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CDU-Mitglied mit Erleichterung über die Wahlniederlage der eigenen Partei
Pressemitteilung vom 04.10.2002


Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) schreibt in ihrer Ausgabe vom 27. September: „Wenn jemand, der seit drei Jahrzehnten aktives CDU-Mitglied ist, sich über den Ausgang der Bundestagswahl freut, muss er gute Gründe haben. Zum Beispiel, dass ihm die Schwarzen nicht grün genug sind.

„Ich bin sehr erleichtert, dass es nicht zum Regierungswechsel gelangt hat“, sagt Paul Erich Etzel, Deutschlands wohl bekanntester Bio-Bauer. Der Landwirt aus dem Taunusstädtchen Wehrheim hatte sich heftig über den agrarpolitischen Kurs seiner Parteifreunde geärgert, die nach der Wahl das Ruder wieder herumschwingen wollten. Denn der CDU-Vorsitzende von Schleswig-Holstein, Peter Harry Carstensen, den Edmund Stoiber vor der Wahl in sein „Kompetenz-Team“ gerufen hatte, ist in den Augen Etzels ein Scharfmacher. Der Großbauer aus dem Norden steht für Massentierhaltung, grüne Gentechnik und vor allem in dem Ruf, kein Förderer des Öko-Gedankens zu sein. „Angela Merkel ist dagegen dem Öko-Landbau durchaus zugetan“, meint Etzel. Sie suche den Dialog, nicht die Konfrontation. „Die Union muss grüner werden, wenn sie die Wahl in vier Jahren gewinnen will“, fordert der Öko-Bauer. Man könne nicht am Verbraucher vorbeiproduzieren.

Dass man als Bauer den Verbraucher für sich gewinnen und dabei gut verdienen kann, dafür ist der 63 Jahre alte Querdenker der lebende Beweis. Vor 15 Jahren, als andere noch nicht einmal wussten, was ökologischer Landbau ist, hat Etzel seinen 30 Hektar großen Betrieb umgestellt. Heute hat er 120 Hektar und ist damit der größte Öko-Bauer weit und breit – genauer gesagt sein Sohn Werner, ein Agraringenieur, der inzwischen die Leitung des Betriebes übernommen hat. Gerade erst fertiggestellt worden ist – in einiger Entfernung vom Hofgut neben der Anlage für Etzels hundert Bio-Rinder – der neue Schweinestall. Das Wort freilich passt nicht recht, denn in der Einrichtung tummeln sich 700 glückliche Bio-Schweinchen; sie ist hochmodern und mit automatischer Fütterung ausgestattet. Etzel hat dafür 2 Millionen Euro ausgegeben. „Das war eine der größten Investitionen in den ökologischen Landbau in Deutschland“, sagt er. Seine Wutzen haben, im Gegensatz zu vielen ihrer bedauernswerten Artgenossen aus konventionellen Mastbetrieben, nicht nur reichlich Platz und die freie Wahl zwischen Drinnen und Draußen.

Sie besitzen auch noch alle ihre Schwänze – und manche, abhängig von der Herkunft, die Eckzähne. „Das Stöbern in den Strohballen baut Aggressionen ab“, erläutert Etzel.

Ob sie denn durch die viele Bewegung und das Fehlen der (in der Bio-Aufzucht verbotenen) antibiotischen Leistungsförderer langsamer zunehmen als ihre konventionell gezogenen Kollegen? „Alles Quatsch“, sagt der Bauer, „die wachsen genauso schnell.“ Falls doch einmal ein Schwein von den Artgenossen attackiert wird, wird es im Hofgut am Ortsrand wieder aufgepäppelt und erfreut dort die Besucher. Das gehört auch zum Vermarktungskonzept.

Das vierhundert Jahre alte Hofgut mit seinen Fachwerkbauten ist liebevoll restauriert, der Innenhof bietet Raum zum Verweilen. Einmal jährlich veranstaltet Etzel für die Umgebung ein Hoffest mit Bio-Produkten. Ehefrau Beate, eine Schneidermeisterin, führt den Hofladen. Dort gibt es ein erlesenes Sortiment an Bio-Produkten, die Etzel gar nicht alle selbst herstellen kann. Seine Öko-Hausmarke Blütenkranz Naturkorn findet sich dennoch in sämtlichen Regalen. Auf das patentierte Konzept, das dahintersteckt, ist Etzel besonders stolz: Um jedes Kornfeld ist ein breiter Ackerblütenstreifen angelegt, in dem sich die nützlichen Insekten aufhalten. Das macht die chemische Keule überflüssig.

Die Direktvermarktung lohnt sich offensichtlich, denn Etzel expandiert. Gerade erst wurde der dritte Hofladen in Oberursel eröffnet, der zweite steht seit Jahren in Bad Homburg. „Wer Erfolg haben will, muss unseren Vermarktungsweg gehen“, ist er überzeugt. Gerade in den Ballungszentren hätten die Landwirte noch immer ein schlechtes Image. Ihre Höfe entsprechen nicht dem Wunschbild der Städter. Hier knüpft die Empfehlung des Öko-Bauern an die mittelständischen Kollegen an. „Macht den Leuten ein Hotel im Heu!“ Damit ist Etzel gar nicht weit vom Bauernverband entfernt, der ebenfalls den Urlaub auf dem Lande als Einnahmequelle propagiert. „Das Tor aufmachen alleine reicht allerdings nicht, Dienstleistungsmentalität ist gefragt.“

Aus Etzels Erfolgsrezept erklärt sich der auffällige Widerspruch zur Agrarpolitik seiner Partei. Die Vorstellung, die deutsche Landwirtschaft könne nur durch übergroße Einheiten international konkurrenzfähig sein, hält er für abwegig. „Wir können im Weltmarkt nicht bestehen, weil die deutschen Bauern in der Produktion massiv beeinträchtigt werden.“ Die Freizeitgesellschaft wolle eben keine Gentechnik und Chemiesierung in der Nahrungsmittelproduktion. „Wer kann, soll für den internationalen Markt produzieren. Aber die meisten können es halt nicht.“

Bevor sich die Idee der regionalen Vermarktung von Öko-Produkten auf breiter Front durchsetzt, ist indes noch einige Überzeugungsarbeit notwendig. Etzel verhandelt derzeit über ökologische Casino-Verpflegung. Da prallen die Ideologien aufeinander: „Wenn die ‚Öko’ hören, sehen die grün“, sagt er. „Dann kann man ihnen nichts mehr verkaufen.“

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