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Die Siedler
Filmdokumentation von Claus Strigel
Pressemitteilung vom 05.10.2006


"... irgendwie der Arsch der Welt"- mit seiner drastischen Ortsbeschreibung hatte der Bürgermeister von Klein Jasedow eine 16-köpfige Lebensgemeinschaft aus der Schweiz auf seine Gemeinde neugierig gemacht. So neugierig, dass die Gemeinschaftsmitglieder alle Zelte in ihrer Heimat abbrachen, um ausgerechnet im hintersten Winkel Ostvorpommerns ihren Lebenstraum zu verwirklichen.
Claus Strigel hat die Siedler auf ihrem Weg begleitet. Aus der filmischen Beobachtung machte Strigel einen Dokumentarfilm: einen Siedlerwestern aus dem Deutschen Osten.

Aller Anfang ist leicht
1997: 'Die Siedler' machen sich auf den Weg in den Nordosten Deutschlands. Sie kaufen ein paar LPG-Ruinen (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften), besiedeln das Ödland, stampfen Projekte aus dem Boden, schaffen Arbeitsplätze. Der Ort erlebt eine unerwartete Blüte: Klein Jasedow wird der einzige Ort in Ostvorpommern, der wächst. Die Siedler sind eine Gruppe aus dem Westen, die das ausleben, wonach mancher Ostdeutsche sich zurückträumt: nachbarschaftliche Nähe, Arbeit, eine Lebensperspektive in solidarischer Gemeinschaft.

"Wir brauchen eure Weisheiten nicht!"
Mit dem Erfolg kommt jedoch Gegenwind auf. Die Leere der landwirtschaftlich geprägten Region trog, die 'Claims' waren längst abgesteckt: Die Agrar-Großindustrie hat den Landstrich fest im Griff. Ein Unfall bei einem flächendeckenden Großeinsatz mit Pflanzengift bringt die schlummernden Konflikte zur Explosion. Die Siedler finden sich plötzlich in einem Szenario, das an das Konfliktpotential eines klassischen Western erinnert: Aufgehetzter Mob, gesteuerte Provokation, Intrigen, aber auch überraschende Offenheit gegenüber dem "tapferen Existenzkampf der Zugereisten".

Neuanfang im Vakuum?
Als die Siedler damals aufbrachen, haben sie jedoch eines nicht bedacht: Klein Jasedow, im äußersten Nordosten Deutschlands, ist 1997 ein Ort in Auflösung. Durch stetigen Wegzug seit der Wende geht die Einwohnerzahl gegen Null, bereits zu DDR-Zeit war er zur "Wüstung" freigegeben. Im Osten Deutschlands entstand so im Windschatten der neuen deutschen Völkerwanderung ein Vakuum: verlassene Landstriche, Geisterstädte, ein Raum mit immer weniger Volk. Scheinbar perfekt für einen Neuanfang. Scheinbar...

