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Russische Rote Barone
Agrar-Holdings und Finanz-Industriegruppen erobern das Land
Pressemitteilung vom 05.09.2002


Russland besteht zu großen Teilen aus Agrarböden. In den fruchtbaren Gegenden des Landes mit den ertragreichen Schwarzerdeböden, in Süd- und Zentralrussland, liegen 47 Millionen Hektar Ackerland. Insgesamt verfügt Russland über mindestens 129 Millionen Hektar Ackerland, von denen rund 15 Millionen brachliegen – das entspricht dem Doppelten der landwirtschaftlichen Nutzfläche Deutschlands. Schon deshalb erscheine die Einschätzung des Landwirtschaftsministers Alexej Gordejew, der Wert des gesamten russischen Ackerlandes betrage 80 bis 100 Billionen Dollar, als übertrieben, schreibt die FAZ. Solange es keinen Mechanismus der Preisbildung für Agrarböden in Russland gebe, seien Angaben hierüber ohnehin willkürlich. Ein Markt für Agrarböden könne sich aber erst bilden, wenn der neue Bodenkodex, der Kauf und Verkauf von Agrarland legalisiert, umgesetzt ist.

In Russland entstanden nach 1991 in schnellem Tempo riesige Agrar-Holdings. Heute sind 8 Prozent der Agrarbetriebe in Händen dieser Holdings. Zerfallene Kolchosen, verödete Sowchosen (frühere Staatsbetriebe) werden immer mehr auch von russischen Großkonzernen wie den Finanzindustrie-Gruppen in Form von Agrar-Holdings geführt. Im vergangenen Jahr sind nach Angaben des russischen Landwirtschaftsministeriums rund eine Milliarde Dollar aus dem Banken- und Finanzwesen in die Landwirtschaft geflossen. Die Holding Interros des Magnaten Wladimir Potanin etwa, zu der Konzerne wie Norilsk Nikel, der Motorenbauer Perm, die Rosbank und einige Rüstungsbetriebe zählen, gründete Ende vergangenen Jahres die Agrar-Holding Agros, die 55 Prozent Anteil am größten russischen Getreidehändler RosCHlebprodukt besitzt. Agros vereinige, sagt der Vorstandsvorsitzende Leonid Tscherschinskij, mehr als 80 landwirtschaftliche Betriebe, besitze Anteile an über 40 Aktiengesellschaften und habe, meist in den Gebieten Stawronesch und Woronesch, 80.000 Hektar Ackerland gepachtet. „In drei bis fünf Jahren, vielleicht früher, sollen es eine Million Hektar werden.“

Die Rostower Holding Jug Rossii (Süden Russlands) wurde 1993 ohne landwirtschaftsfremden Anteilseigner gegründet. Inzwischen bewirtschaftet die Holding 150.000 Hektar mit rund 400 Traktoren und 180 Mähdreschern. Sie ist der größte russische Exporteur von Sonnenblumenkernen. Jug Rossii baute eine der größten Ölmühlen Europas mit einer Verarbeitungskapazität von 400.000 Tonnen im Jahr. 1999 deckte Russland seinen Bedarf an Pflanzenöl erstmals selbst, ein Jahr später exportierte es schon 135.000 Tonnen, 85 Prozent davon über das firmeneigene Terminal von Jug Rossi.

Außerdem werden 4.600 Rinder, 17.500 Schweine und 10.000 Schafe gehalten. Eine eigene Wurstfabrik verarbeitet das Fleisch. Seit diesem Jahr stellt Jug Rossii auch Speiseeis her; das Unternehmen besitzt diverse Bäckereien, Getreide- und Graupenmühlen, Imkereien, Räuchereien. Dabei sei der Kauf von Agrarland eigentlich zweitrangig. Lange Pachtzeiten von zehn, zwanzig oder gar 50 Jahren genügen vollkommen. 10 Dollar je Hektar und Jahr sind ortsüblich. Die Verpächter besitzen im Durchschnitt 9 Hektar Land. Die russischen Roten Barone zeigen sich aber auch sozialistisch. Jeder Verpächter erhält 1 Tonne Getreide, dazu Diesel und Kohle. Auch die Beerdigungen im Dorf werden von ihnen bezahlt und die medizinische Betreuung übernommen. Kolchosschulen und Kindergärten werden mit freiem Mittagessen beliefert. Steuern bezahlen die Holdings nicht. Dafür sind sie der einzige Arbeitgeber weit und breit und schleppen auch Alkoholiker und Drogenabhängige gegen geringes Entgelt (wenn sie doch manchmal arbeiten) durch. Manche Holdings sind aber nicht so nachsichtig und sperren die kranken Faulenzer auch schon mal ins kolchoseigene Gefängnis. Nach dem Sturz des Sowjetregimes haben viele Landarbeiter kaum Löhne bekommen. Dafür nehme sich jeder was er braucht: Die Melkerin die Milch, der Viehpfleger ein Kalb, der Traktorist den Diesel, der Ökonom Pflanzenschutzmittel und der Direktor Getreide.

