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Leserbrief
Zum Artikel "Unrecht Gut gedeiht nicht" (F.A.Z. vom 21. Oktober):
Pressemitteilung vom 13.11.2003


Karl Feldmeyer stimme ich völlig zu, wenn er schreibt: "Das ist eine traurige, aber leider wahre Geschichte" - und das hat leider auch System. Denn unserer Familie erging es fast genauso.

1947 wurden meine Urgroßmutter und mein Vater zusammen mit seinen beiden ebenfalls minderjährigen Brüdern - ihre Mutter war verstorben, und der Vater blieb vermisst - von der Stadtverwaltung Frankfurt (Oder) aus ihrem Elternhaus nach Westberlin verjagt. Aus dem Konzerthaus "Bellevue" in Frankfurt (Oder) wurde dann die dortige Stadthalle, was sie bis zur Wende auch blieb.

Entschädigung gab es von der Bundesregierung keine, da wir angeblich ja nicht enteignet worden seien, der Betrieb also nebst Wohnhaus nach wie vor uns gehöre. Und irgendwann würde Deutschland ja wiedervereinigt sein und wir unseren Besitz dann zurückerhalten.

Kurz nach der Wende, an die auch ich schon nicht mehr glaubte, wenn ich ehrlich bin, fuhr ich dann zum ersten Mal nach Frankfurt (Oder), um mir den alten Familienbesitz anzuschauen und mich gleichzeitig nach den Besitzverhältnissen zu erkundigen. Es sollte nicht der letzte Besuch dort sein.

Wir wurden von Pontius zu Pilatus geschickt - teilweise zu Behörden, die es nicht gab, zu Adressen, die kein Taxifahrer kannte. Wenn wir Glück hatten, hatte man uns - natürlich völlig unabsichtlich - nur die falsche Hausnummer gegeben. Leider war immer ein anderes Amt zuständig, der Sachbearbeiter auf Dienstreise oder krank, die Vertretung selbstverständlich auch, und die Akten wie Grundbuchauszüge waren sowieso nirgends auffindbar. Nur eines wussten alle Mitarbeiter auf Anhieb und hundertprozentig sicher, nämlich dass wir enteignet seien und nichts zurückbekämen.

Wenig später eröffnete die "Treuhand" eine Niederlassung in Frankfurt (Oder), die ich sogleich kontaktierte. Doch die Behörde kannte angeblich und überraschenderweise die Stadthalle überhaupt nicht. Dabei hatte uns ein Mitarbeiter in der Stadthalle heimlich einen Vertragsentwurf zugespielt, woraus ersichtlich war, dass die Treuhand schon dabei war, diese zu verschachern. Doch wegen unseres Einspruchs musste sie diese Pläne erst einmal verschieben.

Und so ging es hin und her - der Briefverkehr füllt inzwischen zwei Aktenordner. Denn telefonisch lief gar nichts. Sobald ich meinen Namen nannte, wurde sofort aufgelegt, und anschließend war besetzt.

Dann urplötzlich zauberten die Treuhand und das brandenburgische Innenministerium fast zeitgleich zwei "Enteignungsurkunden" aus dem Hut, die wir in Kopie zugesandt bekamen (die Originale bekamen wir trotz mehrfachen Verlangens nie zu Gesicht). Merkwürdig war nur, dass beide Urkunden typographisch völlig übereinstimmten, aber der damalige Innenminister von Brandenburg (Minister Bechler war vor dem Krieg übrigens ein überzeugter Nazi und danach Kommunist) die eine Urkunde in Sütterlin- und die andere in Lateinschrift unterschrieben hatte - und das am gleichen Tag. Auch die Dienststempel waren an verschiedenen Plätzen auf den Urkunden. Und was das Ministerium auch hätte wissen müssen: Hans Hundrieser wurde immer noch vermisst, und die restliche Familie war ja längst in Berlin. Die Urkunde konnte also gar nicht zugestellt werden.

Für die Treuhand aber stand damit fest: Wir sind seit 1948 enteignet und bekommen nichts zurück. Also versuchten wir es auf dem Klagewege unter anderem mit dem Verweis auf die Ungereimtheiten in den Urkunden. Darauf teilte man uns mit, wir sollten ruhig kommen, eine der Urkunden sei schon echt. Wir hätten keine Chance, was auch der Amtsrichter in Frankfurt (Oder) nach Androhung einer Dienstaufsichtsbeschwerde - er weigerte sich anfangs nämlich, mit unserem Anwalt überhaupt zu sprechen - dann diesem telefonisch bestätigte. Also zogen wir unsere aussichtslose Klage zurück und baten die Treuhand, uns doch ein Angebot für einen Rückkauf der Stadthalle zu unterbreiten. Wir wollten daraus wieder einen Restaurantbetrieb machen. Diese lehnte aber ab, da sie schon in Verkaufsverhandlungen stünde. Beim Scheitern würden sie sich melden. Da wir nie etwas hörten, fragte ich noch mehrmals an - erfolglos.

Die Stadthalle wurde - wie ich von anderer Seite erfuhr - an einen norddeutschen Discobesitzer verhökert, der auch dort eine Disco eröffnete. Und welch Zufall: Zwei, drei Jahre später brannte alles bis auf die Grundmauern ab. So hatte der Besitzer 20 000 Quadratmeter Bauland in der Innenstadt von Frankfurt (Oder), aber wir haben noch keinen Cent Entschädigung. Was auf dem Gelände jetzt steht, weiß ich nicht. Denn ich fahre so schnell nicht mehr dorthin.

Es ist schon ein schlechter Treppenwitz der Geschichte:

Nach dem Krieg bekamen wir keine Entschädigung, weil wir nicht belegen konnten, dass wir enteignet worden waren. Nach der Wende bekamen wir unser Eigentum nicht zurück, weil sich angeblich herausstellte, daß wir doch enteignet wurden, und das auf Grund eines russischen Befehls, der allen deutschen Behörden jedwede eigenmächtige Enteignung verbat. Das kann doch alles nicht wahr sein, oder? Leider doch.

Dr. Hans-Jürgen Hundrieser, Schwalbach

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