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LPG-Nachfolger klagen über Berufsnachwuchs
Landwirtschaftsanpassungsgesetz soll nun doch novelliert werden
Pressemitteilung vom 30.10.2002


Wer aber soll Hofnachfolger einer LPG-Nachfolgegesellschaft werden? Der landlose Melker? Der landlose Traktorist? Nein, der Rote Baron! Und das haben die jungen Leute in den LPG-Gesellschaften erkannt: Sie wollen nicht länger Mägde und Knechte von LPG-Chefs sein und „machen rüber.“

„Nur wenige wollen auf den Acker“, titeln die Frankfurter DLG-Mitteilungen in ihrer jüngsten Ausgabe. Ostdeutschland verliert die Jugend. In erster Linie ist die Bevölkerungsentwicklung für den Nachwuchsmangel verantwortlich, wie das Statistische Bundesamt bestätigt. Seit der Wiedervereinigung haben noch nie so viele Ostdeutsche ihre Heimat gen Westen verlassen wie 2001. Die neuen Länder haben auf diese Weise allein im vergangenen Jahr 98.000 Menschen verloren. Vor allem junge Arbeitskräfte wandern ab. Von denjenigen, die im Jahr 2000 in den Westen zogen, sind 42 Prozent zwischen 18 und 30 Jahre alt gewesen. Diese Wanderbewegung ist aber nur eine Ursache für die Nachwuchssorgen in der Landwirtschaft.

Deprimierende Erfahrung
Landauf, landab wird über die Probleme bei der Mitarbeitersuche diskutiert. Der einhellige Tenor: Qualifiziertes Personal sei in der Regel ebenso wenig zu kriegen, wie ungelernte Arbeiter, die den Acker bestellen oder das Vieh versorgen. Und was noch schwerer wiegt, ist die deprimierende Erfahrung vieler Betriebsleiter, vor allem aus den neuen Ländern: „Uns läuft der Nachwuchs davon“. Sorgenvoll blicken die Landwirte in die Zukunft, denn es bleibt in vielen Fällen ungewiss, wer überhaupt noch auf den Betrieben arbeiten will. Sind diese Eindrücke repräsentativ und wenn ja, welche Ursachen mögen dafür verantwortlich sein, fragt die Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft.

Nicht mehr auf die Äcker
Die Spuren des Nachwuchsmangels ziehen sich wie ein Roter Faden durch die neuen Länder. Allein in Mecklenburg-Vorpommern werden jährlich 650 Ausbildungsabschlüsse benötigt, um die frei werdenden Stellen in der Landwirtschaft zu besetzen. Durch den Mangel an ausgebildeten Kräften können jedoch nur die Hälfte der vorhandenen Arbeitsplätze besetzt werden. Aber nicht nur die Berufseinsteiger fehlen im Osten. Auch die ausgebildeten Kräfte wollen nicht mehr die Äcker bestellen. Es gibt viele Aussteiger die keine Perspektive sehen und die der scheinbar leichter verdiente Euro in den Westen lockt. Was allerdings bei einem im Osten der Republik durchaus üblichen Bruttostundenlohn von sechs bis sieben Euro auch nicht überraschen dürfte.
Allein in Sachsen-Anhalt haben von 1999 bis 2001 etwa 600 Arbeitskräfte, die 35 Jahre alt oder jünger waren, ihnen Arbeitsplatz in der Agrarbranche verlassen, wie das zuständige Ministerium für Raumordnung, Landwirtschaft und Umwelt mitteilt.
Wenn diesem Zeitraum eine Gesamtzahl von etwa 1.600 Beschäftigten dieser Altersgruppe gegenübergestellt wird, dürfte das Ausmaß der Landflucht deutlich werden.

Nachwuchsführungskräfte Mangelware
Die meisten Genossenschaften und Kapitalgesellschaften verfügen über einen festen Stamm von Beschäftigten. Lediglich fünf Prozent der Betriebsleiter klagen über Probleme bei der Abwanderung von qualifizierten Mitarbeitern, so die Thüringische Landesanstalt für Landwirtschaft (TLL), stellt die DLG fest. Allerdings sei die Zahl der jungen Mitarbeiter alarmierend gering. In mehr als der Hälfte aller Betriebe juristischer Personen ist kein Junglandwirt unter 25 Jahren beschäftigt. Erschweren dürfte sich die Situation auf den Betrieben laut TLL ab 2006, da dann verstärkt mit altersbedingten Abgängen von Arbeitskräften zu rechnen sei. Ebenso schwierig ist die Situation auf der Betriebsleiterebene. Die Geschäftsführer der Betriebe juristischer Personen sind im Durchschnitt 50 Jahre alt. Seit 1997 ist ihr Durchschnittsalter deutlich gestiegen. Und lediglich ein Drittel der über 55-jährigen Geschäftsführer verfügen über einen Nachfolger, so die TLL.
Eine eindeutige Prognose über die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt wagen die Experten der brandenburgischen Landesanstalt für Verbraucherschutz und Landwirtschaft. Der Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften steigt von 186 im Jahr 2003 rasch an auf 425 bis 500 Personen in den Jahren 2005 und 2006, um anschließend kontinuierlich auf rund 650 Personen in 2010 und knapp 800 Personen in 2013 anzusteigen.

Noch keinen Grund zur Besorgnis
In Sachsen führte diese prognostizierte Entwicklung jüngst sogar zu einer Debatte im Landtag. Landwirtschaftsminister Steffen Flath nahm zum Thema Fachkräftemangel in der Landwirtschaft Stellung. Der Minister konnte derzeit noch auf ein weitgehend ausgeglichenes Verhältnis zwischen freien stellen und Bewerbern für Land- bzw. Tierwirte verweisen, ist sich aber nicht sicher, ob dies künftig auch noch so sein wird.

VDL-Präsident Dieter Tanneberger: Das Problem ist politisch hausgemacht und nicht überraschend. Jetzt rächt sich die Weichenstellung der Politik zugunsten der LPG-Landwirtschaft im Osten. Statt 1990 auf die familienverfassten bäuerlichen Betriebe zu setzen und auf das Denken in Generationen, haben Politiker aller Couleur und der Deutsche Bauernverband mit sogenannten „Mehrfamilienbetrieben“ experimentiert. Der heute erwiesene moralische Verfall der Roten Barone bei der LPG-Vermögensverschiebung korreliert nun mit dem Problem der Abartigkeit und gesellschaftlichen Degenerierung von lohnarbeitsverfassten Agrargesellschaften.
Das Vermögen in die nächste Generation zu retten - diese Frage stellt sich für den Sohn als Hofnachfolger doch überall gleich: Wann überträgt mir der Vater endlich den Hof? Wer aber soll Hofnachfolger einer LPG-Nachfolgegesellschaft werden? Der landlose Melker? Der landlose Traktorist? Nein, der Rote Baron! Und das haben die jungen Leute in den LPG-Gesellschaften erkannt: Sie wollen nicht länger Mägde und Knechte von LPG-Chefs sein und „machen rüber.“


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