Brasan und die Folgen des Wirkstoffs Clomazone
Am 10. September 2001, einen Tag vor dem denkwürdigen Attentat auf die Türme des World Trade Centers und das Pentagon am 11. September 2001, wurde in der Gemeinde Pulow im Landkreis Ostvorpommern ein Herbizid-Unfall entdeckt: Beim Ausbringen des Pflanzengifts "Brasan" auf Winterraps-Flächen durch das regionale Agro-Industrieunternehmen Peeneland Agrar GmbH (ein LPG-Nachfolgebetrieb, der 5.000 Hektar bewirtschaftet) hielt sich der Wirkstoff Clomazone nicht an die von seinem Hersteller behaupteten technischen Eigenschaften:
Anstatt den Vorstellungen des Herstellers Syngenta Folge zu leisten und ausschließlich die "Unkräuter" auf dem gespritzten Feld zu töten, wanderten die Giftmoleküle über das ganze Land und verheerten die Pflanzen des ökologischen Kräuteranbaubetriebs "Kräutergarten Pommerland" sowie die privaten Gemüsegärten der Einwohner des Ortsteils Klein Jasedow. Ob der Betrieb beim Ausbringen des Herbizids ordnungsgemäß vorgegangen ist oder nicht, ist noch nicht geklärt. Fest steht aber, dass das Mittel in nachgewiesenen Fällen auch bei korrektester Einhaltung der Anwendungsvorschriften aus dem Ruder gelaufen ist. Auch die Peeneland Agrar GmbH durfte sich in gutem Glauben darauf verlassen, dass bei richtiger Anwendung kein Schaden entstehen würde. Schnell wurden weitere Fälle in ganz Mecklenburg-Vorpommern bekannt. Es waren weitere Bio-Betriebe betroffen, und auch aus Mitteln wie "Cirrus" (ebenfalls Syngenta) und "Nimbus" von BASF hatte sich das Clomazone selbständig gemacht. Schließlich wurde bekannt, dass die Probleme mit dem Wirkstoff Clomazone praktisch in allen Regionen mit Großagrarindustrie aufgetreten waren. Allein in Mecklenburg-Vorpommern wurden 56 gemeldete Fälle untersucht. Bei einem Hearing in der Bundesanstalt für Pflanzenschutz im Februar 2002 wurde von Havarien aus ganz Deutschland (mit deutlichem Gefälle von Nord nach Süd), aus Polen und aus Dänemark explizit berichtet. Es wurde auch zugegeben, dass die Probleme schon in den Jahren 1999 und 2000 aufgetreten seien, wenn auch in geringerem Umfang.

Und wieder Landwirtschaftsminister Till Backhaus
Ungeachtet dieser globalen Tragweite reduzierte Landwirtschaftsminister Till Backhaus auf einer Veranstaltung des alternativen Bauernverbands ABL den Brasan-Skandal auf ein "Vorkommnis auf 1.200 Quadratmetern" und verhöhnte damit alle Menschen, die von der Havarie betroffen waren und zum Teil gravierende finanzielle Folgen zu tragen hatten. Aufgrund dieser Rückendeckung gelang es Mitarbeitern des Agrarbetriebs, der in der Gemeinde Pulow den Schaden verursacht hatte, gegen den Gemeinderat, den Bürgermeister, die ökologisch wirtschaftenden Betriebe und alle NeubürgerInnen eine massive Mobbing-Kampagne in Gang zu setzen. Es wurde behauptet, die "zugezogenen Ökos" wollten die konventionelle Landwirtschaft zerstören und die Arbeitsplätze vernichten, alle Bürger sollten zum Bio-Anbau gezwungen werden und man dürfe bald kein privates Eigentum mehr besitzen. Man verstieg sich zu dem Vorwurf, der Bio-Betrieb habe das Gift selbst ausgebracht, um damit den LPG-Nachfolgebetrieb zu schädigen. Die Personen, die auf den Chemie-Unfall aufmerksam gemacht hatten, wurden als Sekte verleumdet, und in einem weit verteilten Flugblatt wurde zur Vertreibung der "Zugezogenen" aufgerufen. Einflussreiche Regionalpolitiker und sogar die Landrätin schlossen sich dem Mobbing an und forderten öffentlich den Rücktritt der demokratisch gewählten Gemeindevertretung, weil sie es gewagt hatte, die öffentliche Aufarbeitung des Chemie-Unfalls zu unterstützen. Trotz vielfacher Vermittlungsbemühungen, u.a. durch einzelne Mitarbeiter des Landwirtschaftsministeriums und des Landwirtschaftsamts, durch die Kirche und einzelne engagierte Bürgerinnen und Bürger wurde die Kampagne unvermindert fortgesetzt und fand bei den Kommunalwahlen am 13. Juni 2004 ihren vorläufigen Höhepunkt: Die Mehrheit des derzeitigen Gemeinderats besteht nun aus den führenden Mitgliedern des nach dem Skandal von dem Agrarunternehmen mitgegründeten "Heimatvereins". Vor diesem Hintergrund beschränkte sich die Bürgerinitiative Landwende seither auf reine Beobachtungen und enthielt sich der öffentlichen Stellungnahme, um nicht weiter als "organisierte Kriminelle" verleumdet zu werden.

