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Hat Australien die falsche Landwirtschaft?
Der Agrarsektor leidet unter einer beispiellosen Dürre. Weite Teile der australischen Landwirtschaft stehen im fünften Jahr einer verheerenden Dürre. Die Regierung verspricht Finanzhilfe, doch immer mehr stellt sich die Frage, ob die Trockenheit nicht einer neuen Normalität entspreche und ob das Land mithin nicht einen Agrarsektor habe, den es sich angesichts seines Klimas nicht leisten sollte.
Von Rudolf Herrmann
Pressemitteilung vom 26.10.2006


Sydney, 25. Oktober. «Achtung, Vieh auf der Strasse auf den nächsten 5 km», warnt das Hinweisschild am Sturt Highway, der durch die weit ausladenden Ebenen der Riverina im Südosten Australiens führt. Meist bedeuten solche Tafeln, es sei damit zu rechnen, dass ein Farmer seine Herde von einer Weide auf der einen Seite der Strasse auf eine Parzelle auf der anderen Seite zu treiben gedenkt. Doch diesmal liegt die Sache anders. Hunderte Kühe stehen dicht am Highway und grasen im Strassengraben. Links und rechts erstrecken sich bis an den Horizont staubige, ausgetrocknete Felder. Nur in der kleinen Senke, die parallel zum Asphalt läuft, ist die Vegetation noch einigermaßen grün, und der Bauer hat die Gatter seiner umzäunten Weiden geöffnet, um seinen Kühen den letzten Rest frischen Futters weit und breit zu gönnen.

Die Welt aus den Fugen
Die Riverina, das flache Land, das sich über Hunderte von Kilometern den Flüssen Murray und Murrumbidgee entlangzieht, ist die Speisekammer Australiens. Durch Bewässerung sind enorme Gebiete fruchtbar geworden. Hier werden alle Arten von Getreide angebaut; es gibt riesige Zitrusfrüchte-Plantagen, unendlich grosse Weingärten, und auch die Milchwirtschaft blüht. Wo allerdings nicht bewässert wird, wähnt man sich gleich in der Steppe. Niedrige Sträucher bieten höchstens anspruchslosen Schafen karge Nahrung, und ihr Name - «Saltbush» - weist darauf hin, mit was für einem Boden die Pflanzen fertig werden müssen.
Im Oktober, im australischen Frühling, müsste das Wintergetreide hier schon kniehoch stehen. Doch es reicht kaum bis über die Knöchel, und auf einigen Weizenfeldern sind sogar grasende Schafe zu sehen. Verzweifelte Bauern haben sie auf die Flur gelassen, damit wenigstens die Tiere von der Saat noch etwas haben, wenn schon keine Ernte mehr zu erwarten ist. In der Landwirtschaft des australischen Südostens, des grössten und wichtigsten Agrargürtels des Kontinents, ist die Welt aus den Fugen. Seit fünf Jahren ist das Land im Würgegriff einer Trockenheit, die nur sporadisch von gutem Regen unterbrochen worden ist und die von mehr und mehr Kommentatoren als die schlimmste Dürre seit der europäischen Kolonisation Australiens vor über 200 Jahren beschrieben wird - oder als Vorbote eines veränderten Klimas. Viele Farmer haben sich nicht mehr richtig regenerieren können, weder ökologisch noch finanziell, und haben keine Kraft mehr, einen weiteren Sommer zu überstehen.
Die Flusssysteme von Murray, Murrumbidgee und Darling mit einem Einzugsgebiet von 1 Mio. km[2] (grösser als Deutschland und Frankreich zusammen) sind in Gefahr, unaufhaltsam in einen ökologischen Kollaps zu schlittern, wenn für die Landwirtschaft so viel Wasser wie bisher aus ihnen abgezogen wird.

