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Nachruf auf den früheren "Zerv"-Chef Manfred Kittlaus
Von Wolfgang Templin
Pressemitteilung vom 12.11.2004


Wie erst jetzt bekannt wurde verstarb am 3. September 2004 der den LANDPOST-Lesern und LPG-Geschädigten bekannt gewordene frühere Chef der Zentralen Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungkriminalität (Zerv) der Berliner Staatsanwaltschaft, Manfred Kittlaus. Er wurde auf dem Berliner Waldfriedhof Heerstraße beigesetzt. Wolfgang Templin, Publizist und einer der führenden DDR-Bürgerrechtler, erinnert sich an den Polizeichef, mit dem er zu dessen Zeit als Ermittler in Sachen Wende-Kriminalität engen Kontakt hatte.
„Als in den Herbstwochen des Jahres 1989 die scheinbar allmächtige Staatsgewalt der DDR und der Sicherheitsapparat der Diktatur vor der Kraft einer friedlichen Volksbewegung in die Knie gingen, hofften die Opfer des diktatorischen Systems auf späte Gerechtigkeit und Genugtuung. 40 Jahre DDR bedeuteten: Hunderttausende politische Gefangene, Verschleppte, Internierte, zerstörte Existenzen, erneuten Verlust der Heimat, zerstörte Gesundheit und soziale Ausgrenzung.
Wie schwer sich die bundesdeutsche Demokratie mit Rehabilitierung, Wiedergutmachung und einer gesellschaftlichen Ächtung der Diktatur tat, mußten Widerständler und Opfer mit Bitterkeit und Ernüchterung erfahren. Die Sicherung und Öffnung der Archive des Staatssicherheitsdienstes wurden gegen starken Widerstand in West- und Ostdeutschland durchgekämpft, die halbherzige juristische Verfolgung der Täter drohte zur Farce zu werden, und die Rehabilitierungsgesetze blieben mehr als mangelhaft.
Einer Einrichtung, die zum entscheidenden Scharnier zwischen Aufklärung von Diktaturverbrechen der DDR und ihrer juristischen Verfolgung werden sollte, der Zentralen Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungkriminalität (Zerv), drohte bereits mit ihrer Gründung ein Schattendasein. In Gestalt ihres Leiters Manfred Kittlaus, der seine polizeiliche und kriminalistische Erfahrung in heißen Westberliner Zeiten sammelte, rückte jedoch nicht nur ein erfahrener Beamter an eine neu gegründete Stelle. Manfred Kittlaus warf seine gesamte Berufserfahrung und das Gewicht seiner Persönlichkeit in die Waagschale, um die Arbeit der Zerv erfolgreich voranzubringen. Er prangerte die mangelhafte personelle Ausstattung und die schleppende Entsendepraxis, die zu Verzögerungen und Behinderungen der Arbeit führte, wieder und wieder an und versuchte Abhilfe zu schaffen. Es ist seinem Nachdruck und seiner Energie zu verdanken, wenn diese Seite der Aufarbeitung wenigstens zum Teilerfolg wurde. Zugleich wuchs er über die Grenzen seiner Dienstverantwortung für die Zerv hinaus.
Für ehemalige Häftlinge und Opfer der DDR-Diktatur, für die Vertreter ihrer Verbände und Aufklärungsinitiativen wurde er zum wichtigen Ansprechpartner, Freund und Vertrauten. Auf Verbandstreffen, öffentlichen Veranstaltungen im ehemaligen Dienstsitz Erich Mielkes an der Normannenstraße, zu den jährlichen Treffen am 15. Januar - dem Jahrestag der Erstürmung der Stasi-Zentrale - war er immer wieder präsent. Unvergeßlich die Szenen und Momente, in denen er mit seiner Autorität Streit schlichten, aber auch mit Herzenswärme Mut zusprechen und Niedergeschlagene aufrichten konnte. Für ihn selbst waren diese Kontakte und Erfahrungen eine Bereicherung, die ihn über Dienstrahmen und Amtspflichten hinweg, immer wieder neue Energien mobilisieren ließen. In seiner Person konnte man ein Stück freudiger und gelingender deutsch-deutscher Vereinigung spüren.
Nach seiner Pensionierung stand er Schulklassen, Bildungsinitiativen und politischen Stiftungen als gefragter Referent und Gesprächspartner zur Verfügung. Geläuterte Täter und Menschen, die ihre Biographie mit dem DDR-System verbunden hatten, konnten auf seine Geduld und Nachsicht rechnen, bei Unbelehrbaren und Nostalgikern gab er keinen Pardon. Hier brachen Zorn und Sarkasmus in ihm durch. Die Nachricht von seinem frühen Tod im Alter von 66 Jahren hat in den Reihen seiner Freunde aus Widerstand und Opposition Fassungslosigkeit und Schmerz hinterlassen. An jedem 15. Januar wird er unter uns sitzen.“

Manfred Kittlaus (* 1936; † 3. September 2004 in Berlin-Spandau) wurde tot in seinem Auto aufgefunden. Er starb vermutlich an einem Herzinfarkt. Fremdverschulden wurde von der Polizei ausgeschlossen.

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