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Energie aus Kuhfladen - mehr als eine "Furz-Idee"
Pressemitteilung vom 13.10.2005


Warum noch für einen Hungerlohn Kühe füttern und melken? Immer mehr Bauern "füttern" lieber eine Biogas-Anlage - und statt Milch gewinnen sie Strom. Kein Wunder, dass statt Rinderställen in jedem Landkreis Dutzende von Biogasanlagen gebaut werden. Die Milchpreise fallen, die Strom-Erlöse hingegen sind - bis jetzt - gesetzlich garantiert. Ein Überblick über eine Boombranche.

Landwirte wie Josef Sedlmeier galten Anfang der 80-er Jahre unter Kollegen als "spinnerte Tüftler". Der Bauer war unter den ersten, die mit Gülle experimentierten, um daraus Energie zu gewinnen. Dass es sich einmal rentieren könnte, mit Gülle Wärme und Strom zu erzeugen, war damals unvorstellbar. Der Erfolg gab Sedlmeier Recht: Auf seinem Bullenmastbetrieb in Rudelshofen bei Dachau hat er eine Biogas-Anlage mit einfachen Mitteln komplett selbst gebaut. Mit der Anlage auf seinem Betrieb produziert er jeden Tag 1.000 Kubikmeter Biogas und ersetzt damit rund 70 Liter Heizöl.

Rentabler als Vieh und Getreide
Von einer "Furz-Idee" spricht heute im Zusammenhang mit Biogas niemand mehr. Rund 370 Millionen Euro Umsatz macht die Biogas-Branche derzeit, mehr als elf Milliarden Euro könnten es im Jahr 2020 sein - so lautet die Prognose von Markus Ott, dem Sprecher des Fachverbandes Biogas. Für viele Bauern ist es sogar die wichtigste Einnahmequelle geworden, mit der sich mehr Geld verdienen lässt als mit der Tierzucht. Rund 650 Biogasanlagen gibt es heute allein in Bayern, etwa 2.500 sind es in ganz Deutschland und Hunderte sind in Planung. Was sich vor allem lohnt, ist die Gewinnung von Strom aus Biogas. Für jede Kilowattstunde, die sie ins öffentliche Stromnetz einspeisen, bekommen die Bauern derzeit 11,5 Cent. Zudem gibt es Fördergelder beim Bau einer neuen Anlage. So mancher Landwirt ist längst zum Energiewirt geworden, so wie die vier Bauern aus Leutershausen bei Ansbach, die mit ihrer 1,5 Millionen teuren Anlage Strom für etwa 2.000 Haushalte produzieren. Sie bauen Mais und Getreide nicht mehr als Futter für ihre Kühe, sondern für ihre Biogas-Anlage an.

Biomüll wird zur Mangelware
In der Anfangszeit wurde für die Erzeugung von Biogas nur Gülle und Festmist verwendet. Mehr Biogas und dadurch mehr Energie aber lässt sich gewinnen, indem mit der Gülle organische Stoffe wie Biomüll oder Abfälle aus Schlachtereien, der Gastronomie oder der Lebensmittelindustrie vergoren werden. Doch inzwischen wird es für die Landwirte mit größeren Biogasanlagen immer schwieriger, den wachsenden Bedarf an Biomüll und anderen organischen Reststoffen zu decken. "Das Wichtigste für einen Betreiber ist die Rohstoffsicherheit", so Josef Pellmeyer, Präsident des Fachverbands Biogas e. V.. "Denn eine Biogasanlage, die nur im Teillastbereich fährt, ist nicht wirtschaftlich".

Strom aus Mais und Getreide
Neue Biogasanlagen werden deshalb heute überwiegend so konstruiert und bestehende so umgerüstet, dass sie mit nachwachsenden Rohstoffen betrieben werden können, die der Landwirt selbst produziert: mit Mais zum Beispiel, Getreide, Grüngut oder Futterrüben.
Nach Berechnungen der Fachagentur für nachwachsende Rohstoffe (FNR) reicht der Ertrag von einem Hektar herkömmlichem Mais aus, um so viel Biogas zu produzieren, dass fünf Haushalte mit je zwei bis drei Personen ein Jahr lang mit Strom versorgt werden können.
Warum sich Biogas-Anlagen rechnen
Neben den 11,5 Cent pro Kilowattstunde garantiert das am 1. August 2004 neu in Kraft getretene "Erneuerbare-Energien-Gesetz" einen Vergütungsbonus für solche Anlagen bis 500 kW, die ausschließlich land- und forstwirtschaftliche naturbelassene Biomasse vergären. Dazu zählen die nachwachsenden Rohstoffe. Der Bonus beträgt sechs Cent pro Kilowattstunde. Beim Fachverband Biogas rechnet man wegen der Anreize, die durch das Gesetz entstehen, in Deutschland mit einer Verdoppelung der Anzahl von Biogasanlagen bis Ende 2005 auf rund 4.000. Außerdem will Bayern Landwirte beim Bau von Biogas-Anlagen künftig mit bis zu 20.000 Euro unterstützen und die Förderbestimmungen vereinfachen.

Ohne Bakterien läuft nichts
Die Hauptarbeit in einer Biogas-Anlage übernehmen spezielle Bakterien, die die Biomasse unter Ausschluss von Sauerstoff abbauen und dabei Energie gewinnen, um sich zu vermehren. Bei diesem Gärprozess produzieren die Bakterien zu rund zwei Dritteln Methan, daneben Kohlendioxid, Sauerstoff, Stickstoff und in geringer Menge weitere Gase. Verwertbar ist das Methan, das entweder zum Heizen verwendet werden kann oder zum Antrieb von Gasmotoren zur Stromerzeugung. Neben den Feststoffen werden in den luftdichten Faulbehältern, den "Fermentern", auch organische Geruchsstoffe abgebaut. Wenn vergorene Gülle auf die Felder ausgebracht wird, riecht sie deshalb weit weniger unangenehm als unvergorene. Auch für den Boden und für Pflanzen haben die Gärreste als Dünger bessere Eigenschaften als unvergorene Gülle.

Längst nicht alle Möglichkeiten sind ausgeschöpft
Fachleute räumen der Bioenergie die größten Wachstumschancen unter den erneuerbaren Energien ein. Knapp zwei Prozent der Primärenergie werden in Deutschland heute durch Bioenergie aus Verbrennung oder Vergärung von Pflanzen, Holz und organischen Reststoffen gedeckt, mindestens 20 Prozent könnten es nach Berechnung des Bundesverbands BioEnergie e. V. werden. Auch in Biogas steckt nach Expertenmeinung weit mehr Potential als heute genutzt wird. Erfahrungen aus Schweden oder Schweiz zeigen, dass Biogas in das Gasnetz eingespeist werden kann. Noch seien aber bei uns die Netze nicht darauf eingestellt, so Pellmeyer.

Biogas und Strukturwandel
Die ökologischen Vorteile von Biogaserzeugung sind unstrittig. Trotzdem gibt es auch Nachteile. Für kleinere Bauernhöfe sind die Anschaffungskosten meist zu groß: Mit rund 500.000 Euro muss man bei einer Anlage rechnen. Das Bauernhofsterben wird der Biogas-Boom deshalb auch nicht aufhalten können.

Aus: http://www.br-online.de/umwelt-gesundheit/unserland/landwirtschaft_forst/landw_ verbraucher/biogas.shtml

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