Der Brasan-Skandal 2001
Chronologie der Ereignisse in Klein Jasedow, Gemeinde Pulow
Klein Jasedow ist eines von vier Dörfern, aus denen die Gemeinde Pulow besteht. Die anderen drei Dörfer heißen Papendorf, Pulow und Waschow. Die Gemeinde liegt im Landkreis Ostvorpommern zwischen den Kleinstädten Anklam und Wolgast, direkt am Peenestrom gegenüber der Insel Usedom.

Über Nacht Kopfschmerzen und Durchfall
26./27. 8. - Auf Feldern in der Gemarkung Waschow (Gemeinde Pulow/OVP) werden durch Angestellte des Agrarindustrieunternehmens Peeneland Agrar GmbH, Hohendorf, mit den Geschäftsführern Bernard Sebastian Kowolik und Olaf Czeskleba, Herbizide gespritzt. Der Agrarbetrieb ist ein LPG-Nachfolgebetrieb und bewirtschaftet insgesamt 5.000 Hektar. 1.200 Hektar davon liegen im Gebiet der Gemeinde Pulow. Damit bewirtschaftet die Peeneland GmbH praktisch das gesamte Ackerland der Gemeinde Pulow. Alle Flächen sind zusammenhängende, ungegliederte Schläge von mehreren hundert Hektar Ausdehnung. (Diese Information ist insofern nicht unerheblich, als sie die Größenverhältnisse deutlich macht: Es könnte sein, dass die Auswirkungen von Clomazone mit der Größer der geschlossen behandelten Fläche unkontrollierbar werden. In den neuen Bundesländern gibt es viele Regionen mit ähnlichen Verhältnissen in der Landwirtschaft. Die 2001 beobachteten Schäden in Mecklenburg-Vorpommern wurden ausnahmslos im Zusammenhang mit Großflächen festgestellt.)
Mehrere TeilnehmerInnen eines Sommercamps in Klein Jasedow bekommen über Nacht Kopfschmerzen und Durchfall.
31.8./1.9. - Während des gesamten Wochenendes ist das Spritzfahrzeug unterwegs und spritzt auf mehreren hundert Hektar flächendeckend rings um Klein Jasedow, Pulow und Papendorf. Danach liegen mehrere Einwohnerinnen und Einwohner mit Übelkeit und Erbrechen, Glieder- und Nierenschmerzen zu Bett.
1.9./2.9. - Einwohnerinnen und Einwohner der Dörfer Klein Jasedow und Pulow beschweren sich über den Gestank, der aufgrund der Spritzmittel über den Dörfern hängt.
2.9.–7.9. - Mehrere Einwohnerinnen in Klein Jasedow klagen während der ganzen Woche über unerklärliche heftige Kopfschmerzen.
Ein kleines Mädchen in Klein Jasedow wacht morgens immer mit verschwollenem Gesicht auf, bekommt juckenden Ausschlag im Gesicht und an den Beinen. Ein Junge in Pulow hat große nässende Hautausschläge in Ellbeugen und Kniekehlen und muss ärztlich behandelt werden. Zwei Mädchen in Pulow bekommen plötzliches Fieber, ohne sich erkältet zu haben. Ein kleiner Junge in Pulow klagt in der fraglichen Zeit jeden Abend über heftige Bauchschmerzen. Eine ältere Einwohnerin in Klein Jasedow hat Fieber und Unwohlsein und liegt zwei Tage im Bett.
Eine Einwohnerin in Pulow leidet unter unerklärlichen Gelenkschmerzen und Schlaflosigkeit.
