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Alles nicht so gemeint - April, April!
Von Dieter Tanneberger
Pressemitteilung vom 24.11.2005


Ca. 400 Teilnehmer waren in das Internationale Congress Center nach Dresden gekommen, um einer Diskussion beizuwohnen, die die CDU-Landtagsfraktion unüberlegt und dann wohl erschrocken - jedenfalls zur Unzeit und ohne Not - über die Abschaffung von Agrarsubventionen vom Zaun gebrochen hatte. Am Ende aber April, April – war doch alles nicht so gemeint! Der CDU-Fraktion war das Thema: „Sachsens Landwirtschaft ohne Subventionen – Wunschbild oder Wirklichkeit?“ - offenbar durch die LANDPOST-Kritik (Nr.46/2005) doch zu heiß geworden und so kam es nicht zu der erwarteten Auseinandersetzung zwischen Podium und Publikum. Na Gott sei Dank auch! Interessant aber war in jedem Fall der Vortrag des Botschafters Neuseelands in der Bundesrepublik Deutschland, Exzellenz Peter Hamilton, den die Landtagsverwaltung versehentlich als Eminenz, dem Titel von Kardinälen, eingeladen hatte. Ja, ja in Sachsen ist man auf diplomatischem Parkett noch nicht so sicher.

Landwirtschaft ohne Subventionen – in Neuseeland schon Realität!
Rede des Botschafters Neuseelands in der Bundesrepublik Deutschland, Exzellenz Peter Hamilton, anläßlich des Forums Landwirtschaftspolitik der CDU-Fraktion des Sächsischen Landtags am 22.November 2005 im ICC Dresden

Sehr geehrter Herr Staatsminister Tillich, sehr geehrter Herr stellvertretender Vorsitzender Kupfer, sehr geehrter Herr Abgeordneter Heinz, sehr geehrte Mitglieder des Sächsischen Landtags, meine Damen und Herren,

Neuseeland ist heute eines der wenigen Industrieländer weltweit, die ihre Landwirtschaft kaum mehr subventionieren und ihren Agrarmarkt vollständig geöffnet haben. Trotzdem oder besser deswegen ist die neuseeländische Landwirtschaft heute absolut wettbewerbsfähig und auf den Weltmärkten sehr erfolgreich. Das war nicht immer so: Vor nur etwas mehr als zwanzig Jahren war sie noch hoch subventioniert.

Wie hat es die neuseeländische Landwirtschaft geschafft, trotz eines radikalen Subventionsabbaus erfolgreich zu bestehen? Diese Frage möchte ich versuchen zu beantworten, und ich bedanke mich bei den Initiatoren dieser Veranstaltung herzlich für die Gelegenheit dazu.

Agrarsubventionen sind ein Dauerthema. Ob es um die nächste finanzielle Vorausschau der EU oder den Abschluss der Welthandelsrunde geht: Aufgrund der finanziellen Summen und nationalen Interessen, die hier im Spiel sind, stehen Subventionierung und Marktzugang weiterhin ganz oben auf der Agenda.

Das agrarpolitische Forum stellt deshalb eine zentrale Frage, und ich freue mich sehr, Ihnen von den neuseeländischen Erfahrungen berichten zu dürfen. Meine Ausführungen sollen keinen Vorschlag oder gar eine Forderung darstellen, wie die Subventionen in der EU oder speziell in Deutschland zurückzufahren wären. Ob und gegebenenfalls was die EU und Deutschland daraus lernen können, werde ich Ihrem eigenen Urteil überlassen.

Ich hoffe aber, dass Sie am Ende nachvollziehen können, warum Neuseeland heute mehr denn je von den Weltmärkten abhängt und daher so vehement auf die Schaffung fairer Handelsbedingungen pocht. Die WTO ist für uns dabei von zentraler Bedeutung, und ich hoffe sehr, dass uns die Doha-Runde hier einen entscheidenden Schritt weiterbringt.

Ich werde in meinem Beitrag zunächst auf die heutige Situation der neuseeländischen Landwirtschaft eingehen. Den Hauptteil meiner Rede widme ich dann der vor rund zwanzig Jahren eingeleiteten agrarpolitischen Wende und ihren Auswirkungen. Abschließend möchte ich zusammenfassen, was wir selbst daraus gelernt haben.

