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    Bundesverband
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Hühnerbarone fordern Käfigverbot abzuschaffen
Frühe Prägung eines im Käfig aufgezogenen Kükens wirkt sich in späterer Freiland- oder Bodenhaltung fatal aus.
Pressemitteilung vom 13.11.2003


In Niedersachsen wirtschaften die meisten Hühnerbarone mit den größten Batteriebetrieben. Sie fordern, die schon beschlossene Abschaffung der Käfighaltung. Sie müsse zum Wohle von Hennen und Haltern rückgängig gemacht werden. Den Käfig retten möchten die Batteriebetreiber durch eine Art „Kleingruppenhaltung“ hinter Gittern: Bis zu 40 Hennen, so das Konzept, sollen sich dabei ein mit Stange und Plastiknest möbliertes sechs Quadratmeter großes Apartment teilen. Das ließe sich, reihenweise übereinander gestapelt, so einfach handhaben wie die herkömmlichen Käfige. Doch Ethologen lehnen auch diese Variante der Käfigunterbringung ab: Die Tiere könnten darin wiederum nicht mit den Flügeln schlagen noch sich sonst wie artgerecht verhalten. In der Schweiz, wo die Batteriehaltung schon seit elf Jahren verboten ist, wurde auch das Hennen-Apartment längst verworfen.

Jahrzehntelang eingezwängten Kreaturen prächtige Geschäfte gemacht
Was die Befunde des hannoverschen Epidemiologen überdies als wenig neutral erscheinen lässt: Die Ergebnisse sind „unter wesentlicher Mitwirkung der Geflügelwirtschaft“ zu Stande gekommen. Mit der Treuhandstelle betraut wurde die Niedersächsische Geflügelwirtschaft, die fachliche Beratung leistete der „Bundesverband Deutsches Ei“ – ein reiner Lobbyverband: Die „Schlagkraft“ der Eierwirtschaft zu verbessern, sei „einziger Zweck“ in dieser Phase „existenziell bedrohlicher Rahmenbedingungen“. Jahrzehntelang hatten die Batteriebetreiber mit den eingezwängten Kreaturen prächtige Geschäfte gemacht, obwohl sie damit eindeutig gegen das Tierschutzgesetz verstießen: Seit 1972 ist vorgeschrieben, dass der Besitzer seine Pfleglinge „verhaltensrecht“ unterbringen muss. Doch die schrägen Drahtflächen boten pro Huhn weniger Platz als eine Druckseite in Magazinen. Vor Strafen hatten „Landwirtschaftsminister aus dem Bauernstand“ ihre Agrarlobby mit einer „Verordnung zum Schutz von Legehennen“ bewahrt – die in Wirklichkeit die kriminelle Praxis legalisierte. Nachdem das Bundesverfassungsgericht dann eingegriffen hatte, machte die grüne Landwirtschaftsministerin Renate Künast der Hennenmisere ein Ende: Bis Ende 2006 müssen nun herkömmliche Batterien abgebaut werden; zugelassen ist fortan nur noch Boden-, Freiland- oder so genannte Volierenhaltung, bei der die Tiere in mehrstöckigen Vogelhäusern leben und frei auffliegen können. Neuanlagen müssen den Tieren ab sofort mehr Platz bieten. Ausgestaltete Käfige haben eine Übergangsfrist bis Ende.
Der nahende Ausstieg hat die Branche in Aufruhr versetzt. Im Organ des Zentralverbandes der Deutschen Geflügelwirtschaft tun die Batteriebesitzer „Wut und absolutes Unverständnis“ kund.

Vor Bundesverfassungsgericht gegen neue Hennenverordnung klagen
Unverhohlen werden die Mitglieder aufgefordert, „den Druck auf die Landes- und auf die Bundesregierung zu verstärken“. Der Bundesverband Deutsches Ei will sogar vor dem Bundesverfassungsgericht gegen die neue Hennenverordnung klagen – ein Vorstoß, der nach Ansicht von Almuth Hirt, Richterin am Bayerischen Obersten Landesgericht und Mitglied des Bayerischen Verfassungsgerichtshofs, wenig aussichtsreich ist: „Die Interessen der Halter an einer möglichst einfachen und billigen Tierhaltung“ kommentiert die Juristin, „schaffen kein Gegengewicht zum Tierschutz, der im vergangenen Jahr zum Staatsziel aufgewertet worden ist.“

Sterblichkeit unvertretbar hoch bei ungeeigneten Rassen
Mit ihrem Befund stehen die Käfig-Forscher (TiHo) ohnehin im Gegensatz zu vielen anderen Studien. Nicht das Haltungssystem, sondern die Rasse und die Aufzuchtbedingungen beeinflussen die Sterblichkeit wesentlich, sagte die Berner Biologin Vera Aerni. Gleiche Sterblichkeit hat die Wissenschaftlerin in einer statistischen Bestandsaufnahme von 16 Studien aus sieben europäischen Ländern ermittelt, die im Auftrag der Internationalen Gesellschaft für Nutztierhaltung erfolgte. Sterblichkeit und Krankheiten lassen sich allein durch Befragung der Eierproduzenten nicht erfassen, kritisiert Aerni: „Verhalten wie Federpicken muss man wirklich gut beobachten, das kann man nicht mit Umfragen unter den Hennenhaltern feststellen.“
Andererseits sind die Ergebnisse der TiHo-Forscher auch nicht völlig untauglich. In der Tat kann die Sterblichkeit in der alternativen Haltung unvertretbar hoch sein – wenn dort Hennen ungeeigneter Rassen gehalten werden und diese auch noch in Käfigen aufgezogen wurden. Für Verhaltens- und Gesundheitsstörungen anfälliger sind offenkundig überzüchtete, häufig verwendete braune Rassen, die in der TiHo-Studie überwiegen. Die Art der Aufzucht war entscheidend für das spätere Befinden und Verhalten: Nur Küken, die vom ersten Tag an mit Einstreu aufwachsen, auf Sitzstangen hüpfen lernen und ihr Futter selbst suchen müssen, kommen mit den freieren Haltungssystemen zurecht.
Die frühe Prägung eines im Käfig aufgezogenen Kükens hingegen, das aus Langeweile sogleich am Federkleid der Mitgefangenen herumpickt, wirkt sich in späterer Freiland- oder Bodenhaltung fatal aus.

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