Noch bringt niemand diese Erkrankungen in Zusammenhang mit dem Spritzen des Pflanzengiftes.
10.9. - Die Kräutergarten Pommerland eG, ein anerkannter Ökobetrieb in Pulow, beschließt, am folgenden Tag ihr Melissenfeld in Klein Jasedow abzuernten und macht eine Feldbegehung. Dabei stellen die Mitarbeiterinnen fest, dass die Zitronenmelisse nicht grün, sondern gelblich und weiß verfärbt ist.
11.9. - Die Kräutergarten Pommerland eG entscheidet, das Melissenfeld nicht abzuernten, da die Pflanzen offenbar vergiftet sind, und informiert das Landwirtschaftsamt, den Landwirtschaftsminister und die Presse.
15.9. - Nordkurier und Ostseezeitung berichten über die Kontaminierung.
14.9. - Herr Stiemer vom Pflanzenschutzamt des Landes Mecklenburg-Vorpommern, Außenstelle Greifswald, meldet sich bei der Kräutergarten Pommerland eG und beraumt einen Lokaltermin an. Dazu werden die Peeneland Agrar GmbH, Hohendorf, mit ihren Geschäftsführern Bernard Kowolik und Olaf Czeskleba, die Chemiefirma Syngenta, Maintal bei Frankfurt, und die Presse eingeladen.
17.9. - Einwohnerinnen aus Klein Jasedow informieren das Gesundheitsamt Anklam.
18.9. - Der Lokaltermin findet in Klein Jasedow am Melissenfeld statt. Alle o.g. Eingeladenen sind erschienen.
Vertreter einer Bürgerinitiative aus Hohenbüssow berichten, dass in ihrer Region ebenfalls Pflanzen weiß verfärbt sind.
Olaf Czeskleba und Norbert Krüger von der Peeneland Agrar GmbH nennen das Mittel, das sie gespritzt haben: Brasan. Sie erklären sich für den Schaden auf dem Melissenfeld verantwortlich. Sie sagen der Kräutergarten Pommerland eG Schadensersatz zu. Herr Dr. Lübner von der Fa. Syngenta gibt Erklärungen zu dem eingesetzten Pflanzengift Brasan. Herr Stiemer vergewissert sich über die Schäden auf dem Melissenfeld und in den privaten Gärten in Klein Jasedow und Pulow. Er warnt vor dem Verzehr von Gartengemüse und Obst und rät sämtlichen Einwohnern, die wirtschaftlichen und ideellen Schäden zu beziffern.
19.9. - Die Kräutergarten Pommerland eG recherchiert über das Internet Details über die Wirkungsweise von Brasan: Brasan enthält die Wirkstoffe Clomazone und Dimethachlor. Dabei bewirkt Clomazone Chlorophyllverlust an den Pflanzen, während Dimethachlor direkt die Wurzel angereift. Brasan wird als Spritzmittel beim Verzicht auf Pflügen empfohlen: "Säen – Spritzen – Fertig!" lautet der Slogan der Chemiefirma Syngenta. Zur weiteren Wirkung wird Folgendes gesagt: "Das Mittel ist giftig für Fische und Fischnährtiere - Reizt die Augen und die Haut - Das Mittel ist giftig für Algen - Irreversibler Schaden möglich - Zwischen der behandelten Fläche und einem Oberflächengewässer sowie zu Ackerflächen muss ein Mindestabstand von 5 m eingehalten werden."

