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Stasi
Ein Starschiedsrichter als Spitzel
Von Giselher Spitzer
Pressemitteilung vom 09.11.2006


Der bekannteste Schiedsrichter der DDR ein Stasi-Spitzel! Wenn der Deutsche Bundestag sich in den nächsten Tagen einer Novellierung des Stasi-Unterlagen-Gesetzes verweigert, wird es solch eine Nachricht künftig nicht mehr geben. Fälle wie die fast zwanzigjährige Stasi-Mitarbeit von Siegfried Kirschen bleiben wahrscheinlich unentdeckt, wenn die Politik nicht noch einmal umdenkt.

Denn am 29. Dezember soll die Verjährung von Stasi-Belastungen einsetzen. Dann würden selbst Sportfunktionäre in hohen Funktionen nicht mehr überprüft. Leute eben wie Kirschen, den ehemaligen "Inoffiziellen Mitarbeiter" (IM) des Mielke-Imperiums, der unter dem Decknamen "Friedrich" Informationen über seine Mitmenschen sammelte und an die Stasi weitergab. Seiner Karriere im Sport, sie führte ihn über die DDR-Oberliga bis hinauf in den Schiedsrichterkreis des Internationalen Fußball-Verbandes, hat die konspirative Mitarbeit nicht geschadet. Auf dem fünften Verbandstag wurde der frühere Offizier der Nationalen Volksarmee Ende Oktober als Präsidenten des Landesfußball-Verbandes Brandenburg bestätigt, er amtiert schon seit 1990. Ob 109 Delegierte für ihn gestimmt hätten (57 Gegenstimmen), wenn sie von seiner unangemeldeten Nebentätigkeit zwischen 1962 und 1982 gewußt hätten? Kirschen sagte auf Anfrage, er fühle sich diffamiert und weise die Vorwürfe zurück.

Zur aktiven Beteiligung verpflichtet
Nach Aktenlage berichtete Kirschen beinahe zwei Jahrzehnte, ohne sich zu "dekonspirieren". Er verpflichtete sich am 1. Oktober 1962 handschriftlich und mit Unterschrift zur "Zusammenarbeit". Sie endete offiziell am 23. März 1982. Die Unterlagen in der Birthler-Behörde zeigen, daß Kirschen sich mit unterschiedlicher Intensität aktiv am Unterdrückungssystem beteiligt hat. So finden sich handgeschriebene Berichte für die Stasi, die mit dem Decknamen unterzeichnet sind. Auch Abschriften von Tonbändern sind erhalten, die der IM ausschließlich für die Auswertung durch den Staatssicherheitsdienst besprochen hatte. Ebenso können die sogenannten "Treffberichte" der Stasi-Führungsoffiziere über geheime Gespräche nachgelesen werden, die zum Teil in einer "Konspirativen Wohnung" des MfS stattfanden - niemand sollte schließlich von den Kontakten wissen. (Akten-Signaturen: AIM 6610/69-A und -P sowie AGMS 8979/82.)

Auszüge aus den Dokumenten belegen, daß Kirschen Schaden für die Bespitzelte offensichtlich billigend in Kauf nahm. Seinen selbst gewählten Decknamen "Friedrich" nutzte er erstmals am 9. Mai 1963, als er handschriftlich die ideologische Zuverlässigkeit eines Offiziersschülers kritisierte und informierte: "Zum anderen hilft er Genossen Entlassungsgesuche aufzusetzen."

„Schwert der Partei“
Auch im Fußball beurteilt Kirschen sein Umfeld: Am 27. Mai 1979 wurde über einen Trainer im Fußballclub Frankfurt/Oder berichtet, daß dieser nur "unter kapitalistischen Bedingungen arbeiten kann". Laut IM gehörte dieser Trainer "auch zum negativen Kern des FCV". Eine Kollegin wurde am 13. Oktober 1975 schwer belastet, da ". . . diese im zivilen Sektor umfangreiche Verbindungen zu Künstlern hat, besonders aus dem Theater, mit denen sie des öfteren größere Orgien feiert. Sie selbst erfüllt ihre dienstlichen Aufgaben nicht und es besteht der Verdacht, daß sie Westkontakte unterhält. In einem Fall wurden vor ihrer Wohnung ein West-Pkw festgestellt".

Dem "Schwert der Partei" diente Kirschen mit Eigeninitiative. Der IM meldete per Tonbandbericht am 13. Oktober 1975, daß ein Westdeutscher seinen DDR-Verwandten unter anderem erklärte, daß "unsere Sportler verheizt würden, nur um des Prestiges wegen". Am 2. Januar 1976 fragte der IM ausdrücklich nach, "was aus seinem Bericht geworden ist". Der Führungsoffizier dankte ihm "für diese Verhaltensweise". Der Bericht führte schließlich zur Identifizierung der betreffenden DDR-Bürger - die durch den IM angeschobene Fahndung wurde von der Stasi nach zwei Jahren abgeschlossen.

Stasi war zufrieden
Die Stasi war mit Kirschen zufrieden: "Beim Gesellschaftlichen Mitarbeiter (GMS) hat sich durch die inoffizielle Tätigkeit eine feste Bindung an das MfS herausgebildet. Im Verlauf der Zusammenarbeit wurden vom GMS Personen belastet", schrieb Kirschens Führungsoffizier Taubert in dem geheimen "Auskunftsbericht" vom 14. Mai 1980, der von einem Stasi-Oberst gegengezeichnet wurde: "Die durchgeführten Überprüfungsmaßnahmen bestätigten die Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit des GMS in Verbindung mit dem MfS." Nach Ansicht der Stasi-Kommission des Deutschen Sports sollen ehemalige IM, die wenigstens Schaden billigend in Kauf genommen haben, nicht in Führungspositionen des Sports arbeiten.

Die Politik hat das Problem (besonders im Sport) erkannt. Nach Angaben des kultur- und medienpolitischen Sprechers der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Wolfgang Börnsen, gibt es mit Blick auf die Überprüfung von Sportfunktionären und Betreuern Einigkeit innerhalb der Großen Koalition. Im "Deutschlandfunk" versprach Börnsen: "Es gibt keinen Schlußstrich unter die Stasi-Tätigkeit."

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