Erlauben Sie mir also zunächst, Sie ein wenig mit der neuseeländischen Landwirtschaft vertraut zu machen.

Neuseeland liegt im Südwesten des Pazifischen Ozeans und besteht im wesentlichen aus zwei großen Inseln, die sich über eine Länge von rund eintausend sechshundert Kilometern erstrecken. Auf einer Fläche, die mit Großbritannien vergleichbar ist, leben nur wenig mehr als vier Millionen Einwohner, also etwa so viele wie in Sachsen.

Das Klima ist insgesamt gemäßigt, wobei der Norden noch subtropisch geprägt, der äußerste Süden indes schon recht kühl ist. Extreme Temperaturen sind landesweit aber eher selten, und ein ausgewogenes Verhältnis von Niederschlag und Sonne begünstigen die landwirtschaftliche Produktion. Wegen des milden Klimas können die Weiden das ganze Jahr über für die Tierhaltung genutzt werden. Das ist ein wichtiger Wettbewerbsvorteil, denn auf zusätzliches Futter und teure Stallhaltung kann so verzichtet werden.

Etwa vierundvierzig Prozent der Fläche unseres Landes werden landwirtschaftlich genutzt. Traditionell dominiert die Weidewirtschaft, mit einem Anteil an der landwirtschaftlichen Nutzfläche von über neunzig Prozent.

Rund vierzig Millionen Schafe bevölkern unser Land – Lammfleisch zählt immer noch zu unseren wichtigsten Agrarprodukten.

Wirtschaftlich bedeutender sind heute aber Milchwirtschaft und Rinderzucht: Mehr als fünf Millionen Milchkühe und rund vier Komma fünf Millionen Rinder gibt es in Neuseeland. Schweine- und Geflügelzucht spielen dagegen nur eine untergeordnete Rolle.

Deutlich zugenommen hat die Bedeutung des Gartenbaus, der nur etwa ein Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche in Anspruch nimmt, aber jedes Jahr rund eine halbe Million Tonnen Äpfel und mehr als eine viertel Million Tonnen Kiwis produziert. Der Ackerbau hingegen ist eher wenig verbreitet: Unsere Getreideproduktion deckt noch nicht einmal den Eigenbedarf.

Insgesamt stehen Viehwirtschaft, Ackerbau und Gartenbau für knapp vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die weitere Verarbeitung ist hier nicht mit eingerechnet. Diese Leistung wird von insgesamt fünfzig bis sechzig tausend landwirtschaftlichen Betrieben erbracht.

Die Höfe sind bei uns immer noch ganz überwiegend Familienbetriebe, doch nimmt der Anteil der Kapitalgesellschaften zu. Besonders in der Milchwirtschaft ist auch das sogenannte share-farming verbreitet: Der Hofbesitzer, meist ein älterer Landwirt, und der Bewirtschafter, meist ein Junglandwirt, teilen sich hier den Gewinn, meist fifty-fifty. (Allgemeine Heiterkeit, vor allem der LPG-Geschäftsführer im Saal)

Die Ernährungswirtschaft spielt bei uns ebenfalls eine große Rolle. Insgesamt hat die heimische Verarbeitungstiefe deutlich zugenommen. Stark konzentriert ist die Milchindustrie, in der Fonterra allein rund fünfundneunzig Prozent der gesamten Produktion repräsentiert. Die Genossenschaft wird von über elftausend Milchbauern getragen. Die Fleischwirtschaft ist weniger konzentriert, doch sind auch hier einige wenige Genossenschaften und Unternehmen dominant. Unsere Kiwis werden fast ausschließlich von Zespri vermarktet, einem von zweitausend fünfhundert Gartenbaubetrieben getragenen Unternehmen.

Da Neuseeland eine große landwirtschaftliche Nutzfläche, aber nur wenige Einwohner hat, ist unsere Landwirtschaft traditionell sehr exportorientiert: Rund neunzig Prozent unserer Produktion geht ins Ausland. Damit sind landwirtschaftliche Produkte unser Exportschlager: Sie machen immer noch über die Hälfte des gesamten jährlichen Exportwerts aus. Umso wichtiger ist für uns ein möglichst freier Zugang zu den Weltmärkten, schließlich haben wir eben keinen so großen Binnenmarkt wie die EU!

