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Es fehlen die bürgerlichen Schichten
Weil die Eliten fehlen, die sie kreativ einsetzen, können die Transfermilliarden im Osten keine Früchte tragen
von Arnulf Baring
Pressemitteilung vom 09.09.2004


Das Ziel der enormen Transferleistungen von West- nach Ostdeutschland, also die Herstellung gleicher Lebensverhältnisse in Ost und West, ist unerreichbar. Diese Feststellung dürfte an sich nicht überraschen, denn sie ist die Folge massenhafter Abwanderung - eine Tatsache, die allerdings viel zu wenig öffentliche Erwähnung findet. Seit 1945 bis zum Mauerbau, in gewissem Umfang selbst danach und sehr massiv wiederum nach der Wiedervereinigung haben vier bis fünf Millionen Menschen die frühere DDR verlassen (nach 1990 allein noch einmal zwei Millionen). Das hat zu einer dauerhaften Schwächung kreativer Kräfte der dortigen Gesellschaft geführt. Es ist ganz offenkundig, daß jene Mentalität, die lange Zeit zum Beispiel Baden-Württemberg so bedeutend gemacht hat in der industriellen Welt - dieser Erfinder- und Tüftlergeist, diese Kreativität der Mittelschichten und des Bürgertums - in der ehemaligen DDR heute weit gehend verschwunden ist.

Wenn man durch irgendeine mittel- oder ostdeutsche Stadt geht - nicht gerade in Dresden, wenn die Oper aufmacht, oder in Leipzig, wenn Messe ist, sondern in den übrigen kleineren Städten -, dann legt ein Blick auf die Menschen in den Straßen nahe, daß diese beschriebene Art von Kreativität nicht mehr in dem nötigen Maße vorhanden ist.

Es geht dabei nicht in einem denunziatorischen Sinn um "dümmere" Teile der Bevölkerung, sondern um die weit gehende Abwesenheit kreativer, unternehmungsbereiter Schichten. Über diesen Mangel kann man nicht hinwegsehen.

Es ist ganz klar: Wenn etwa sechs Millionen seit 1945 aus diesem Gebiet abgewandert sind, waren dies wahrscheinlich die Wacheren und Begabteren, die die frühzeitig absehbare Krisensituation der DDR besser erkannten, erfolgreicher auf sie reagierten. Das SED-Regime wollte ganz bewußt das Bürgertum ausschalten, war lange froh, daß die Bürgerlichen abwanderten.

Es gibt Bücher, traurige Bücher, die den großen Anteil der Zuwanderer an der intellektuellen Ausstrahlung der Bundesrepublik (alt), ihren Anteil am westdeutschen Wirtschaftswunder aufgezeigt haben. Es ist ganz erstaunlich, wie viele Leute aus der früheren DDR eine führende Rolle im intellektuellen, künstlerischen, wissenschaftlichen und natürlich gerade auch im Wirtschaftsleben der Bundesrepublik gespielt haben. Es wäre doch seltsam, wenn das dort, wo sie heute fehlen, keine Folgen hätte.

Dieser Verlust hat historisch noch weitere Dimensionen. Schon die Abwanderung und Vernichtung der Juden hat Deutschland entscheidend geschwächt. Unser Land wird nie wieder das Deutschland sein, das es vor 1933 war oder während der Kaiserzeit - zum Beispiel wissenschaftlich, wie man an der Zahl der Nobelpreise für Deutsche sehen kann. Das ist ein großer Aderlaß gewesen.

Der Aderlaß an Bürgerlichkeit, an mittelständischer Verantwortungs- und Innovationsfähigkeit, den danach, nach 1945, speziell der heutige deutsche Osten zu verkraften hatte, ist eine ebenso unabweisbare Tatsache. Wenn man sie nicht benennt, wird man nicht verstehen, warum die Transferleistungen von West- nach Ostdeutschland keine Früchte tragen können.

Noch dazu wird in 40 Jahren die Hälfte der Bevölkerung der früheren DDR altersbedingt verschwunden sein. Mit einer massenhaften Zuwanderung aus dem Westen ist nicht zu rechnen. Starke Zuwanderung aus dem Ausland würde Ängste auslösen.

Deutschland insgesamt ist ein Schrumpfgebilde. Daß man das besonders dramatische Problem des Ostens öffentlich nicht wirklich umfassend erörtert, ist ein enormes Versäumnis - aller Parteien und Politiker.

Arnulf Baring ist Jurist, Zeithistoriker und Publizist.

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