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Was ist der Generationenvertrag heute wert?
Pressemitteilung vom 30.08.2001


„Signale – Modernes Denken“ heißt die Essay-Reihe von Deutschland-Radio und der SZ. Bis 16. September werden in zehn Folgen Gedanken zur Zeit geäußert. Bei DeutschlandRadio (UKW 93,2) jeweils sonntags 12.10 Uhr.
Von Paul Kirchhoff *


Der freiheitliche Staat gibt seine eigene Zukunft in die Hand der Familie. Er baut auf die elterliche Erziehung, die den Kindern hinreichendes Wissen, Selbstbewusstsein und Entscheidungskraft vermitteln soll, um sie auf das Leben in einer freiheitlichen Demokratie vorzubereiten. Unsere Zukunft hängt davon ab, ob die jungen Menschen bereit sind, eine Ehe zu gründen, die Verantwortung für Kinder zu übernehmen und diese in der Geborgenheit familiärer Zuwendung zu erziehen. Das deutsche Grundgesetz stellt deshalb Ehe und Familie unter den „besonderen Schutz der staatlichen Ordnung“.

Dieser Schutzauftrag ist gegenwärtig jedoch nur teilweise erfüllt. Die Bereitschaft zum Kind und damit zur Familie wird dadurch gefährdet, dass die moderne Industriegesellschaft Erwerbsort und Familienort strikt getrennt hat. Während im vorletzten Jahrhundert die Menschen in landwirtschaftlichen und gewerblichen Betrieben gleichzeitig ihr Einkommen erzielt und die Kinder erzogen haben, auch die erziehende Mutter damit die Möglichkeit hatte, jemandem zu begegnen, anerkannt zu werden, Einkommen zu erzielen, stellt heute die räumliche Trennung von Erwerbstätigkeit die jungen Menschen vor die schroffe

Alternative, entweder zu Hause die Kinder zu erziehen oder außer Haus der Berufstätigkeit nachzugehen. Der wirtschaftliche Wert des Erziehens liegt in dem Anspruch der Eltern, dass ihre Kinder ihnen in Krisenzeiten – also bei Krankheit, Arbeitslosigkeit, im Alter – Beistand und Unterhalt leisten. Diese Unterhaltsansprüche regelt das Familienrecht. Das Recht der öffentlichen Sozialversicherung aber verpflichtet die Kinder vorrangig, die ehemals Erwerbstätigen und nicht ihre eigenen Eltern durch ihre Beitragszahlung zu finanzieren. In diesem „Generationsvertrag“ sind die Eltern – und in erster Linie die Mütter – aus eigenem Recht kaum berechtigt, weil sie zu diesem Vertrag angeblich nichts „beigetragen“ hätten. Die Mütter bekommen keinen Lohn, so dass man auch keinen Beitrag abzweigen könnte; sie haben aber zu dem Generationsvertrag das Wesentlichste beigetragen, ihre Kinder. Deshalb verpflichtet das Bundesverfassungsgericht den Gesetzgeber für die Regelung der Rentenversicherung „jedenfalls sicherzustellen, dass sich mit jedem Reformschritt die Benachteiligung der Familie tatsächlich verringert“, und dieses Gebot ist hochaktuell.

Viele individuelle Biografien nehmen einen letztlich als unglücklich empfundenen Verlauf, weil die jungen Menschen Jahr für Jahr die sich bietenden Berufschancen wahrnehmen, sie dafür aber den Kinderwunsch aufs nächste Jahr verschieben und dieses Hinausschieben nach den Gesetzmäßigkeiten der Biologie letztlich zu einem endgültigen Verzicht wird.

Insbesondere unsere Freiheit vom Staat baut auf die enge Bindung und Hilfe unter den Freiheitsberechtigten. Die Wahrnehmung verantwortlicher Elternschaft erübrigt die staatliche Lebensbegleitung des Kindes. Familiärer Unterhalt erspart öffentliche Sozialhilfe. Private Pflege ersetzt die Dienstleistungen von Seniorenheim und Krankenhaus durch persönliche Zuwendung. Wir anerkennen gegenwärtig die Jugend als ein Ideal für Kraft, Gesundheit und Erneuerungswillen. Dieses Ideal kann der Mensch aber letztlich nur verwirklichen, wenn er es nicht auf seine eigene Person bezieht, sondern wenn er Kinder hervorbringt. Das Kind verkörpert Erneuerungsfähigkeit und Zukunftshoffnung; Kinderlosigkeit steht für Resignation und kollektive Selbstaufgabe. Dieses zu sagen, ist nicht charmant, vielleicht sogar rücksichtslos gegenüber denen, die aus guten persönlichen Gründen keine Kinder wollen oder keine Kinder haben können. Das Dilemma unserer Gesellschaft ist so dramatisch, dass das Problem ideeller und materieller Verarmung unseres Gemeinwesens durch wachsende Kinderlosigkeit nicht mehr verschwiegen werden darf.

* Zur Person des Autors: Paul Kirchhoff wurde 1943 in Osnabrück geboren, studierte Rechtswissenschaft, war zunächst Professor an verschiedenen Universitäten und von 1987 bis 1999 Bundesverfassungsrichter in Karlsruhe. In seine Amtszeit fielen Beschlüsse zur Entlastung von Ehepaaren mit Kindern.

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