Wertmäßig stehen an erster Stelle die Milchprodukte, insbesondere Milchpulver, Butter und Käse, gefolgt von Fleisch, sonstigen viehwirtschaftlichen Produkten wie Tierhäute und -felle, Wolle, Kiwis und Äpfeln. Neuseeland ist weltweit der größte Exporteur von Lammfleisch und Milchprodukten, und der zweitgrößte Exporteur von Wolle.

Bis zum Beitritt Großbritanniens zur EG war das Land mit weitem Abstand unser wichtigster Absatzmarkt. Seitdem hat sich unser Exportgeschäft völlig neu ausgerichtet: Neben der EU sind heute vor allem Australien, Asien und die USA bedeutende Abnehmer.

Die neuseeländischen Landwirte haben umfassende Eigentumsrechte und sind daher grundsätzlich frei zu entscheiden, was, wie, und wie viel produziert werden soll. Die Regierung sieht ihre Aufgabe heute im wesentlichen darin, einen gewissen rechtlichen Rahmen zu setzen, etwa zum Zwecke des Tier- und Umweltschutzes, oder der Lebensmittelsicherheit. Für die damit verbundenen Kosten müssen unsere Landwirte vollständig selbst aufkommen. Entscheidend für ihren Erfolg ist heute vor allem, dass die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen stimmen und internationale Handelsbarrieren abgebaut werden.

Damit, meine sehr verehrten Damen und Herren, möchte ich meinen einführenden Überblick schließen.

Ich wende mich nun der eigentlichen Frage zu: Wie wurde eine Landwirtschaft ohne Subventionen Realität?

Bevor 1984 ein einschneidender Politikwechsel vollzogen wurde, war unsere Landwirtschaft ähnlich hoch subventioniert wie der europäische Agrarsektor heute.

Diese unhaltbare Lage war nicht über Nacht entstanden, sondern das Ergebnis einer über die Jahre zunehmenden protektionistischen Politik. Früher einmal hatte die Landwirtschaft Neuseeland zu einem der wohlhabendsten Länder gemacht, doch schließlich befanden wir uns in einer wirtschaftspolitischen Sackgasse.

Die zunehmende Subventionierung und Abschottung hatten sich in mehreren Schritten vollzogen:
Mit der Einrichtung sogenannter producer boards für Fleisch und Milchprodukte in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts monopolisierte die Regierung zunächst das Exportgeschäft. Gegenüber den britischen Hauptabnehmern sollte so die eigene Verhandlungsmacht vergrößert werden. Später wurden ähnliche Einrichtungen auch für Wolle und Obst geschaffen und die Kompetenzen dieser boards immer weiter ausgedehnt.

Als Reaktion auf die Weltwirtschaftskrise begann Neuseeland in den dreißiger Jahren systematisch, die Einfuhren zu beschränken, vor allem über strikte Quotenregelungen und die Einführung von Importlizenzen.

Schon in den fünfziger Jahren stand das Land somit unter einem extrem hohen Außenschutz, profitierte seinerseits aber noch von einer weltweit hohen Nachfrage nach Agrarprodukten. Die strikte Einfuhrkontrolle sollte damals in erster Linie die unterentwickelte heimische Industrie fördern. Sie belastete damit aber indirekt die Landwirtschaft, da diese Politik die Betriebsmittelpreise verteuerte. Aufgrund des steigenden Wohlstands nahm der Importbedarf an Industrieprodukten trotzdem weiter zu.

Zur Verbesserung der Handelsbilanz sollten jetzt die Agrarexporte gesteigert werden. Durch Investitionsanreize wollte man die landwirtschaftliche Produktion ankurbeln und höhere Export-Erlöse erzielen. Mit zinsgünstigen Krediten durch den Staat, großzügigen Abschreibungsmöglichkeiten und Beihilfen für Düngemittel begann in den sechziger Jahren die direkte Subventionierung der Landwirtschaft.

