Parteien, Gewerkschaften und Medien selbstbewusster als je zuvor, grinst aus jeder Tagesschau: „Uns kann keener!“ Tiefer Dauerfrust über die Stickigkeit der von Berlin angerichteten Verhältnisse macht sich breit nebst der Einsicht, dass es außergewöhnlicher Beben bedarf, um den Karren aus dem Dreck zu ziehen.

Was genau aber tun? Dass es mit Barrikadenbau nicht getan ist, sieht jeder, Barrikade ist ein Begriff aus dem neunzehnten Jahrhundert. Für Super-Demos a la Leipzig 1989 fehlt jede Voraussetzung: Deutschland befindet sich nicht in einer revolutionären, sondern in einer vor-oder protorevolutionären Phase, d.h. die Verhältnisse selbst sind mürbe, aber die herrschenden Kräfte, die sie repräsentieren, sind es nicht. Sie sitzen feist und selbstgefällig da und müssen erst einmal verunsichert werden.

Man müsste sie mit ihren eigenen Waffen schlagen, die sie aus alten 68er-Tagen bewahrt haben und auch gegen den armen Arnulf Baring ins Feld führen:

Ausschließen, Lächerlich machen, Totschweigen usw. Politiker sind bekanntlich gierig darauf, sich öffentlich in Szene zu setzen, Reden bei Verbandstagen zu halten, Grundsteine zu legen, Bänder vor neuen Straßen zu durchschneiden. Das jetzt so frustrierte „Bürgertum“, das die meisten dieser Verbandstage, Grundsteine und Straßen verantwortet, könnte sich doch energisch verbitten, dass sich dabei Politiker einmischen und wichtig machen, könnte ihnen schneidend ihre Unerwünschtheit demonstrieren.

Man müsste dabei gar nicht so weit gehen wie die 68er, die bekanntlich Eier und Farbbeutel warfen, brüllten, die Redner körperlich attackierten (bevor sie anfingen, sie zu ermorden). Alles könnte im gesetzlichen Rahmen ablaufen. Es genügte, keine Einladung zu schicken oder die/den Frau/Mann aus Berlin, wenn sie sich denn aufdrängten, mit eisigem Schweigen abfahren zu lassen. Ein dichter Schleier der Verachtung ließe sich um das Berliner Regierungsviertel legen, ein Cordon sanitaire, hinter dem sich die Amtsinhaber allmählich wie Aussätzige fühlen müssten.

Notwendig wäre natürlich auch, dass die Vertreter des frustrierten „Bürgertums“ sich immer wieder präzise zu Wort meldeten und aus ihrem Herzen keine Mördergrube machten. Die von Hans-Olaf Henkel (früherer Präsident des BDI) beklagte „Vier-Augen-Praxis“ („in der Sauna unter vier Augen Tacheles reden, abends im Fernsehen den Schwanz einziehen“) müsste endgültig der Vergangenheit angehören, die Medien müssten durch die Masse der andrängenden Wahrheitssager einfach gezwungen werden, das volle Maß der Unzufriedenheit abzuspiegeln.

Hätte, könnte, sollte, müsste. Pankraz redet so verzweifelt im Konjunktiv, weil er gar nicht weiß, ob es überhaupt noch – frustriert oder nicht – jenes „Bürgertum“ gibt, das Arnulf Baring auf die Barrikaden schicken möchte. Gewiss, man liest, über achtzig Prozent des Sozialprodukts würden vom „bürgerlichen Mittelstand“ erarbeitet, er sei „das Rückrad der Nation“ und ohne ihn gehe gar nichts. In der Praxis jedoch macht man andere Erfahrungen. Der Mittelstand mag produzieren und sich regen, ein Rückrat hat er nicht mehr, keine Idee von sich selbst und keine geistigen Standards, keine Kommandozentrale und kein Kraftzentrum, nichts.

Was es gibt und was sich bemerkbar macht, das sind die Finanzhalter und Manager der großen Banken und Konzerne, und deren Reaktion auf die politische Misere ist höchst kontraproduktiv: Sie sorgen sich nicht und sie sprechen nicht von Barrikaden, sondern sie gehen einfach raus aus dem Land, suchen sich fremde, billige Regionen, die ihren Verwertungsinteressen günstiger sind, und lassen die abgabehungrigen Politiker in die Röhre gucken. „In Malaysia investieren, in Oberbayern Golf spielen“, lautet ihre Devise, und sie kommen damit blendend über die Runden.

Kurioserweise rechnen auch sie sich in der Regel noch zum „Bürgertum“, zum Großbürgertum“ sogar, und verfälschen so die Optik. Denn von Bürgertum im klassischen schwarz-rot-goldenen Sinne ist an ihnen so gut wie nichts mehr auszumachen. Ihre Mentalität ist eher feudal-imperial, sie fühlen sich nicht mehr als Teil eines Volkes, sondern operieren mit überregionalen, beliebig verschiebbaren Massen. Ihre Beziehungen zu modernen Politikern, auch und gerade zu linken, sind meistens blendend, einerlei, ob diese nun als „Genosse der Bosse“ oder „Kanzler der Genossen“ posieren.

All das gilt es zu bedenken, wenn man die „Bürger“ für eine lang andauernde, risikoreiche und strategisch wohl zu planende Totalopposition, gar Revolution gewinnen will. Das angepeilte Ziel darf nicht nur darin bestehen, dass – um einmal mit Marx zu sprechen – der Käsehändler Meier seinen Laden an der Ecke um ein neues Schaufenster erweitern kann. Es müsste, wie bei allen echten Revolutionen, um wichtigere Dinge gehen als um Käse und Schaufenster. Und bedenke auch: „Das Bleibendste ist die Konterrevolution“ (Friedrich Hebbel).

Pankraz

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