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Vechta des Ostens
Allen Fleischskandalen zum Trotz: Sachsen-Anhalt setzt auf Massentierhal-tung. Nun soll dort eine der größten Entenmastanlagen Europas entstehen.
Andreas Wassermann und Steffen Winter im „Spiegel“ 34/2001
Pressemitteilung vom 23.08.2001


Das Leben der Anas platyrhynchos forma domestica ist kurz und freudlos. Nach eineinhalb Monaten ohne Tageslicht und Bademöglichkeit hat die Pekingente ihren Lebenszweck erfüllt: die Veredlung durch Schlachtung. In 350er-Gruppen watscheln die Enten dann ins Schlachtkarussell und werden an den Beinen aufgehängt. Der Weg zum Tod führt in ein Bad; kaum eingetaucht, treffen das Federvieh Stromstöße. Den Rest besorgt der Mensch mit einem Stich hinter das Ohr – Tod durch Verbluten. Ab Herbst sollen Schlachter im sachsen-anhaltinischen Grimme pro Tag 10 000-mal zustechen. 1200 Liter Blut werden nach dem täglichen Gemetzel in Tanks gepumpt. Jährlich sollen mehr als zwei Millionen Enten – schockgefrostet oder frisch gegrillt – den Schlachthof verlassen. Die 80 Hektar große Entenfabrik auf ehemaligem NVA-Areal ist das jüngste Projekt der Geflügelindustrie im strukturschwachen Osten Sachsen-Anhalts. Während Verbraucherschutzministerin Renate Künast die angebliche Wende in der Landwirtschaft beschwört, wächst zwischen Zerbst und Altmark eine neue Hochburg der Massentierhaltung heran – ein Vechta des Ostens.

Die niedersächsische Kreisstadt Vechta gilt bei Tierschützern als Synonym für industrialisierte Geflügelzucht. Und von dort zieht es jetzt den Fabrikanten Peter Kreienborg nach Grimme, um Vechtaer Verhältnisse in den Osten zu exportieren. Da ist er nicht der Erste: Aus Niedersachsens Geflügelgemeinde ging bereits der Hähnchenbaron Paul-Heinz Wesjohann in die ostdeutsche Provinz. Keine 30 Kilometer nördlich von Grimme setzen in seinem Auftrag Schlachtkolonnen jeden Tag dem Leben von 120.000 Hähnchen ein jähes Ende. Bei Wiesenhof in Möckern werden die Geflügelleichname zu so innovativem Fast Food wie „Chicken-Popcorn“ verarbeitet.

Auch im altmärkischen Rossau denken Investoren aus dem Westen in Ost-Kombinats-Dimensionen. Ein Tochterunternehmen der Firma Heidemark will in dem 440-Einwohner-Dorf 60.000 Puten mästen – Nachschub für den firmeneigenen Schlachthof im nahe gelegenen Vahldorf. Die massenhafte Haltung und Verarbeitung von Geflügel verspricht ein gutes Geschäft. Seit die Verbraucher durch BSE und MKS und durch Hormone im Schweinefleisch verunsichert sind, boomt die Branche. Enten- und Putenfleisch gelten beim Griff in die Kühltruhe bisher als unverdächtig. Allein im vergangenen Jahr stieg der Verbrauch in Deutschland deshalb um zehn Prozent – auf insgesamt 70.600 Tonnen. „Die Ente ist ein Produkt mit großer Zukunft“, sagt Kreienborg. Die Akzeptanz für Turbo-Enten, die schneller wachsen und früher sterben als ihre Freilandartgenossen, ist in der anhaltinischen Steppe groß.

Kommunalpolitiker von CDU bis PDS betonten unisono die „lebenswichtige Bedeutung für das Umland, insbesondere für die Landwirtschaft“. Während einer ersten Begegnung im April vorigen Jahres zeigten sich die Politiker „beeindruckt von den Dimensionen der Anlage“.

Bei allen Sonntagsreden über die neue Landwirtschaft: In einer Region mit mehr als 20 Prozent Arbeitslosigkeit scheitert die Öko-Wende an jedem Arbeitsplatz, dem sie draußen auf dem Land im Wege ist. So verspricht der Betreiber 140 Arbeitsplätze, Aufträge für die Bauern in der Region, und er will 25 Millionen Mark investieren, wobei er auf großzügige Subventionen des Landes Sachsen-Anhalt hoffen kann.

Bisher allerdings hat das zuständige Regierungspräsidium Dessau nur den Versuchsbetrieb für die Produktion von 13.000 Enten genehmigt – befristet auf zwei Jahre. Bevor die Behörde die Anlage für die Massenschlachtung freigeben kann, müssen 112 Einwendungen geprüft werden. Den Beamten bereitet vor allem Kopfzerbrechen, ob Enten in einem solchen Massenbetrieb in Hallen artgerecht gehalten werden können. Die Rechtsprechung lässt sie da ratlos zurück. Auch die Richter am Landgericht Nürnberg-Fürth wollten sich bei einem Urteil im März dieses Jahres nicht festlegen: Es sei „letztlich eine Anschauungssache“, ob die Stallhaltung von Enten bei „Entzug des Grünlandauslaufs nebst Bademöglichkeit“ als „tierquälerisch zu bewerten ist“.

Für den Berliner Rechtsanwalt Peter Kremer, der Naturschutzverbände im Kampf gegen die Massentierhaltung berät, ist diese Frage mit einem Blick in Brehms Tierleben geklärt: „Bei der Ente handelt es sich doch um einen Wasservogel.“

Deutsche Landwirte
Pressestelle

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