Der Beitritt Großbritanniens zur EG 1973 war ein Schock für die neuseeländischen Bauern. Bis dahin war das Vereinigte Königreich der Hauptabnehmer gewesen und hatte gute Preise gezahlt. Mit der Übernahme der europäischen Agrarpolitik und der damit verbundenen höheren Handelsbarrieren in Großbritannien erlebte Neuseeland nun selbst die Kehrseite des Protektionismus’. Innerhalb kürzester Zeit musste sich unsere Landwirtschaft nach anderen Märkten umschauen, bei sinkenden Weltmarktpreisen. Gleichzeitig sorgte die Ölkrise für eine weitere Verschlechterung der Handelsbilanz.

Die neuseeländische Regierung reagierte mit zusätzlichen Produktionsanreizen und führte nun auch die direkte Preisunterstützung ein. Dies geschah zunächst vereinzelt, ab 1978 dann systematisch und für alle wesentlichen viehwirtschaftlichen Produkte, finanziert durch Steuergelder. Lagen die internationalen Marktpreise unter dem zuvor zentral festgelegten Minimum, erhielten die Landwirte entsprechende Kompensationszahlungen. Zusätzlich wurde die damals gebundene neuseeländische Währung mehrfach abgewertet, um den schlechten terms of trade entgegenzuwirken.

Protektionismus und zunehmende Subventionierung führten zu einem weiteren Rückgang der Wettbewerbsfähigkeit. Bei weiter fallenden Weltmarktpreisen und weltweit anhaltend hohen Handelsbarrieren drehte sich die Kostenspirale nun immer schneller: Allein zwischen 1980 und 1983 verdoppelten sich nochmals, bezogen auf den Produktionswert, die Landwirtschaftssubventionen, nämlich von sechzehn auf über dreißig Prozent. Bei den Schafzüchtern machte die Hilfe sogar fünfzig Prozent aus.

Man darf aber nicht verschweigen, dass die Subventionierung anderer Wirtschaftszweige noch deutlich höher ausfiel. Dies belastete die Landwirtschaft letztlich indirekt stärker, als diese selbst von gewährten Subventionen profitierte!

Auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise musste die konservative Regierung zwischen 1982 und 1984 fast zwei Jahre lang Preise, Löhne, Gehälter, Zinsen und Mieten einfrieren. Anfang 1984 stand die „Festung Neuseeland“ wirtschaftlich vor dem Abgrund.

Was war die Folge dieser Politik, abgesehen davon, dass sie teuer war und auf lange Sicht untragbar?

Anfang der achtziger Jahre bekamen unsere Landwirte so gut wie keine Marktsignale mehr zu spüren und waren dadurch immer weniger wettbewerbsfähig. Die hohe Abhängigkeit von Subventionen unterminierte das Unternehmertum und bremste Innovationen. Die Produktivitätssteigerungen waren daher nur gering. Gleichzeitig kam es durch die finanziellen Anreize zu einer Fehlallokation von Ressourcen. So begünstigten besonders hohe Fördersätze die Schafzucht zu Lasten der Rinderzucht, obwohl die Nachfrage auf den Weltmärkten nach Lammfleisch und Wolle damals schon rückläufig war, während sich Rindfleisch zunehmender Beliebtheit erfreute. Die Subventionspolitik führte zum ineffizienten Gebrauch von Betriebsmitteln und zu überhöhten Bodenpreisen. Zusammen mit den günstigen Zinsen sorgte dies für eine zu leichtfertige Aufnahme von Krediten. Andere Nutzungsformen wurden unwirtschaftlich, selbst ungeeignete Flächen hingegen landwirtschaftlich genutzt.

Die neuseeländische Ernährungswirtschaft war damals ebenso wenig wettbewerbsfähig wie unsere Landwirtschaft. Aufgrund des hohen Schutzniveaus und der ineffizienten Produktionsmethoden schöpfte sie zumindest indirekt einen Teil der Preisstützung ab, zu Lasten der Landwirte. Auch die vorgelagerten Bereiche und der Dienstleistungssektor waren wenig effizient. Für Verbesserungen gab es keine Anreize, stattdessen baute man darauf, bei den Landwirten überhöhte Preise durchsetzen zu können.

Mit dem Regierungswechsel 1984 wurde in der Landwirtschaftspolitik eine fundamentale Wende eingeleitet.

