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Agrarmuseum Markkleeberg geschlossen
Tanneberger fordert neues Konzept für Aufarbeitung der DDR-Agrargeschichte
Museum strotzte vor geschichtlicher Unwahrheit und Ideologie
Pressemitteilung vom 27.09.2001


Leipzig. Das Deutsche Landwirtschaftsmuseum in Markkleeberg ist geschlossen worden. Bislang steht nur fest, dass bis Jahresende der Fundus zur Geschichte der DDR-Landwirtschaft gesichert und konserviert werden soll. Das Landwirtschaftsministerium erteilte bisher noch keinem neuen Träger den Zuschlag. Der frühere Betreiber, der Kultur- und Umweltpark agra, ist insolvent. Das Museum selbst ist durch Fördermittel noch bis Ende 2002 finanziell gesichert. Das Ministerium macht die Wiedereröffnung von einem tragfähigen Konzept abhängig. Das umstrittene Museum war auf Betreiben des damaligen sächsischen Landwirtschaftsministers Rolf Jähnichen (CDU) erst 1998 in einen sechs Millionen Mark teuren Neubau umgezogen.

Dieter Tanneberger, Präsident des Verbandes der privaten Landwirte und Grundeigentümer Sachsen (VDL), sagte, der Konkurs sei auch Gelegenheit für einen Neuanfang mit der agrargeschichtlichen Wahrheit. Hier sei eine Art „LPG-Museum“ entstanden. Anerkannte Historiker müssten in die Neuplanung des Konzepts mit einbezogen werden.

Einer der ersten Besucher nach der Eröffnung 1998 war Manfred Rühl. Er schrieb damals einen Artikel für die LANDPOST, den wir leicht gekürzt nochmals veröffentlichen:

„Vielen Dank für die interessante Ausstellung“ stand auf einer Kinderzeichnung, die einer der Schüler im Ausstellungsraum abgelegt hatte; eine Lehrerin hatte mit ihrer Klasse soeben die zahlreichen Bildtafeln betrachtet, die neben Vitrinen die prächtige Ausstellungshalle schmücken. In einem originellen, immer an der Wand entlang schräg nach oben führenden Rundgang - symbolisch für Aufwärtsentwicklung - wird der Besucher mit der Chronologie der Entwicklung der sozialistischen Landwirtschaft der DDR vertraut gemacht, beginnend 1945/46, als Handarbeit und primitive, veraltete Technik auf dem Felde und im Stall dominierte.

Walter Ulbricht ist zu sehen und Parteitagsbeschlüsse werden zitiert, wie durch Bildung von Genossenschaften ab 1952 das Leben der Bauern erleichtert und verbessert werden sollte. Auch ist festgehalten, dass durch entsprechende Beschlüsse des ZK der Partei das Ablieferungssoll der Betriebe unter 10 ha zu Lasten der Bauern mit über 20 ha wesentlich herabgesetzt wurde. Konnte der durch die Differenzierung des Solls schwer belastete Großbauer die ihm aufgebürdete Pflichtablieferung nicht erbringen, wurde, so heißt es, ein Treuhänder eingesetzt.

Das hört sich 1998 für den Laien und für die oben erwähnten Schüler als Ausstellungsbesucher logisch und normal an. Keine kritische Bemerkung weist darauf hin, welch unmenschliche Auswirkung dieser Beschluss hatte: Trieb er doch in den 50er Jahren Hunderttausende ehrbarer Bauernfamilien in den (von der Partei beabsichtigten) Ruin! Es begann ein nie da gewesener Terror mit Drangsalierungen, wie Verweigerung der Schlachtgenehmigung, Verhöre, Verhaftungen, Aberkennung der Bauernfähigkeit, Zwangsverpachtung mit Rausschmiss aus dem eigenen Bauernhof, Verweis aus dem Dorfe, Diffamierung in der Zeitung, Anklage und Verurteilung vor Gericht, Bewachung und Bespitzelung des Hofes bei Tag und bei Nacht, Durchsuchung und Beschlagnahme der Vorräte und des Viehs in den Ställen - Devastierung nannte man das. In ihrer Not und Bedrängnis flohen die so Misshandelten Nacht für Nacht in Scharen über Berlin in den Westen, und das jahrelang. Bis die Partei mit dem Bau der Berliner Mauer 1961 die Notbremse zog, um ein weiteres Ausbluten des Landes zu verhindern. Die da in den Westen geflüchtet sind, haben das nicht aus Übermut oder Abenteuerlust getan, sondern im Ergebnis unerträglicher seelischer Belastung, um ihr nacktes Leben zu retten. Sie haben ihre in Jahrhunderten gewachsenen, mit dem Schweiß und Fleiß und vielen Entbehrungen ganzer Generationen von Bauern errichteten Höfe nicht verantwortungslos verlassen, sondern völlig verzweifelt und verarmt wegen eines unmenschlichen Regimes, das in den Dörfern wütete, um die Zwangskollektivierung durchzusetzen.