Öffentlichkeit wird informiert
Ostseezeitung und Nordkurier berichten über den Lokaltermin. Antenne Mecklenburg Vorpommern sendet einen Bericht. Die Ostseewelle warnt vor dem Genuss von Obst aus den Gärten. Der Fernsehsender NDR 3 sendet im abendlichen Regionalfernsehen einen Bericht.
20.9. - Es erscheint ein Bericht in der BILD-Zeitung, Region MV. Ein Vertreter des Landwirtschaftsministeriums Schwerin, Herr Tielinski, kommt nach Klein Jasedow, um sich vor Ort über den Schaden zu informieren. Gleichzeitig kommt Herr Stiemer und mit ihm weitere Vertreter des Pflanzenschutzamtes Rostock. Im Anschluss werden Boden- und Pflanzenproben vom Melissenfeld sowie – zusammen mit Herrn Krüger vom Agrarbetrieb – auf den umliegenden Feldern der Peeneland Agrar GmbH genommen. Der BUND fordert Landwirtschaftsminister Backhaus auf, sich für den Schutz der Produktionsweisen des ökologischen Landbaus einzusetzen. Die Kräutergarten Pommerland eG informiert die Bundesministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft, Frau Renate Künast in Berlin, über die Kontaminierung und die Schäden.
In der Gemeinde Pulow formiert sich die "Bürgerinitiative Landwende" und nimmt Kontakt zu Bio-Betrieben in der Region auf. Es stellt sich heraus, dass auch andere Biobetriebe in Mecklenburg-Vorpommern von ähnlichen Schäden betroffen sind, z.B. in Steinfurth, Süderholz, Rügen u.a.m. Der Kapellsche Hof in Steinfurth wird von Beamten des Pflanzenschutzamtes Greifswald und des Veterinäramtes, Anklam, aufgesucht; die Vertreter beider Ämter weigern sich, Bodenproben zu nehmen. Vertreterinnen des Gesundheitsamtes Ostvorpommern, u.a. Amtsärztin Frau Dr. Richter, kommen zu den betroffenen Einwohnerinnen nach Klein Jasedow und erklären, dass ihnen die Hände gebunden sind. Sie verweisen ans Gesundheitsministerium.
Die Bürgerinitiative Landwende eröffnet eine Internetseite, um die Öffentlichkeit laufend mit den neuesten Informationen zu versorgen.
21.9. - Auf Einladung der Bürgerinitiative Landwende treffen nachmittags VertreterInnen der geschädigten Biobetriebe auf Vertreter des Chemiekonzerns Syngenta: Herr Hefner, Herr Dr. Lübner, Herr Pape und Frau Karl. Herr Hefner ist nicht in der Lage, konkret mögliche Auswirkungen von verfrachtetem Brasan auf Mensch und Tier zu erläutern, da von Fa. Syngenta dazu offenbar keine Untersuchungen gemacht wurden. Am Abend gibt es eine Versammlung im Gutshaus Papendorf, Gemeinde Pulow. EinwohnerInnen der Dörfer Klein Jasedow, Pulow und Papendorf berichten von Pflanzenverfärbungen in ihren Gärten, davon, dass ihnen Hühner und Gänse plötzlich verendet seien, dass Junghühner Anfang September das Legen eingestellt hätten und insgesamt weniger Eier gelegt worden seien. Viele Kinder seien in dieser Zeit plötzlich erkrankt und hätten ärztlich behandelt werden müssen (s.o.). Der Bürgermeister informiert die Polizei; die anwesenden Bürger erstatten Anzeige gegen Unbekannt wegen Körperverletzung.