Den folgenden, sicher radikalen Subventionsabbau in der Landwirtschaft muss man indes im Zusammenhang mit der zeitgleich eingeleiteten umfassenden Deregulierungspolitik sehen. Bürokratieabbau, Marktöffnung, Liberalisierung und später auch die Flexibilisierung des Arbeitsmarkts brachten so für die Landwirte erhebliche Verbesserungen mit sich. Sie erleichterten den Anpassungsprozess und sollten schließlich den Verlust der Subventionen mehr als aufwiegen!

Gleich nach ihrem Antritt machte die frisch gewählte Labour-Regierung unter Premierminister David Lange klar, dass die Landwirtschaft von der angestrebten Rückkehr zum Marktprinzip nicht verschont werden würde. Tatsächlich muss man rückblickend feststellen, dass der Landwirtschaftssektor besonders rigoros reformiert wurde, während unsere Industrie zunächst eher vorsichtig angefasst wurde. Die Wiedereinführung des Marktmechanismus’ in der Landwirtschaft sollte erreicht werden durch

* Erstens: Die Rückführung der Preissubventionierung.

* Zweitens: Die Abschaffung der Input-Subventionen.

* Drittens: Die Marktanpassung der Zinssätze.

* Viertens: Die Abschaffung der Steuervergünstigungen.

Und fünftens: Die Gebührenerhebung für staatliche Dienstleistungen.

Die neuseeländische Landwirtschaft sollte damit endlich wieder realen Marktpreisen sowohl für die benötigten Betriebsmittel und Produktionsfaktoren als auch für die erzeugten Produkte ausgesetzt werden.

Ziel dieser Kehrtwende war es, die Effizienz zu steigern, die Kundenorientierung zu verbessern und letztlich wieder international wettbewerbsfähig zu werden.

Innerhalb von sechs Jahren wurde der Subventionierungsgrad auf drei Prozent zurückgefahren. Heute macht die staatliche Hilfe, etwa für Forschung oder Katastrophenhilfe, nur noch ein bis zwei Prozent des jährlichen Produktionswertes aus.

Nur die producer boards wurden eher zögerlich reformiert. Erst verloren sie die für ihre eigenen Stabilitätsmaßnahmen gewährte zinsgünstige Kapitalversorgung und ihre Monopolstellung bei Aufkauf und Vertrieb für den heimischen Konsum. Später wurden die kommerziellen Aktivitäten in private Unternehmen ausgegliedert, während die früheren administrativen Aufgaben schließlich fast völlig wegfielen. Das heute noch existierende meat board ist im wesentlichen nur noch für das Management der von Drittländern gewährten Exportquoten zuständig.

Auch das Landwirtschaftsministerium richtete sich damals neu aus. Verfügte die Landwirtschaftsverwaltung vor Beginn der Reformen über fast sechstausend Beschäftigte, so sind es heute nur noch rund eintausend dreihundert. Dieser Rückgang ist das Ergebnis einer radikalen Aufgabenkritik:

Die Forschungsaktivitäten wurden auf eigenständige Einrichtungen übertragen. Forschungsgelder wurden nun im Wettbewerb vergeben und nur für Projekte von allgemeinem Interesse bewilligt. Landwirtschaftliche Beratungsdienstleistungen wurden ausgegliedert und privatisiert. Qualitätskontrollen, Zertifizierungen und sonstige Leistungen für die Betriebe wurden diesen in Rechnung gestellt. Das Aufgabenspektrum nahm zudem auf ganz natürliche Weise ab: Es wurden ja keine Preise und Quoten mehr gesetzt, keine Kredite mehr vergeben, und keine Preissubventionen mehr gewährt.

Meine Damen und Herren! Lassen sie mich die Reformgeschichte kurz zusammenfassen:

Innerhalb einer kurzen Zeitspanne von nur drei Jahren mussten die neuseeländischen Landwirte lernen, ohne Subventionen auszukommen und sich vollständig an den Weltmarktpreisen auszurichten. Gleichzeitig profitierten sie von einer umfassenden Liberalisierung und Deregulierung in anderen Bereichen. Auch die Privilegien anderer Interessengruppen, insbesondere der Industrie, wurden abgeschafft. Diese Umsteuerung erfolgt insgesamt zwar zögerlicher als in der Landwirtschaft, sodass unsere Landwirte anfangs noch mit Benachteiligungen zu kämpfen hatten. Am Ende wirkten die Reformen aber eindeutig entlastend!

