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    Bundesverband
    Deutscher Landwirte e.V.
    Dresdner Straße 46
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FREMDE FEDERN: Heidemarie Wieczorek-Zeul und André Wiltzer
Ernährungssicherung in Afrika
Pressemitteilung vom 16.10.2003


Noch heute haben Millionen von Menschen nicht ausreichend zu essen. Das trifft vor allem in Afrika zu: Nach Angaben des Welternährungsprogramms sind dort allein in diesem Jahr 38 Millionen Menschen von Hungersnot bedroht. Doch ist das kein unabwendbares Schicksal - im Gegenteil. Es gibt Lösungen, und unsere beiden Länder sind fest entschlossen, ihre Anstrengungen weiter zu bündeln und zum Erfolg zu führen.

Die Nahrungsmittelhilfe ist das bekannteste Instrument zur Hilfe bei Hungersnöten. Sie trägt dazu bei, eine unmittelbare Gefahr zu bannen. Wir müssen jedoch ungewollte Nebenwirkungen verhindern. Denn sonst wird die Landwirtschaft genau in den Regionen geschwächt, denen geholfen werden soll. So kann es passieren, daß ein Land seine traditionellen Nahrungskulturen durch Pflanzen ersetzt, die durch Hilfslieferungen ins Land gelangt sind. Diese Pflanzen passen aber nicht zu den jeweiligen Klima- und Bodenverhältnissen. Nahrungsmittelhilfe darf auch nicht in Konkurrenz zu lokalen Erzeugnissen stehen, wie es zum Beispiel in Guinea der Fall war. Dort wurde Reis geliefert, um eine Hungersnot zu verhindern. Langfristig schadete das jedoch wegen des plötzlichen Überangebots den einheimischen Bauern, die selbst Reis anbauten. Diese Gefahr haben Deutschland und Frankreich erkannt: Anstatt Tausende von Tonnen Weizen oder Mais zu liefern, wie es die Vereinigten Staaten tun, lassen wir vorrangig verfügbare Erzeugnisse in der betreffenden Region kaufen. Damit stabilisieren wir zusätzlich die wirtschaftliche Lage in den einzelnen Ländern und deren Regionen. Wir verurteilen es, Nahrungsmittelhilfe dazu zu nutzen, unsere Überschüsse abzusetzen oder neue Märkte zu erobern.
Hilfe muss aber schon längst vor einer Hungersnot begonnen haben. Dazu müssen alle Anzeichen einer Krise ausreichend früh erkannt werden - durch Frühwarnsysteme. Um solche Systeme aufzubauen, beraten wir unsere afrikanischen Partner, wir fördern den Informationsaustausch über Witterungsbedingungen und Ernteergebnisse, wir unterstützen die Regierungen dabei, Vorräte anzulegen, und richten Regulierungsbehörden auf regionaler Ebene ein.

Ein gelungenes Beispiel dafür ist Mali. So konnte in diesem Jahr rechtzeitig in den Gebieten Malis geholfen werden, in denen es zuwenig geregnet hatte. Auf regionaler Ebene wurden - mit Unterstützung unserer beiden Länder - für Westafrika der Ständige zwischenstaatliche Ausschuß zur Bekämpfung der Trockenheit in der Sahel- Zone sowie ein regionales Zentrum für Agrometeorologie und operative Hydrologie eingerichtet. In Zukunft wollen wir auch anderen Regionen Afrikas, vor allem im südlichen Afrika, helfen, solche Strukturen aufzubauen und zu betreiben.

Doch langfristig ist es auch unsere Aufgabe, die Ursachen von Nahrungsmittelknappheit zu bekämpfen. Einen wichtigen Impuls kann dabei der regionale Handel liefern, der bisher noch unzureichend organisiert ist. So unterstützen die deutsche und die französische Entwicklungszusammenarbeit in Abstimmung mit der Europäischen Kommission die Westafrikanische Wirtschafts- und Währungsunion (Emuwa) dabei, eine gemeinsame Agrarpolitik zu entwickeln. Das setzt solide regionale Wirtschaftsräume genauso voraus wie eine differenzierte Politik für jeden Sektor, damit Nahrungsmittelerzeugnisse auf dem heimischen Markt und beim Export eine Chance haben. Aber wir wissen auch, daß sich ein landwirtschaftlicher Betrieb auf Dauer nur entwickelt, wenn die Produktivität steigt. Viele afrikanische Länder können das erreichen, indem sie ihre Landwirtschaftsorganisationen unterstützen. Diese Organisationen beraten die Bauern, versorgen sie mit Produktionsmitteln, organisieren den Absatz und bieten günstige Kredite an. Nachdem sich so die Zwiebel- und Kartoffelerzeuger in der Region Fouta Djalon in Guinea zusammengeschlossen hatten, konnten sie ihre Anbaumethoden und ihren Arbeitsaufwand rationalisieren, ihre Produktion erhöhen und ihren Lebensstandard steigern.

Als Grundvoraussetzung müssen die Landwirte die Gewissheit haben, dass sie ihr Land dauerhaft nutzen können. Dazu gehört die rechtliche Sicherheit genauso wie der Schutz vor Erosion und Landverödung. Denn nur wenn klar ist, daß Land über einen längeren Zeitraum bewirtschaftet werden kann, lohnen sich Investitionen. Afrika kann seine Menschen selbst ernähren. Daher unterstützen wir die Menschen in Afrika dabei, ihre Kapazitäten auf- und auszubauen. So lassen sich Ernährungskrisen nachhaltig abwenden.

* Heidemarie Wieczorek-Zeul ist Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit, André Wiltzer ist Staatsminister im französischen Außenministerium.

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