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Den Helfern in den Fluten sei Dank
Von Christoph Stölzl, seit Mai Vorsitzender der Berliner CDU
Pressemitteilung vom 22.08.2002

Am 11. und 12. Mai 1809 schrieb Johann Wolfgang von Goethe ein Gedicht über ein Ereignis, das sich anfangs des Jahres zugetragen hatte. Es heißt „Johanna Sebus“ und beginnt, für den abgeklärten Dichterfürsten ganz ungewöhnlich, mit einer reportagehaften Erklärung:

„Zum Andenken der siebzehnjährigen Schönen Guten aus dem Dorfe Brienen, die am 13. Januar 1809 bei dem Eisgange des Rheins und dem großen Bruche des Dammes von Cleverham Hülfe reichend unterging.“ Ein Bürgermeister vom Niederrhein hatte Goethe über den Vorfall berichtet und ihn gebeten, „in einer alles verschlingenden Zeit das Andenken einer reinen Menschenhandlung“ zu erhalten. Und das Unerwartete geschah.

Goethe, der mit aller Kraftanstrengung kühl geblieben war in der Sintflut des napoleonischen Weltkrieges, der eben jetzt im spanischen Guerilla-Krieg und in Österreich Hunderttausende von Menschenopfern kostete, kapitulierte vor der Heldentat eines jungen Mädchens vom Niederrhein. Man merkt an der großgeschriebenen „Schönen Guten“, wie sehr sein Herz berührt war.

Die Fernsehbilder von heute könnten zur Illustration der Geschichte dienen: Arme Leute, ein kleines Bauernhaus, abgeschnitten durch die Flut. Johanna Sebus trägt ihre Mutter auf den Rücken durchs Wasser an den rettenden Ort. Zurück bleiben eine Nachbarin und drei Kinder: „Zum Bühle da rettet euch! harret derweil; Gleich keh’r ich zurück, uns allen ist Heil. Zum Bühl ist’ noch trocken und wenige Schritt’; Doch nehmt auch mir meine Ziege mit!“

Als Johanna zurückwaten will, um die anderen zu holen, bricht der Damm endgültig. Man will sie zurückhalten, weil die Flut zur „Meereswoge“ wird. Aber sie ruft „Sie sollen und müssen gerettet sein!“ und wirft sich unerschrocken ins Wassergewühl zurück – vergebens. Sie und die anderen ertrinken. Reporter Goethe: „Kein Damm, kein Feld! Nur hier und dort / Bezeichnet ein Baum, ein Thurm den Ort.“

Als das Gedicht fertig war, ließ es Goethe drucken und schickte die ganze Auflage an den Niederrhein. Er wollte Johanna Sebus als Heldin einer „Volkssage“ verewigen. Und wirklich wurde sie populär. Auch Goethe besorgte sich ein Porträt von ihr. Seinem Duz-Freund Carl Friedrich Zelter, dem Berliner Bauunternehmer und Chef der Singakademie, schickte Goethe das Gedicht zum Komponieren.

Das „Sie sollen und müssen gerettet sein“ ist auch gestern und heute der Ruf der unerschrockenen Helfer in den Katastrophengebieten. Dank ihnen allen, die über sich hinauswachsen in der Bedrängnis! Und stolz bin ich auf unser Volk, weil es schlagartig solidarisch ist, wenn es Not tut. Wie einst Johanna Sebus.


Johanna Sebus

Der Damm zerreißt, das Feld erbraus’t.
Die Fluten spülen, die Fläche saus’t.
„Ich trage dich, Mutter, durch die Fluth,
Noch reicht sie nicht hoch, ich wate gut.“
„Auch uns bedenke, bedrängt wie wir sind,
Die Hausgenossin, drei arme Kind!
Die schwache Frau! ... Du gehst davon!“
Sie trägt die Mutter durch’s Wasser schon.
„Zum Bühle da rettet euch! harret derweil;
Gleich keh’r ich zurück, uns allen ist Heil
Zum Bühl’ ist’s noch trocken und wenige Schritt;
Doch nehmt auch mir meine Ziege mit.“

Der Damm zerschmilzt, das Feld erbraust’t,
Die Fluten wühlen, die Fläche saus’,t
Sie setzt die Mutter auf sichres Land;
Schön Suschen gleich wieder zur Fluth gewandt.
„Wohin? Wohin? Die Breite schwoll;
Des Wassers ist hüben und drüben voll.
Verwegen in’s Tiefe willst du hinein!“
„Sie sollen und müssen gerettet sein!“

Der Damm verschwindet, die Welle braust’t,
eine Meereswoge, sie schwankt und saus’t.
Schön Suschen schreitet gewohnten Steg,
Umströmt auch gleitet sie nicht vom Weg,
Erreicht den Bühl und die Nachbarin;
Doch der und den Kindern kein Gewinn!

Der Damm verschwand, ein Meer erbraust’s
Den kleinen Hügel im Kreis umsaust’s.
Da gähnet und wirbelt der schäumende Schlund.
Und ziehet die Frau mit den Kindern zu Grund;
Das Horn der Ziege fasst das ein’,
So sollten sie alle verloren sein!
Schön Suschen steht noch stark und gut:
Wer rettet das junge, das edelste Blut!
Schön Suschen steht noch wie ein Stern;
Doch alle Werber sind alle fern.
Rings um sie her ist Wasserbahn,
Kein Schifflein schwimmet zu ihr heran.
Noch einmal blickt sie zum Himmel hinauf,
Da nehmen die schmeichelnden Fluthen sie auf.

Kein Damm, kein Feld! Nur hier und dort
Bezeichnet ein Baum, ein Thurm den Ort,
Bedeckt ist Alles mit Wasserschwall;
Doch Suschen Bild schwebt überall.
Das Wasser sinkt, das Land erscheint
Und überall wird schön Suschen beweint.
Und dem sei, wer’s nicht singt und sagt,
Im Leben und Tod nicht nachgefragt!

Johann Wolfgang von Goethe


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