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Ein Lob auf die Reichen
Sie werden verhöhnt, beneidet und angefeindet. Zu Unrecht
von Peter Gillies in „Die Welt“ vom 17.11.2004
Pressemitteilung vom 18.11.2004


Ihnen begegnen Neid und Bewunderung, zuweilen auch die Steuerfahndung. Sind die Reichen und die Superreichen ein ordnungspolitischer Sündenfall einer ansonsten überwiegend sozialen Marktwirtschaft? Wie seriös ist die Formel, daß sich die Kluft zwischen Arm und Reich in den letzten Jahrzehnten gespreizt hat, ja daß sich sogar die Reichen auf Kosten der Armen mästeten?

Auf den unteren Stufen der Leiter zum Reichtum herrscht Gedränge, oben wird es einsam. Am stärksten ist die Stufe der Durchschnittsverdiener bevölkert, dann geht es zu den Besserverdienern, bisweilen auch Gutverdiener genannt; es folgen die Wohlhabenden und die Vermögenden, alsdann die Millionäre. Ihre Schar soll in Deutschland rund 750 000 betragen. Wer die nächste, die oberste Stufe erklommen hat, ist meist namentlich bekannt: die Milliardäre, die auch als Super- oder Mega-Reiche daherkommen. Was tun die Reichen mit ihrem Einkommen? Die Antwort ist schlicht: Zuerst zahlen sie kräftig Steuern. Aus der Einkommensteuerstatistik ergibt sich, daß die dünne Schicht der Wohlhabenden den Löwenanteil des Steueraufkommens bestreiten. Zugespitzt: Ohne die Abgaben der "Besserverdiener" wäre der Sozialstaat längst pleite.

Wenn Einkommen zu Vermögen geronnen ist, lassen sie es arbeiten. Sie legen es an. Beispielsweise indem sie es dem in Rekordhöhe verschuldeten Staat pumpen. Sie helfen Finanzminister Hans Eichel aus der Klemme, indem sie Staatspapiere kaufen. Ferner investieren sie es via Aktien in Unternehmen oder in Immobilien. Der Konsum von Kaviar, Kaschmir und Karosse verblaßt dahinter.

Die Faszination des Reichtums gründet auf die Vermutung, daß Geld auch glücklich mache. Daß dem nicht so ist, freut die Habenichtse. Sie reiben sich die Hände, wissen sie doch, daß ein reicher Mann oft nur ein armer Mann mit viel Geld ist. Anders verhält es sich mit dem Zusammenhang von Vermögen und Zufriedenheit. Umfragen in Europa ergaben, daß zwischen beidem eine leichte Korrelation besteht. Amerikanische Studien weisen dagegen aus, daß Reiche mit ihrem Leben nicht wesentlich zufriedener sind als arme Schlucker.

Die Wege zum Reichtum sind windungsreich und aufregend, allgemein gültige Blaupausen dafür gibt es nicht. Als die Westdeutschen am 21. Juni 1948 mit der gleichen Kopfquote von 40 Deutscher Mark in die Marktwirtschaft starteten, waren alle gleich reich und gleich arm. Schon eine logische Sekunde später begann jedoch die Ungleichheit - je nachdem, wie sie das frische Geld anlegten. Diese Ungleichheit wuchs im gleichen Tempo wie das Wirtschaftswunder näher rückte. Josef Neckermann, Max Grundig oder Grete Schickedanz, Richard Branson oder Bill Gates wurden reich - und machten andere reich. Einschlägige Ratgeberliteratur gibt es meterweise. Wie werde ich reich? Der Weg zur ersten Million. Meist Exegesen der Metapher vom Tellerwäscher zum Millionär. Für die Durchlässigkeit der Gesellschaft ist jedoch eine Abwandlung nötig: Vom Tellerwäscher zum Millionär und zurück. Wer sich ins kalte Wasser der Märkte wirft, dem stellenweise beinharten Wettbewerb stellt und es riskiert, sich mit einer neuen Idee anfangs lächerlich zu machen, sollte alle Chancen bekommen - auch die zweite oder dritte, wenn er mit der ersten scheitert.

Offene Gesellschaften produzieren mehr Reiche als verklemmte. Bei ihnen gibt es mehr Bewegung unter den Wohlhabenden. In der jüngsten Liste des US-Magazins "Forbes" tauchen 313 amerikanische Milliardäre auf. An der Spitze steht zwar unverändert Microsoft-Gründer Bill Gates, aber es finden sich 45 neue Namen. Die prominentesten und zugleich die jüngsten sind sicherlich die Google-Gründer Sergey Brin und Larry E. Page. Die Liste der reichsten Deutschen ist dagegen über Jahre wenig verändert. Der zweite Unterschied: In den USA gibt es mehr selbsterworbenen als ererbten Reichtum. Reichgewordene zeigen, wie es geht, und sie beweisen, daß es geht. Sie hauchen der blassen Politformel, daß Leistung sich lohne, Leben ein. Sie riskieren oder schätzen es, dafür im Neid der anderen zu baden. Daß sie auch viel Steuern zahlen, erfreut die Verteilungspolitiker und beschert der Sozialpolitik erst ihre Solvenz. Aber das entscheidende Motiv, warum sich Gesellschaften möglichst viele Reiche halten sollten, steckt in jenem markwirtschaftlichen Imperativ, den einst Ludwig Erhard setzte: Wohlstand für alle. Das Konzept war nicht neu. Der schottische Moralphilosoph Adam Smith (1723-1790), Nestor der modernen Marktwirtschaft, entdeckte die "unsichtbare Hand": Der Nutzen der Reichen liegt darin, daß sie ihrer Selbstsucht und Raubgier folgen und dabei die allgemeine Wohlfahrt fördern, ohne es zu beabsichtigen, ja ohne es zu wissen. Wenn die Menschen wünschten, daß es jedermann gut oder besser gehe, müsse man allen Leuten Anreize verschaffen, soviel wie möglich zu tun, was anderen nützt. "Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers oder Bäckers erwarten wir unsere Mahlzeit, sondern von deren Bedachtnahme auf ihr eigenes Interesse", definierte Smith die unsichtbare Hand, die einige reich, aber eben auch viele wohlhabend macht. Ludwig Erhard, Vater des "Wirtschaftswunders" und zweiter deutscher Bundeskanzler, mahnte zur Mehrung, nicht zur Teilung des Wohlstandes. Der Weg dorthin führe nicht über die Division des Sozialprodukts, sondern über dessen Multiplikation. Wichtiger Treibsatz einer Gesellschaft, die reich werden will, ist die Ungleichheit. Sie spornt zur Überwindung an. Die Methode ist der Wettbewerb, Vorstoß und Verfolgung, die Geburt neuer Ideen, jener spontane und zuweilen chaotische Kampf um bessere Lösungen.

