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FAZ-Kongressbericht
Warten auf grüne Landschaften
Flutwellen wie Tsunamis / Saures Grundwasser / Rekultivierung statt Renaturierung
Pressemitteilung vom 17.10.2002


Bergbau im großen Maßstab bedeutet einen erheblichen Eingriff in die Natur, der weitreichende Folgen hat. Zu intensiver Untertageabbau von Rohstoffen etwa lässt oft den Boden sinken, wodurch sich in den darüber gebauten Häusern immer wieder Risse bilden. Im Ruhrgebiet ist das Phänomen nur allzu gut bekannt. In manchen Orten wie der alten Salzstadt Lüneburg sind sogar zahlreiche Häuser abgesackt. Bisweilen müssen die Bewohner auch mit anderen Überraschungen rechnen. Das stellte Herrmann Brause aus Parchim am Beispiel Zwickau auf der Geo 2002 dar, einer Gemeinschaftstagung von 13 geowissenschaftlichen Gesellschaften Deutschlands, die in der vergangenen Woche in Würzburg stattgefunden hat.

Im Raum Zwickau ist bis in die siebziger Jahre hinein Steinkohle abgebaut worden. In dieser Zeit sind Teile der Stadt um bis zu neun Meter gesunken. Als die Gruben bereits aus der Bergaufsicht entlassen waren und niemand mit weiteren Folgen rechnete, drehte sich der Prozess plötzlich um. Von 1976 bis 1996 hob sich der Boden bergbaubedingt um zehn bis 15 Zentimeter. Vom Herbst 1999 bis zum Herbst 2001 wurden keine Bewegungen mehr gemessen. Nun versuchen die Geowissenschaftler mit seismischen Verfahren, die Störungen zu lokalisieren. Ursachen dürften tektonische Weitungen und das Öffnen von Gangspalten sein. Fährt man durch Ostdeutschland, fallen zunächst allerdings nicht die Relikte des Untertage-, sondern jene des Übertagebergbaus auf. Riesige Bagger haben durch den Abbau der Braunkohle ganze Landschaften verändert. Im zweiten Lausitzer Flötz ist die Abbaustrecke allein fünf bis sechs Kilometer lang. Das Abraummaterial wurde auf große Halden geschüttet. Bei dem Vorgang wurden Mineralien freigesetzt, die zur Versauerung des Bodens führten und die typischen „Mondlandschaften“ erzeugten, wie Friedrich von Bismarck vom Steuerungs- und Budgetausschuss für die Braunkohlesanierung in Berlin auf der Tagung berichtete. Schon in der DDR sei die Sanierung der Abbaugebiete vorgeschrieben gewesen, aber Ende der siebziger Jahre habe man aus Mangel an Devisen den Abbau der heimischen Rohstoffe intensiviert. Die Sanierung habe nicht mehr Schritt halten können. Damals ist das Grundwasser großflächig abgesenkt worden. Nach dem Abbau stieg zwar wieder Grundwasser auf. Dieses war aber extrem sauer. Es hatte einen Säuregrad zwischen 1 und 3, was bei der Sanierung berücksichtigt werden musste.

Wie von Bismarck sagte, wäre es sinnlos, die kargen Böden in den Abbaugebieten wieder einer landwirtschaftlichen Nutzung zuzuführen. Deshalb würde die Region rekultiviert und nicht renaturiert. Durch Flutung der vom Bergbau gerissenen Wunden würden Seen mit einer Gesamtfläche von mehr als 26 000 Hektar entstehen, was einem Drittel der Fläche aller deutschen Seen entspreche. Die Seenplatte solle auch ein Anreiz für Touristen sein. Nicht nur der Abbau selbst, sondern auch dessen Einschränkung wirkt sich erheblich auf die Umwelt aus. Die Spree führe im Sommer zu 80 Prozent aus dem Bergbau stammendes Wasser, berichtete von Bismarck in Würzburg. Dadurch ergebe sich für den Fluss nun bei Niedrigwasser eine Unterversorgung. Die Geowissenschaftler versuchen, dem durch Tunnels in den Halden zu begegnen. Andererseits hätten die durch den Abbau der Kohle erzeugten Senken während der großen Überschwemmung im Sommer einen Vorteil geboten. Das Wasser der Oberspree sei in den Tagebau geflossen, so dass der Wasserstand des Flusses im weiteren Verlauf kaum gestiegen sei. Eine regelrechte Gefahr können der Darstellung von Bismarcks zufolge die aufgekippten Halden mit ihren starken Böschungen darstellen. Es sei vereinzelt zu gewaltigen Rutschungen gekommen. Wenn das Erdreich in einen See stürze, wie es 1999 geschehen sei, bildete sich eine zunächst harmlos erscheinende Wellenfront. Erreiche diese jedoch das gegenüberliegende Ufer, türme sie sich bis zu mehreren Meter Höhe auf. Sie sei dann nur noch mit den Tsunamis zu vergleichen, die von Seebeben ausgelöst werden.

Mit dem sogenannten Rütteldruck-Verfahren versuchen die Geowissenschaftler solche Vorkommnisse zu vermeiden. Sie erzeugen dabei Vibrationen in Bohrlöchern, die sie in den Halden eingebracht haben. Durch die Vibrationen verdichtet sich der Boden und wird stabilisiert.

Im Uranbergbaugebiet der Wismut beschreitet man zur Sanierung andere Wege. Dort hat man sich entschlossen, 90 Prozent des auf Halden geschütteten Erdreichs das von radioaktiven Material durchsetzt ist, in die durch den Bergbau erzeugten Kuhlen zurückzukippen. Am Standort Ronneburg östlich von Gera, wo von 1951 bis 1990 etwa die Hälfte des Urans der Wismut gefördert wurde, laufen die entsprechenden Arbeiten seit 1991. Im Jahr 2010 soll das Vorhaben abgeschlossen sein.

Zusammen mit dem Haldenmaterial soll in einem mittleren Tiefenbereich auch Asche aus Kraftwerken verfüllt werden. Die günstigste Mischung der beiden Bestandteile ist mit Versuchen ermittelt worden, wie Michael Paul von der Wismut in Chemnitz auf der Tagung berichtete. Die Asche neutralisiere das Säurepotential in der unteren Zone. Die „Aschebarriere“ werde seit August 2002 angelegt und solle Ende 2005 fertig sein.

Über Erfahrungen bei der Rekultivierung einer großen Region im Süden Polens, in der großflächig Sand abgebaut worden ist, berichtete Zygmunt Strzyszcz von der Polnischen Akademie der Wissenschaften. Schon vor vielen Jahren habe man begonnen, den „größten Sandkasten Europas“ aufzuforsten. Zunächst habe man Pappeln gepflanzt, weil diese am billigsten seien. Doch es habe sich wie später auch bei anderen Bäumen gezeigt, dass sie mal gut gediehen, an anderen Standorten hingegen nach einiger Zeit eingingen. Auch diese „bodenlose“ Rekultivierung ist also mit Schwierigkeiten verbunden.

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