Welche Folgen hatte die praktisch vollständige und zügige Abschaffung der Subventionen für die neuseeländische Landwirtschaft?

Hier muss man sicher unterscheiden zwischen den unmittelbaren Auswirkungen während der Umbruchphase und den langfristigen Auswirkungen, wie sie heute sichtbar werden. Zunächst mochten die neuseeländischen Bauern die deutliche Ansage der Regierung gar nicht glauben. Als diese ihre Ankündigungen dann recht bald in die Tat umsetzte, war die Wut groß: In einer riesigen Demonstration versammelte sich 1986 fast ein Drittel der Landwirte vor dem Parlamentsgebäude. Die Regierung blieb hart, wurde aber auch nicht müde, auf die erwarteten positiven Auswirkungen ihrer Wirtschaftsreformen auf die Landwirtschaft zu verweisen.

Mit der Abschaffung der Subventionen und zusätzlich durch fallende Umsätze, ungünstige Wechselkurse, eine hohe Inflation und klimatische Widrigkeiten getroffen, sanken die Gewinne der Landwirte aber zunächst drastisch.

Die Betriebe reagierten darauf mit ebenso drastischen Einsparungen. Der Düngemittelverbrauch wurde reduziert, Instandhaltungsmaßnahmen eingeschränkt, Investitionen zurückgefahren, und Arbeitskräfte entlassen. Gleichzeitig gab es Versuche, kurzfristig anderweitig Einkommen zu erzielen, etwa durch die Schlachtung von Tierbeständen oder den Verkauf von Land und Maschinen. Durch diese vollständig neue Situation gingen die Boden- und Viehpreise fast über Nacht um die Hälfte zurück.

Dies wiederum verstärkte den schon durch die Einführung marktüblicher Zinsen erhöhten Schuldendruck. Die anfängliche Ungläubigkeit und Wut wichen nun einer weit verbreiteten Resignation. Bei der Um- und Entschuldung bot die Regierung dann aber doch weitreichende Hilfe an. Sie schrieb einen erheblichen Teil der staatlich subventionierten Kredite ab und ermunterte die privaten Geldgeber zu ähnlichen Schritten. Da diese wegen der fallenden Bodenpreise letztlich auch kein Interesse hatten, die Kreditnehmer zum Verkauf ihrer Grundstücke zu treiben, mussten letztlich nur wenige Betriebe tatsächlich verkauft werden.

Nach etwa drei Jahren, die in der Tat hart und überaus belastend waren, begann man aber doch Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Das Bewusstsein, das eigene Schicksal selbst in die Hand nehmen zu müssen, breitete sich aus. Unterstützt durch von der Regierung eingesetzte Berater entstanden ländliche Selbsthilfegruppen. Gleichzeitig wurde auch der Finanz- und Dienstleistungssektor effizienter und verbesserte so die Rahmenbedingungen für die Neuausrichtung der Betriebe.

Auf die nun deutlich wahrnehmbaren, internationalen Marktsignale reagierten die neuseeländischen Landwirte zunehmend offensiv. Die Produktion wurde der weltweiten Nachfrage angepasst, indem etwa die Schafzucht zurückgefahren, die Milchwirtschaft ausgebaut wurde. Ungeeignetes Grasland wurde umgenutzt, zum Beispiel für den Gartenbau oder die Forstwirtschaft, die in den Folgejahren einen regelrechten Boom erlebte. So blieben die Exporterlöse trotz der Umstrukturierung über die Jahre erstaunlich stabil.