Stroh im Kopf, aber Geld wie Heu - die Welt ist eben ungerecht. Der Stoßseufzer über die Ungleichheit. Milton Friedman, der liberale Monetarist, stellte fest, daß Menschen die Ungleichheit eher akzeptieren, wenn sie auf Glück, als wenn sie auf Leistung basiert. Gewinnt der Nachbar in der Lotterie, beneidet man ihn zwar, ist ihm aber nicht ernstlich böse. Verdient der Nachbar jedoch im gleichen Beruf mehr, schwellen Neid und Ärger gleichermaßen. Besserverdiener sind stets jene Leute, die mehr verdienen als ich. Niemand neidet einem Fußballspieler oder einem Fernsehgaukler die Million, wohl aber einem Unternehmer.

Der Wunsch, den Reichen endlich möglichst viel von dem abzuknöpfen, was sie erworben oder ererbt haben, zieht sich quer durch die Geschichte. Freilich hat es die Armen nie reich gemacht, wenn man die Reichen arm machte. Friedrich August von Hayek (1899-1992), liberaler Freiheitsdenker und Nobelpreisträger: "Die Forderung nach Gleichheit läuft darauf hinaus, den Reichen möglichst viel wegzunehmen. Wenn dann der Raub verteilt ist, stellt man fest, daß es nicht mehr Gleichheit gibt, sondern insgesamt weniger Wohlstand gibt."

Hobbysegler John F. Kennedy, 35. Präsident der USA, kleidete die Formel vom Zusammenhang zwischen Wachstum und Massenwohlstand in ein maritimes Bild: "Wenn die Flut steigt, steigen mit ihr alle Boote auf dem Wasser." Nun wird beklagt, daß in jüngster Zeit der Wohlstand eben nicht gleichmäßig für alle steige. Falsch und richtig zugleich. Wenn die Flut steigt, steigen alle Boote mit, morsche Kähne, schrottreife Seelverkäufer und noble Jachten. Anders definiert: Ein Sozialhilfeempfänger des Jahres 2004 genießt einen deutlich höheren Lebensstandard als ein gutverdienender Facharbeiter des Jahres 1953.Die Sehnsucht nach Gleichheit wirft die Frage auf, ob der Wohlstand das Durchgangsstadium von der Armut zur Unzufriedenheit ist. Es gäbe zu viele Reiche und zu viel Arme, wird beklagt, man müsse den Hobel ansetzen, um mehr Gleichheit einzuschleifen. Sie im Sinne von Startgerechtigkeit am Anfang zu definieren, nützt allen. Alexander Rüstow, ein Zeitgenosse Ludwig Erhards, spitzte es zu: Jedem das Seine, fordert die Gerechtigkeit, jedem dasselbe, fordert der Neid. Das laufe darauf hinaus, daß es allemal besser sei, alle wären gleich arm, als alle reich, aber eben einige noch reicher.

Reichtum ist so relativ wie Armut. Im regierungsamtlichen Armuts- und Reichtumsbericht scheint bereits als reich auf, wer mehr als das Doppelte eines Durchschnittseinkommens verdient - rund 4400 Euro. Er darf entsprechend gerupft werden. Die Hälfte des Durchschnitts wird dagegen vielfach als Armutsanzeige definiert. Zweifel sind angebracht, denn danach würde die Armut steigen, wenn die Einkommen klettern. Wenn eine übergroße Mehrheit wirtschaftlich schwach ist, wäre danach die Armut weitgehend verschwunden. Frage: Ist die Sozialhilfe ein Indikator für Armut oder ein Beleg für ihre Überwindung? In den anderthalb Jahrzehnten zwischen 1985 und 1998 beispielsweise ist der Anteil der westdeutschen Bevölkerung mit weniger als 50 Prozent des durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommens von 11,2 auf 9,5 Prozent gesunken. Die Datenlage über das Spannungsverhältnis Arm-Reich ist wenig verläßlich. Eindeutig über die letzten Jahrzehnte ist jedoch: Die Vermögensverteilung hat sich nur wenig verschoben, wohl aber ist der Massenwohlstand gewachsen. Der Volksmund definiert so pfiffig wie treffend: Reich ist, wer weder schmeicheln noch borgen muß.

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