Zu Beginn der Versammlung nehmen zwei den meisten offenbar unbekannte Männer teil, die sofort beginnen, die Anwesenden zu provozieren, indem sie die Krankheitssymptome anzweifeln. Einer von ihnen behauptet, sie kämen von weiter her und hätten nichts mit der Landwirtschaft zu tun. Nach weiteren Herabwürdigungen der Anwesenden bittet der Bürgermeister die beiden Unbekannten, die Versammlung zu verlassen. Es stellt sich heraus, dass einige der Anwesenden die beiden sehr wohl erkannt hatten, aber aus Furcht vor einem Konflikt nichts gesagt hatten: Es waren die beiden Spritzenfahrer des Agrarunternehmens Peeneland GmbH, die das Pflanzengift Brasan versprüht hatten. Vertreter der Bürgerinitiative informieren noch in der Nacht die Gesundheitsministerin von Mecklenburg-Vorpommern, Frau Martina Bunge, über die gesundheitlichen Schäden. Diese sagt zu, sich um Aufklärung und Behandlung zu kümmern.
23.9. - Die Bürgerinitiative fragt beim Landwirtschaftsminister an, wieviel Hektar Raps in Mecklenburg-Vorpommern eingesät und wieviele davon mit Brasan oder einem ähnlichen Mittel behandelt wurden. Ferner wird die Frage gestellt, wieviele Hektar abgeernteter Raps in Mecklenburg-Vorpommern mit einem Totalherbizid "totgespritzt" wurden. Der Minister wird aufgefordert, jegliches Spritzen in Mecklenburg-Vorpommern zu untersagen, bis geklärt ist, ob eine bisher nicht beobachtete Wechselwirkung von Brasan und einem weiteren Mittel für die Vergiftung der Pflanzen und Menschen verantwortlich ist.
24.9. - In Wahrnehmung ihrer Fürsorgepflicht lädt der Bürgermeister der Gemeinde Pulow in Zusammenarbeit mit der Bürgerinitiative Landwende den Landwirtschaftsminister und die Gesundheitsministerin des Landes Mecklenburg-Vorpommern und weitere Fachleute sowie betroffene Bio-Bauern und konventionelle Landwirte zu einer Pressekonferenz am 26.9. um 10.30 ins Gutshaus in Papendorf/Gemeinde Pulow ein. Auch die beiden Geschäftsführer der Peeneland Agrar GmbH sind ausdrücklich eingeladen.
26.9. - Vor dem Gutshaus Papendorf demonstriert eine wütende Menge: Die Peeneland Agrar GmbH hat ihren Angestellten freigegeben, um ihrem Unmut über die unerwünschte Publizität Ausdruck zu geben. Als einer der Anführer entpuppt sich der Spritzenfahrer, der die Versammlung am 21.9. über seine Identität getäuscht hatte. Seine Mutter, die derzeitige zweite Bürgermeisterin Renate Bliese, erzwingt sich gewaltsam Zutritt zur Pressekonferenz. Die beiden Geschäftsführer der Peeneland, Bernard Kowolik und Olaf Czeskleba erscheinen nicht zur Konferenz. Die Pressekonferenz verläuft ansonsten sachlich und ruhig.
In den beiden auf den Brasan-Skandal folgenden Jahren 2002 und 2003 wurde auf keinem direkt an die Häuser von Klein Jasedow angrenzendem Feld Raps angebaut. Zu den Rapsfeldern bestand in beiden Jahren eine Entfernung von wenigstens einem Kilometer und mehr.