Die Betriebsgrößen nahmen insgesamt zu. Das Produktionsspektrum wurde diversifiziert, um das Risiko zu streuen und besser auf Marktentwicklungen reagieren zu können. Moderne Managementmethoden wurden eingeführt, die output-Orientierung durch Qualitäts- und Kundenorientierung ersetzt. Innovation, nicht Subvention, wurde nun zum Schlüssel für den Betriebserfolg. Gleichzeitig wurden sich die Landwirte bewusst, dass der Erfolg auf den Agrarmärkten nicht nur von Effizienzgewinnen auf dem eigenen Hof abhing. So riefen sie nun selbst nach weiteren Reformen: Die Inflation sollte besser unter Kontrolle gebracht, die Zölle auf importierte Produkte gesenkt, das Transportwesen dereguliert, der Arbeitsmarkt flexibilisiert werden.

Das positive Zusammenspiel von zunehmender Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe und umfassender Deregulierungspolitik sorgte in den späten achtziger Jahren endlich wieder für steigende Zuversicht, steigende Produktivität und steigendes Einkommen. Binnen fünf Jahren erholte sich das Einkommensniveau der Milchbauern wieder, ein Jahr später konnten auch die Schafzüchter an das Niveau vor Beginn der Reformen anknüpfen. Der Beitrag der Landwirtschaft zum Bruttoinlandsprodukt stieg in den Reformjahren trotz aller Unwägbarkeiten weiter an: Während die Gesamtwirtschaft bis etwa Mitte 1993 stagnierte, wuchs der Landwirtschaftssektor stetig, abgesehen von einigen witterungsbedingten Ausnahmejahren.

Die Entwicklungen in der Landwirtschaft hatten natürlich auch Auswirkungen auf die vor- und nachgelagerten Bereiche und den ländlichen Raum insgesamt. Die vorgelagerten Bereiche, vor allem die Düngemittelindustrie, bekamen den Wegfall der Subventionen und den folgenden Nachfragerückgang deutlich zu spüren. In der Folge schrumpfte der Sektor ganz erheblich, steigerte aber die Produkt-Vielfalt und optimierte Logistik und Vertriebswege.

In der Ernährungswirtschaft vollzog sich ebenfalls ein deutlicher Strukturwandel. In der fleischverarbeitenden Industrie, überwiegend in privatwirtschaftlichen Unternehmen organisiert, stellte binnen zehn Jahren etwa ein Viertel der alten Verarbeitungsbetriebe die Produktion ein. Angesichts abnehmender Tierbestände und mangelnder Effizienz konnten diese nicht mehr mithalten. Sie wurden ersetzt durch eine größere Zahl eher kleiner, hervorragend ausgestatteter Verarbeitungsbetriebe, die zudem deutlich näher an ihre Lieferanten heranrückten.

Gleichzeitig nahm die Verarbeitungstiefe zu: Noch Mitte der siebziger Jahre ging zum Beispiel fast die gesamte Lammfleischproduktion als Schlachtkörper nach Großbritannien. Anfang der neunziger Jahre wurden hingegen sechzig Prozent im Land weiter verarbeitet.

In der milchverarbeitenden Industrie, überwiegend genossenschaftliches Eigentum der Landwirte, kam es eher zu Fusionen, doch fand auch hier ein durchgreifender Rationalisierungsprozess statt. Gab es Anfang der achtziger Jahre noch rund vierzig Molkereien, so waren es Ende der neunziger Jahre schon weniger als zehn. Ähnliche Entwicklungen gab es in der obst- und gemüseverarbeitenden Industrie.

Unsere Ernährungswirtschaft ist übrigens auch heute noch ganz überwiegend in neuseeländischem Besitz.

Im ländlichen Raum blieb die Abschaffung der Subventionen natürlich auch nicht folgenlos.

Da die lokalen Wirtschaftskreisläufe ganz erheblich von der Nachfrage der Landwirte abhingen, musste anfangs eine Reihe von Geschäften und Dienstleistern aufgeben. Mit der Rationalisierung und Zentralisierung öffentlicher Dienstleistungen, etwa im Gesundheitsbereich, verloren die ländlichen Regionen zusätzlich an Attraktivität. Andererseits wurde so das Angebot an die reale Nachfrage angepasst.