Keine Dokumente über frühere Eigentümer
Die Rückgabe von Eigentum war nicht möglich, sagt der ehemalige Agrarminister Viktor Chlystun. Unter Präsident Boris Jelzin war er acht Jahre lang Landwirtschaftsminister. Seit 1998 ist er Generaldirektor des Zentrums für Auslandsinvestitionen und seit kurzem Präsident des Internationalen Agrobusinessclubs. 1991 standen wir vor einem Dilemma, sagt Chlystun. Wir mussten die Landwirtschaft privatisieren, wussten aber nicht wie. Restitution, also die Rückgabe von Eigentum, war ausgeschlossen. Wir hatten keine Dokumente über frühere Besitzer. Der Verkauf an neue Eigentümer war auch nicht möglich, denn wer hatte damals Geld, um Land zu kaufen? Blieb nur der dritte Weg, die Aufteilung von Kollektivbetrieben, etwa den Kolchos, zu jeweils gleichen Teilen (9 Hektar) an Landanteilseigner. Geregelt wurde diese Aufteilung mit dem Erlass des russischen Präsidenten über bäuerliche Farmwirtschaften und mit Regierungsverfügungen. Der Verkauf von Land war nur unter den Mitgliedern der jeweiligen Kollektivbetriebe möglich und deshalb stark eingeschränkt. Das führte zu einem Zerfall der Kollektivbetriebe, ohne dass Familienbetriebe an deren Stelle traten. Der Staat versäumte es, Gesetze für die Entwicklung eines Landmarktes zu schaffen, etwa ein Kataster- und Hypothekenwesen einzurichten. Unsere Bauern wurden also nicht auf die Bodenreform vorbereitet, im Unterschied zu denen in Ungarn, Tschechien und Polen. Dort konnte man zu Beginn der jüngsten Reformen noch auf die Erfahrungen der früheren privaten Bauern zurückgreifen.

Auf die Frage, gehört diesen Latifundien die Zukunft, sagt Viktor Chlystun: Es gibt bei uns rund 270.000 Farmer, die auf Familienbasis arbeiten, im Durchschnitt 53 Hektar bewirtschaften und 7 Prozent der Agrarerträge erbringen. Vertikal integrierte Strukturen, Holdings, gibt es im russischen Agrarsektor seit 1992. In den vergangenen vier Jahren haben sich derartige Holdings verstärkt entwickelt. Diese Holdings machen den Agrarsektor produktiver. Deshalb begrüße ich sie. Vor einer Aufteilung des Agrarsektors unter diesen Holdings aber warne ich. Denn dann hätten kleine und mittlere Farmbetriebe kaum Chancen.

Die aber sind dynamischer, reagieren schneller auf die Bedürfnisse des Marktes. Unsere Landwirtschaft sollte sich in alle Richtungen entwickeln können, und es ist Aufgabe des Staates, das zu gewährleisten.

Wie ist die soziale Lage auf dem Land?
Unsere Dörfer altern katastrophal, so der frühere russische Agrarminister. Mehr als die Hälfte der Bewohner sind Rentner. Elf Millionen Menschen auf dem Lande sind im berufsfähigen Alter. So viele benötigt man aber in der privaten Landwirtschaft nicht. Es wird also eine große Armee an Arbeitskräften freigesetzt, die von den Städten nicht aufgenommen werden kann. Wenn Staat und Regionen in den Dörfern keine Infrastruktur schaffen, um diese Menschen zu beschäftigen, dann haben wir in den kommenden Jahren ein riesiges soziales Problem.

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