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Gespaltenes Verhältnis zur Bodenreform
Leserbrief an die FAZ von Rechtsanwalt Dr. Thomas Gärtner, Bad Ems
Pressemitteilung vom 04.09.2003


Ich bin sehr dankbar dafür, dass der 125. Geburtstag von Andreas Hermes von Karl Feldmeyer in seinem sehr lesenswerten Artikel (F.A.Z. vom 15. Juli) thematisiert worden ist. Die CDU hatte ein sehr gespanntes Verhältnis zur Bodenreform in der SBZ. Jakob Kaiser und Ernst Lemmer, die Nachfolger von Hermes und Schreiber, hatten nämlich wegen ihrer Abneigung gegen die sogenannten Junker durchaus Sympathien für diese Strafmaßnahme. Sie sind erst später zurückgetreten und in die Westzonen übergesiedelt, als die Industrieenteignungen anstanden. Sie genossen wegen ihrer wohlwollenden Haltung zur Behandlung der Junker und Großgrundbesitzer zu diesem Zeitpunkt das uneingeschränkte Vertrauen der sowjetischen Besatzungsmacht. Es ist bezeichnend, dass Kaiser und Lemmer dann im Kabinett Adenauer nacheinander den Posten eines Bundesministers für gesamtdeutsche Fragen innehalten. Unter der Überschrift „Die Hermes-Schreiber-Affäre“ beschreibt Erich Gniffke, der zur fraglichen Zeit Mitglied des Parteivorstandes der SPD (Ost) war und die Zwangsvereinigung der SPD mit der KPD im Jahre 1946 nicht hat verhindern können, wie es zur Absetzung des Vorsitzenden der CDUD (nachsehend: CDU) und seines Stellvertreters Walter Schreiber kam (Erich W. Gniffke, Jahre mit Ulbricht, Taschenbuchausgabe, 1966, Seite 74 folgende). Ich zitiere aus den Lebenserinnerungen von Gniffke auszugsweise:
„Aus gelegentlichen Äußerungen Tulpanows (Leiter der Informationsverwaltung der Sowjetischen Militäradministration SMAD) wie auch seines Verbindungsoffiziers, des Majors Romm, mussten wir schließen, dass man bei der SMAD die Entwicklung innerhalb der CDU mit Sorge beobachtete. Man befürchtete angeblich eine Unterwanderung durch Reaktionäre, die Hermes und Schreiber zur Last gelegt wurde.
Am 19. Dezember 1945 wurden zu einer für Russen unmöglichen Zeit, nämlich um 7 Uhr früh, Jakob Kaiser und Ernst Lemmer nach Karlshorst geholt, und zwar einzeln, ohne dass der eine vom anderen wusste. Sie wurden abwechselnd von Oberst Tulpanow und Oberstleutnant Nasarow darauf hingewiesen, dass Hermes und Schreiber wegen ihrer reaktionären Haltung für die SMAD nicht mehr tragbar seien. Erst beim Mittagessen brachte Tulpanow Kaiser und Lemmer zusammen. Beide hatten erklärt, dass sie dem Vorstand ihrer Partei über die Unterredung berichten wollten, selbst jedoch keine Entscheidung treffen könnten. Das Essen zog sich bis gegen 4 Uhr nachmittags hin. Dann trafen mehrere Vorstandsmitglieder der CDU, die inzwischen zusammengeholt werden konnten, in Karlshorst ein, darunter Dr. Friedensburg und Otto Nuschke aus Berlin, Dr. Grosse aus Thüringen, Herwegen von Sachsen-Anhalt, Professor Hiekmann aus Sachsen und Lobedanz aus Mecklenburg.
Ernst Lemmer berichtet später, dass Tulpanow die herangeholte CDU-Hilfstruppe aus der Zone sehr bald ‚überfahren’ hatte. Er verlangte, dass noch am gleichen Abend um 10 Uhr im Parteibüro in der Jägerstraße eine Vorstandssitzung abgehalten werde, an der auch Hermes und Kaiser teilnehmen sollten. Tulpanow erschien zu dieser Sitzung in Begleitung mehrerer Offiziere, die er auf dem Flur zurückließ, während er selbst den Vorsitz in der Sitzung übernahm.
Wieder behauptete Tulpanow, dass Hermes und Schreiber eine reaktionäre Politik betrieben. Als Hermes um eine nähere Begründung dieser Beschuldigung bat, entspann sich folgender Dialog zwischen Tulpanow: ‚Die Feststellung genügt, treten Sie zurück!’ Hermes: ‚Ich bitte um eine Begründung. Solange Sie mir diese nicht geben, trete ich nicht zurück.’ Tulpanow: ‚Ich sage Ihnen nochmals: Treten Sie zurück!’ Hermes: ‚Ist das ein Befehl?’ Tulpanow: ‚Ja, es ist ein Befehl der SMAD!` Hermes: ‚Einem Befehl muss ich mich beugen.’
Tulpanow, der weiterhin den Vorsitz behielt, forderte daraufhin den Vorstand auf, neue Vorsitzende zu wählen. Der CDU-Vorstand bestimmte Jakob Kaiser zum Ersten und Ernst Lemmer zum Zweiten Vorsitzenden. Beide erbaten eine achtundvierzigstündige Bedenkzeit. Nach Ablauf dieser frist nahmen sie die Wahl an.“

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