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Vom Pfarrerssohn zum „geschätzten“ Amtsleiter
Wie LPG-Leiter als CDU-Blockflöten nach 1990 die Agrarpolitik in Sachsen bestimmten
Pressemitteilung vom 01.11.2007


Christfried Gebauer soll zur Wendezeit zum Rat des Bezirkes delegiert worden sein. Er soll den damaligen 1. Sekretär für Landwirtschaft Opitz abgelöst haben. Maßgebliche LPG-Vorsitzende des Bezirkes Leipzig wollten Gebauer als CDU-Mitglied nun an der Spitze sehen. Einer seiner früheren Kollegen, ein heutiger Wiedereinrichter, in einer Zuschrift an den VDL:

„Gebauer war immer ein Vertreter der Großkolchosen. Eine bäuerliche Landwirtschaft war ihm fremd und nicht mehr zeitgemäß. Diese Einstellung hat ihn von Anfang an geprägt, er hat sie auch als Amtsleiter bis zu seinem Ruhstand nicht ablegen brauchen.

Seine Tätigkeit im damaligen Vorzeigeobjekt Trossin, eine 2000 MVA, (Baubeginn Ende der 60er Jahre) waren prägend für ihn. Dort wurde von Partei und Regierung alles hineingesteckt, Mangelwirtschaft gab es hier während der ganzen DDR-Zeit nicht.

Behütet von Lobbyisten fand er nach der Wendezeit mit dem nunmehr richtigen Parteibuch (CDU) einen weiteren geebneten Lebensabschnitt nämlich den des Amtsleiters.

Er war kein Mann, der gerne selbständige Entscheidungen traf. Das überließ er gern anderen. Stets brauchte er einen großen Stab um sich herum. Nach Aussagen anderer Besucher des Amtes und meinem eigenen Wissen verbrachte er einen großen Teil seiner Zeit mit dem Lesen von Zeitungen.

Mir persönlich sagte er einmal, dass ich es sein lassen sollte, Wiedereinrichter zu werden. Ich sollte lieber versuchen, wieder in einem LPG-Nachfolgebetrieb einen Job zu finden.“

Der Schmalz einer Regionalzeitung:
„Am Tag danach sieht alles so aus, als wäre nichts passiert. Christfried Gebauer sitzt gelassen an seinem Konferenztisch im Büro. Er trägt keinen strengen Anzug wie sonst, keine Krawatte. Dafür eine legere Strickjacke, halb geöffnet mit Hemd darunter: Wohlfühlkleidung eben. Der am Mittwoch in den Ruhestand verabschiedete Chef des staatlichen Amtes für Landwirtschaft in Mockrehna scheint sich in seiner neuen Rolle als Rentner wohl zu fühlen. Er wirkt entspannt und ausgeglichen. Hat die Beine übereinander geschlagen. Ist in Plauderlaune.

Heute ist sein letzter Arbeitstag. Gebauer, der das Amt in Mockrehna seit 1991 leitete, wird seine persönlichen Sachen aus dem Büro räumen. Darunter die Bilder von seinen Enkelkindern und Karten sowie das witzige Hundefoto an der Wand. Und dann wird er um 15 Uhr den Schlüssel zum letzten Mal herumdrehen und auf Widersehen sagen. „Ich habe noch zehn Tage Urlaub“, erzählt der 65-jährige. Dann ist Feierabend. Für immer.

Ein Lebensabschnitt geht zu Ende. Den größten Teil seines Daseins hat der in Klitzschen geborene Sohn eines Pfarrers der Landwirtschaft gewidmet. Er studierte von 1960 bis 1966 an der Martin-Luther-Universität in Halle, „wo wir damals sehr viel Praxis hatten“, erzählt er. Wichtig war ihm, dass der Betrieb, in dem er arbeitete, nicht weit weg von der Saalestadt war. Denn Gebauer ruderte damals in seiner Freizeit leidenschaftlich gern.

Nach seiner Halle-Zeit verschlug es ihn aufs Land zurück, auf das Volksgut nach Trossin, wo er bald zum Leiter der Tierproduktion avancierte und später Tierzuchtleiter wurde. „Mein Professor sagte immer, so eine Position ist die Krone des Ganzen. Da nützen keine Diplome und so weiter“, erzählt er, ohne überheblich zu wirken.