Nicht zuletzt nahm auch die Beschäftigung in der Landwirtschaft zunächst deutlich ab. Letztendlich hielt sich die Landflucht aber in sehr engen Grenzen. In Regionen, die von aufstrebenden Wirtschaftszweigen wie der Forstwirtschaft oder dem Tourismus profitieren konnten, fand sie gar nicht statt. Seit Mitte der neunziger Jahre gilt die Umbruchphase in der neuseeländischen Landwirtschaft als beendet. Heute steht sie glänzend da und erfreut sich positiver Aussichten:

* Das von der Landwirtschaft erwirtschaftete reale Bruttoinlandsprodukt liegt mittlerweile etwa achtzig Prozent über dem Niveau vor Beginn der Reformen.

* Die Gesamtproduktivität der Landwirtschaft hat sich verdoppelt, vor allem durch konzentrierte Forschung, ständige Innovation und neue Größenvorteile.

* Die Bodenpreise sind mittlerweile wieder etwa so hoch wie früher, sind aber nun tatsächlich gerechtfertigt.

* Der Verschuldungsgrad der Betriebe liegt inzwischen in einem gesunden Rahmen.

Wegen des fehlenden Schutzes haben neuseeländische Landwirte heute viel stärkere Anreize, sich schnell an neue Entwicklungen anzupassen, zum Beispiel veränderte Konsumgewohnheiten. Entsprechend haben sie sowohl ihre Absatzmärkte als auch ihre Produktpalette erheblich erweitert. Mit dem boomenden Tourismus und neuen Formen der Freizeitgestaltung hat der ländliche Raum zusätzliche Einkommensmöglichkeiten erschlossen. Nicht zuletzt werden nun Umweltaspekte stärker berücksichtigt, auch gefördert durch die stärkere Qualitätsorientierung der landwirtschaftlichen Betriebe. Durch die Umstellung ist die Landwirtschaft heute zwar produktiver, aber weniger intensiv. Eine saubere Umwelt spielt heute bei der Vermarktung neuseeländischer Agrarprodukte eine zentrale Rolle.

Meine sehr verehrten Damen und Herren!
Die große Frage zum Schluss: Was haben die neuseeländischen Landwirte aus den Erfahrungen gelernt? In einem Satz gesagt: Es gibt ein Leben nach der Subventionierung. (Unruhe im Saal)

Kaum einer will heute noch zu den „alten Zeiten“ zurück. Lange Zeit wurde auch bei uns argumentiert, freie Agrarmärkte und subventionsfreie Landwirtschaft trieben die Landwirte in den Ruin und würfen massive soziale Probleme auf. Diese Befürchtungen haben sich nicht bestätigt. Die Behauptung, dass Landwirtschaft nicht ohne Subventionen auskommen kann, hat sich zumindest bei uns als ein Mythos entpuppt. Mehr noch: Der Subventionsabbau ist sogar unilateral möglich und sinnvoll. Er vollzog sich unabhängig von der Politik in anderen Ländern, und doch hat Neuseeland davon profitiert.

Eine entscheidende Voraussetzung für den Erfolg kann man aber nicht genug betonen: Subventionsabbau und Liberalisierung in der Landwirtschaft müssen mit einer deutlichen Verbesserung der Rahmenbedingungen einhergehen, das heißt im einzelnen: Bürokratieabbau, Entlastung von Meldepflichten und Auflagen, ein wettbewerbsfähiges Steuersystem, ein flexibler Arbeitsmarkt. Wem bürokratische Lasten abgenommen und neue Absatzchancen eröffnet werden, der ist auch leichter in der Lage, auf Subventionen zu verzichten.

Wer sich vor Augen führt, welche wirtschaftliche Bedeutung der Export von Agrarprodukten für uns hat, der versteht, warum wir uns in der Doha-Runde so sehr für die Abschaffung handelsverzerrender Subventionen und die Verbesserung des Marktzugangs einsetzen. Die laufenden WTO-Verhandlungen haben für uns höchste Priorität.

Wer zudem weiß, welch tiefgreifendem Wandel sich unsere Landwirtschaft selbst unterworfen hat, der wird vielleicht auch verstehen, warum viele neuseeländische Bauern nicht glauben wollen, dass hohe Agrarsubventionen und Marktabschottung anderswo unverzichtbar sein sollen.

Dank ihrer hervorragenden Positionierung und der steigenden Nachfrage nach ihren Produkten blicken unsere Landwirte heute jedenfalls so positiv wie selten zuvor in die Zukunft – und das ohne Subventionen!

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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