50 Cent für ein Lamm
Der Wassermangel wiederum zwingt die Viehzüchter zur Ausdünnung ihrer Herden, weil die Weiden trocken und Futtermittel im Preis gestiegen sind. Einige Schlachthöfe sind auf Wochen hinaus ausgebucht, und die Verkaufspreise für Lebendvieh sind zusammengebrochen. Ein Bauer klagte gegenüber dem Fernsehen, während er in guten Zeiten für ein Lamm 70 austr. $ (67 Fr.) erlöse, müsse er sich jetzt mit einem Netto-Ertrag von 50 Cent pro Tier zufriedengeben. Die Medien berichten darüber, dass es auf dem Land zu Selbstmorden komme, weil die Bauern von der Situation überfordert seien.
Die liberal-nationale Regierung von Premierminister Howard hat für die nächsten 18 Monate inzwischen Dürre-Kompensationszahlungen von rund 1 Mrd. $ angekündigt, was schon fast dem Betrag gleichkommt, der über die letzten fünf Jahre zum gleichen Zweck ausgezahlt worden ist. Die Bauern seien ein Teil der australischen Psyche, erklärte Howard, und seine Regierung werde sie nicht hängen lassen. Die Farmer sind jedoch auch die Stammwählerschaft der Nationalen, des Junior-Partners in der Koalition, die Howard braucht, um regieren zu können.
Während es in Australien kaum jemanden gibt, der nicht mit den Bauern fühlte, ist die Zuerkennung von Dürre-Subventionen nach dem Giesskannenprinzip jedoch auf Kritik gestossen. Die «Australian Financial Review» schrieb in einem Kommentar, wenn Industriearbeiter von der Auslagerung ihrer Jobs nach China oder Indien betroffen seien, bekämen sie von Howard jeweils - zu Recht - zu hören, sie müssten die Realität strukturellen Wandels akzeptieren. Offenbar gelte dies aber nicht mehr, wenn statt der Globalisierung die zweite grosse Herausforderung für die australische Wirtschaft, der Klimawandel, den Grund für einen Strukturwandel darstelle und wenn der betroffene Sektor die Landwirtschaft sei. Zu einer Zeit, in welcher in den grossen Städten das Wasser rationiert sei und die Flüsse austrockneten, gelte es, sich in Erinnerung zu rufen, dass die Landwirtschaft 3% des BIP Australiens und gegen 20% der Exporte stelle, aber 70% des verfügbaren Wassers verschlinge.

Baumwolle und Reis - ein Luxus
Was im Kommentar von Australiens Wirtschaftsblatt durchscheint, ist nicht zuletzt die Frage, ob Australien eine dem Klima des Landes angemessene Landwirtschaft habe. Einer der umstrittensten Betriebe des Landes ist die Baumwollfarm «Cubbie Station» in Queensland, am Oberlauf des Darling, weil hier gigantische Mengen Wasser in Auffangbecken abgeleitet werden und damit die flussabwärts gelegenen Gebiete vom Regen, der in Queensland ausgiebiger fällt als in den südlicheren Regionen, nicht profitieren können. Aber auch der Reisanbau in der Riverina erscheint als ein Luxus, den sich Australien je länger, desto weniger leisten kann. Peter Cullen, ein Wissenschafter und Mitglied der National Water Commission, sagte, die Ausrichtung von Subventionen ignoriere die Tatsache, dass wegen des Klimawandels ein Teil des heutigen Farmlandes für seine gegenwärtige Bewirtschaftung zusehends weniger geeignet sei. Das Geld sollte nicht eingesetzt werden, um die Dürrefolgen zu überbrücken, sondern um eine Neuorientierung - etwa im Sinne von weniger intensiver Nutzung des Landes - zu ermöglichen.
Auch der streitbare Senator Bill Heffernan, ein Liberaler mit Hintergrund in der Landwirtschaft, ist ein scharfer Kritiker der flächendeckenden Dürre-Subventionen Canberras, weil schlechte Bauern dadurch ungerechtfertigterweise belohnt würden. Heffernan sagte auch, dass die Bauern vielleicht vermehrt dorthin gehen müssten, wo das Wasser sei - nach Norden -, statt dort zu verharren, wo das Wirtschaften immer schwieriger werde. Heffernans Argumentation erscheint umso plausibler, als Klimaprognosen davon sprechen, dass im Jahr 2030 der Südosten und Südwesten Australiens (die grossen Landwirtschaftszonen) wahrscheinlich trockener sein werden als heute, während in einigen Gebieten Zentral- und Nordwestaustraliens, wo sich heute Steppe oder Wüste ausbreitet, tendenziell eine Zunahme der Regenfälle zu erwarten sei.
Zu «Cubbie Station» sagte Heffernan, dieser Betrieb sei einer zweifellos grossen, aber leider falschen Vision entsprungen. Es sei zu wenig über die Folgen für die Umwelt nachgedacht worden, und eine ökologische Planung habe es nicht gegeben. Was Heffernan an «Cubbie Station» kritisiert, sehen andere aber als generellen Mangel der australischen Landwirtschaft: Die europäischen Siedler hätten versucht, einem Kontinent mit ganz anderen Bedingungen ihre Landbaumethoden überzustülpen. Durch grossflächige Rodung sowie Überstrapazierung durch zu viele Schafe und Rinder sei die ohnehin schon fragile Humusschicht im australischen Landwirtschaftsgürtel übermässig stark belastet und erodiert worden; nun müsse dafür die Zeche bezahlt werden. Wie ernst die Situation mit der Trockenheit inzwischen ist, zeigt sich allerdings daran, dass auch bisherige Musterfarmen, die mit innovativem Landbau bessere Resultate erzielt haben als «klassisch-europäische» Bauernhöfe, allmählich an die Grenzen ihrer Existenzfähigkeit gelangen.

Quelle: Neue Züricher Zeitung vom 26.10.2006 – (mit telefonischer Zustimmung der Redaktion)

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