Stolz sei er aber schon, „die wirklichen harten Prüfungen“ in Berlin mit gut bestanden zu haben. 16 an der Zahl seien es gewesen. „Ich habe mich vorher maßlos fertig gemacht“, erinnert er sich.

Als einer der jüngsten Tierzuchtleiter der Republik, mit dem Parteibuch der CDU in der Tasche, baute Gebauer die 2000er Milchviehanlage in Trossin auf. Für damalige Verhältnisse eine hoch moderne Anlage und die erste ihrer Art im Bezirk Leipzig. Zu seinem Chef Rolf Messerschmidt hatte er ein freundschaftliches Verhältnis. „Das ist ein Mensch, der mich stark geprägt hat und von dem ich viel gelernt habe.“ Wohl auch, was den Umgang mit Menschen angeht. Erhard Jörend, Mitarbeiter im Mockrehnaer Landwirtschaftsamt, beschreibt Gebauer als freundlich und kollegial. „Ich kenne ihn seit 1986. Man konnte mit allem zu ihm kommen, erhielt Rat und Hilfe. Er ist mittlerweile ein väterlicher Freund für mich“, so Jörend.

In Gebauers Leben gibt es viele bewegende und aufregende Momente. Zum Beispiel die Abwicklung der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) nach der Wende. „Der eine hat zu viel bezahlt, der andere zu viel bekommen. Eine kämpferische Zeit war das.“ Die Branche habe sich danach vollständig gewandelt. Während in Zeiten von Plan- und Mangelwirtschaft landwirtschaftliche Erzeugnisse gefragt waren, wollte sie nach der Wende keiner mehr haben. Fanden früher hunderte Menschen in einer LPG Arbeit, sind es heute nicht mal mehr die Hälfte. „So ist das“, sagt Gebauer und schaut etwas ratlos, empfindet es dann aber doch als positiv, dass die Agrarbetriebe heute nach ihren Wünschen agieren könnten – auch Dank der Flächenbeihilfen. Vielmehr Kreislaufwirtschaft wünschte er sich. Und Verständnis bei den Leuten. „Bei uns auf dem Land muss es nun mal nach Landwirtschaft riechen. Ich sage bewusst riechen und nicht stinken.“ Jungen Leuten, die in der Branche Fuß fassen wollen, rät er, sich vorher ein genaues Bild zu machen. „Auch wer studieren will, sollte vorher unbedingt in die Praxis gehen.

Christfried Gebauer, Amtleiter außer Dienst, hat viel erreicht. Er will jetzt vor allem ausspannen „und das eine oder andere auf meinem Grundstück in Dahlenberg machen“. Er möchte mit seiner Frau reisen. „Wir mögen sehr die nähere Umgebung“, erzählt der Naturfreund mit Vorliebe für „echtes sächsisches Rind, gebraten oder gegrillt, schön durchgereift. Das ist Sahne“, schwärmt er. Dieses Jahr unternimmt er noch eine große Donaureise. Gern ist die Familie in Putbus auf der Insel Rügen.

Eine ruhige Zeit bricht für ihn an. So ganz dann aber doch nicht. Denn drei bis vier Wochen im Jahr „werde ich mit einem Messstock unterwegs sein“, verrät er. Gebauer wird für das Eilenburger Finanzamt Bodenwerte schätzen. Einfach aus Spaß an der Freude. Und mit alten Kollegen zusammen. „So ganz zur Ruhe kommt man eben doch nicht“, erzählt er und lächelt zufrieden am Tag danach.

Nico Fliegner


In seiner Einladung zur Verabschiedung und Amtsübergabe an den Nachfolger lud er zu einer offiziellen Feierstunde ein. Es kamen faßt alle früheren LPG-Chefs, eben die ganze schwarz-rote Agrar-Mischpoke des Mockrehnaer Landwirtschaftsamts.

(Mischpoke lt.Lexikon: Verwandtschaft, Gesellschaft Gruppe, umgangssprachlich; stammt aus dem Jiddischen und wird dort wertneutral verwendet.)

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