Doch darauf fehlt jeder Hinweis in dieser Ausstellung. Im Gegenteil: Die sozialistische Umgestaltung der Dörfer wird eindeutig verherrlicht. Die „Straße der Besten“ ist mit Wimpeln, Orden und Ehrenzeichen zu sehen. Honecker, Felfe und andere vom Politbüro werden auf Schautafeln gezeigt und zitiert, die Fahnen der DDR, der VdgB, des FDGB und der DBD (Bauernpartei) werden als Kostbarkeit auf seidenen Tüchern in wertvollen Schaukästen dargeboten. Der Besucher glaubt, die DDR sei wiederauferstanden von den Toten, so wird mit den Machenschaften des Sozialismus auf dem Lande geprahlt. Kein Wort der Kritik. Dabei gäbe es doch so viele Gründe hierfür:

Das Eigentumsrecht der Bauern wurde mit Füßen getreten - sie hatten kein Verfügungsrecht mehr über ihren Grund und Boden und über ihre Gebäude. Beides mussten sie jahrzehntelang unentgeltlich der LPG überlassen, und diese hat noch nicht einmal die Werterhaltung durchgeführt. Der Besuch von Hochschulen war den Bauern verwehrt. Dem Autor wurde bei seiner Bewerbung unverhohlen ins Gesicht geschleudert: „Wir brauchen Arbeiterkinder an unseren Hochschulen, keine Großbauernsöhne!“ Die Bauern und ihre Kinder waren nur als Landarbeiter, Traktoristen und Viehpfleger gefragt. Kein Wunder, dass sich jetzt so wenige selbständig machen: ihnen fehlt das betriebswirtschaftliche Können, das Kaufmännische, das Management.

Das Deutsche Landwirtschaftsmuseum in Markkleeberg ist blendend eingerichtet - es blendet im wahrsten Sinne des Wortes. Unkritisch wird die Zwangskollektivierung verherrlicht, als wäre sie das Non plus Ultra für die Bauern gewesen. Natürlich hatte sie auch ihre Vorzüge, weil auf großen Schlageinheiten kostengünstiger produziert und die Landtechnik höher ausgelastet und rationeller betrieben werden kann. Auch die mit der Zwangskollektivierung verbundene Spezialisierung und Arbeitsteilung in der Feld- und Stallarbeit bedeutete einen Fortschritt gegenüber der herkömmlichen Landarbeit.

Schwere Handarbeit wie Kartoffelnlesen, Dungbreiten u.a. wurde mechanisiert.

(Anmerkung der Redaktion: Maschinenausleih- und Traktorenstationen (MAS und MTS) waren nur LPGen und „werktätigen Einzelbauern“ zugängig. Es bestand keine Möglichkeit der Mechanisierung für sog. „Großbauern“-Betriebe über 20 Hektar, die im Klassenkampf als potentielle Staatsfeinde galten.)

Die alljährlichen Betriebsausflüge waren für viele die ersten und einzigen Urlaubsreisen. Das wird gar nicht in Abrede gestellt; doch der Weg dahin, die Art und Weise der Kollektivierung war - wie beschrieben - fragwürdig, wird aber im agrar-Museum völlig negiert.

Gemeckert werden durfte nicht. Wer das tat, wurde eingesperrt. Wie mein Schwiegervater. Der hat über zwei Jahre im Gefängnis verbringen müssen, weil er 1961 geäußert hat: „Die LPG und die DDR gehen eines Tages pleite.“ Von solchen Repressalien erfährt der Museumsbesucher nichts. Diese unkritische Zurschaustellung der „Errungenschaften“ des Sozialismus - das ist es, was ich an der Einrichtung des Museums zu bemängeln habe. Die Ausstellung ist nicht komplett, solange die hier aufgezeigten Tatsachen nicht eingearbeitet worden sind. Übrigens: Die Bildungsstätte, von der hier die Rede ist, nennt sich „Deutsches Landwirtschaftsmuseum“, zeigt aber nur die Entwicklung in Ostdeutschland; nach der in Westdeutschland befragt, wurde mir empfohlen, nach Stuttgart zu fahren ...“

(Der Autor ist Vorsitzender des VDL-Regionalverbandes Nordsachsen)

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