Bericht der Siedler: Aus der Schweiz nach M-V
„Als wir im Frühjahr 1997 hier in Klein Jasedow mit unseren ersten Habseligkeiten ankamen, ist uns nur Aufgeschlossenheit, Interesse und Freundschaft entgegengebracht worden. Wir waren davon ganz überwältigt, denn die Vorurteile, dass die Menschen in Vorpommern besonders stur seien, hatten wir auch gehört. Solche Vorurteile sind genauso irreführend wie solche, dass alle Leute mit langen Haaren nur barfuß laufen und Brennesseln essen. Im übrigen hatten wir 15 Jahre lang mitten in Oberbayern mit dem damaligen „Temenos“-Projekt auch nicht übermäßig viel Offenheit erfahren - die Vorurteile jeglicher Art nehmen sich nicht viel, ob in Pommern oder in Bayern oder sonstwo auf der Welt. Nachdem wir uns im Sommer 1997 in Klein Jasedow notdürftig eingerichtet hatten, wollten wir unsere Nachbarn zu einem Einstandsfest einladen, aber da wurde uns von der damaligen Dorf-Ältesten gesagt: „Nein, wir wollten doch ein Fest machen, um euch in die Dorfgemeinschaft aufzunehmen!“ So kam es zu dem ersten in einer inzwischen langen
Tradition von gemeinsamen Dorffesten in Klein Jasedow. Rund zwei Drittel der so genannten Einheimischen in unserer Region sind als Vertriebene aus Hinterpommern, aus Schlesien oder aus dem Sudetenland nach dem 2. Weltkrieg und später durch Umsiedelungsmaßnahmen innerhalb der DDR in dieser Region gelandet.
In den ersten drei Monaten haben wir praktisch keinen „echten“ Vorpommern getroffen. Unsere Klein Jasedower Nachbarn hatten deshalb besonderes Verständnis für unsere Situation nach dem Umzug, wo wir einen neuen Anfang finden und uns in den verfallenen Häusern notdürftig einrichten mussten. Die Menschen, die Vorurteile uns gegenüber haben, wie das im Film gezeigte Ehepaar, kennen uns gar nicht persönlich. Sie wohnen in den Nachbardörfern, und hatten bis zu dem Herbizid-Unfall 2001 weder Berührungspunkte noch irgendwelche Probleme mit uns. Ohne diesen Vorfall und die im Zuge dessen verbreiteten Falschinformationen über uns hätte auch mit ihnen vermutlich ein normaler, langsamer Annäherungsprozess stattgefunden.
Wir haben mehrere Vermittlungsversuche gestartet, schließlich sogar den Pastor aus Lassan eingeschaltet und Gesprächsrunden organisiert. Aber die ablehnende Haltung einer bestimmten kleinen Personengruppe ließ sich durch nichts aufweichen. Sie haben unter Protest den Gesprächskreis des Pastors, der sogar eigens einen Moderator engagiert hatte, verlassen und waren zu keinem Folgetermin bereit. Nachdem sie seit der Kommunalwahl im Juni dieses Jahres 2004 mit 3 Sitzen im Gemeinderat vertreten sind, geben sie den Mitgliedern unserer Gemeinderatsfraktion, die ebenfalls mit 3 Sitzen wiedergewählt wurde, nicht einmal die Hand, wenn man sich zu den Ratsversammlungen begegnet. (Auch die neue Bürgermeisterin, die 74-jährige Anneliese Herrfurth, die Matthias Andiel bei einer Wahlbeteiligung von 95% äußerst knapp überrundet hatte, ist Mitglied des Waschower „Heimatvereins“; immerhin wahrt sie ein Minimum an Form in dieser Beziehung ...) Wir sind hier ratlos, wie dieses Eis zu durchbrechen ist - oder ob wir es überhaupt durchbrechen wollen sollen, wenn dies die andere Seite strikt nicht wünscht. Solange die betreffenden Personen von sich aus diese Eiswand aufrecht erhalten, müssen wir uns z.B. von Seiten verschiedener Ämter den Vorwurf anhören: „Ihr seid ja nicht mal in der Lage, die Konflikte in eurem direkten Umfeld zu lösen“. Mit diesem Argument wurde z.B. ein Antrag unseres Vereins, als Träger freier Jugendhilfe anerkannt zu werden, vom Landkreis trotz eindeutigem Rechtsanspruch abgelehnt, was uns nun vor das Verwaltungsgericht zwingt. Insofern ist das künstliche Aufrechterhalten der Eiswand ein lokalpolitischer Trumpf, der immer wieder gerne ausgespielt wird, indem man uns mangelnde Kooperationsbereitschaft vorwerfen kann. Diese Probleme sind nach wie vor ungelöst. Aber wir leben und lebten auch in der Vergangenheit persönlich weitgehend unbehelligt, denn wir sind in Klein Jasedow von einer guten Nachbarschaft umgeben. Angst machen könnte uns nur die langfristige Situation ländlicher Regionen im deutschen Osten – in 20 Jahren wird hier nur noch überalterter Bruchteil der jetzigen Bevölkerung leben, sagen die Experten. Wir setzen uns dafür ein, dass die Region langfristig lebenswert und überlebensfähig bleibt - und das wird nur mit neuen Impulsen und dem Zuzug von engagierten Menschen möglich sein, die freilich mit ihrem So-Sein auch unvermeidlich Veränderungen mitbringen. Angst machen könnte uns auch die allgemeine wirtschaftliche Situation in Deutschland, die unser Überleben in den beiden vergangenen Jahren enorm erschwert hat und wohl auch in absehbarer Zukunft keinen Anschluss an die relativ guten Zeiten bis 2002 mehr zulassen wird.

Methode erinnert fatal an die berüchtigte Anweisung 76/1 von Erich Mielke
Die Firma schickte ihre Angestellten auf eine Pressekonferenz der damals entstandenen Bürgerinitiative „Landwende“, um mit dem Argument zu demonstrieren, „die Zugezogenen wollen die konventionelle Landwirtschaft zerstören und ihre Arbeitsplätze vernichten“. Am nächsten Tag fand in dem Nachbarstädtchen Lassan eine geheime Sitzung statt, zu der alle Familien der Angestellten in diesem Betrieb und alle mit der Peeneland assoziierten Bürger der Gemeinde eingeladen wurden, darunter auch das im Film gezeigte „Ehepaar am Gartentisch“ aus Waschow. Dort wurde die Unterstellung, dass wir es auf die Zerstörung der konventionellen Landwirtschaft abgesehen hätten, mit dem Modell der Studenten von der „autonomen Gemeinde“ aus dem Jahr 1994 untermauert. Dies sei der „langfristige Plan“, den Bürgermeister Andiel gemeinsam mit den Zugezogenen in Klein Jasedow eigentlich verfolgte:
Alles müsse zwangsweise ökologisch bewirtschaftet werden, man dürfe nur noch essen, was auf den Feldern der Gemeinde wächst, man dürfe nicht mehr Einkaufen fahren, man dürfe keine Grundstücke mehr besitzen und keine Autos mehr haben, sogar Geschirr etc. müsse in der Gemeinde selbst hergestellt werden ... Hanebüchener Unsinn, mit dem wir nichts zu tun haben. Die Methode jedoch erinnert fatal an die berüchtigte Anweisung 76/1 von Erich Mielke, nach der in der juristischen Fakultät der Universität Potsdam die „Zersetzung der Persönlichkeit“ gelehrt wurde, um staatsfeindliche Subjekte unschädlich zu machen. War es ein absichtsvoller Griff in die Methodenkiste eines Systems, das die Vernichtung von Menschen zur Staatsräson gemacht hatte? Seit jener Versammlung, die als Ergebnis auch ein von 136 Einwohnern unterzeichnetes Bürgerbegehren zeitigte, in dem der sofortige Rücktritt des gesamten Gemeindeparlaments samt Bürgermeister gefordert wurde, geht das Gerücht um, dass bei uns alle Brennesseln essen und barfuß gehen müssten und dass wir den anderen unsere Lebensweise aufzwingen würden. In den ersten vier Jahren unseres Hierseins hatten wir ein solches Gerücht nie gehört, denn es gibt dafür wahrlich keinen Anlass ... :-)

Der Film wurde mit dem Förderpreis des bayerischen FilmFernsehFonds ausgezeichnet.

Aus der Jurybegründung:
"Der Film... bringt uns Menschen nahe, die nicht nur Träume haben, sondern Visionen von einem anderen Leben. Und sie wagen es, diese Visionen zu verwirklichen" "... stilistisch konsequent, dramaturgisch ausgefeilt und unterhaltsam wie ein guter Spielfilm, zieht uns der Filmemacher in seine Geschichte. Er verschont uns mit wohlfeilen Erklärungen. Ganz ohne Kommentar lässt er uns Zuschauer miterleben und mitfühlen."

www.siedler-film.de
Sendung Sonntag, 01. Oktober 2006, 21.15 Uhr, 3Sat – Wiederholung in 3.Programmen der ARD

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