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Früher Krautjunker - heute LPG-Barone
Pressemitteilung vom 18.08.2005


In der Debatte um die Äußerungen von Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm im Zusammenhang mit den neun Kindstötungen wird übersehen, daß Zwangsenteignungen und Zwangskollektivierung in der DDR eine Gesellschaft geschaffen haben, die nie eine wertorientierte bürgerliche Gesellschaft war. Der DDR-Staat mußte nicht erst eine Proletarisierung schaffen, sie bestand in Ostelbien schon seit Jahrhunderten. So schreibt Alexander Gauland: „Mecklenburg und Brandenburg waren keine Pflanzstätten bürgerlicher Tugenden, sondern Junkerland, bearbeitet von landlosen Proletariern, und der Unterschied zwischen damals und später bestand allein darin, daß an die Stelle des adeligen Gutsbesitzers die LPG oder das volkseigene Gut traten. Daneben verwandelte sich ein Teil des landlosen Dorfproletariats in ein künstliches Industrieproletariat, angezogen von den wenigen Kernen sozialistischer Produktion in den nördlichen Bezirken der DDR. Was Sachsen und Thüringen durchaus hervorgebracht haben, eine bürgerliche Industriekultur, war im Norden unbekannt. Und damit waren auch die Werte, die ein kommunistisches System entwerten und so den Menschen vorenthalten konnte, eine Fiktion. Die agrarische Gesellschaft Brandenburgs und Mecklenburgs wurde von den Kommunisten ohne jedes bürgerliche Zwischenhoch aus dem Bismarckschen Patriarchat in das sozialistische überführt“.

Arbeiterklasse aufs Land
1990 war allgemein die Auflösung der 1960 zwangskollektivierten LPG-Landwirtschaft erwartet und gefordert worden. Das stieß aber auf den bis heute anhaltenden Widerstand vieler landloser LPG-Funktionäre und wurzelloser Mitglieder, die in den sechziger Jahren von der SED unter dem Slogan „Arbeiterklasse aufs Land“ massenweise in ostdeutschen Dörfern angesiedelt worden waren.
Der Fortbestand der LPGs durch die Beibehaltung der Bodenreform-Enteignung gab den Landlosen soziale Sicherheit, die ihnen wichtiger war als die theoretische Freiheit eines selbstbestimmten Lebens. Schließlich waren sie seit Jahrhunderten daran gewöhnt, zuerst vom König und seinem örtlichen Vertreter, dem adeligen Gutsbesitzer, später vom LPG-Vorsitzenden und dem Parteisekretär bestimmt, aber eben auch - wenngleich auf niedrigem Niveau - versorgt zu werden. Der Bruch mit dieser Vergangenheit verunsicherte die Menschen und nährte den Widerstand, der die Sicherheit der Freiheit vorzog, so Gauland.

Proletarisierung war in der DDR längst Teil des ländlichen Lebens
Nicht die DDR hat die Proletarisierung bewirkt, sie hat eine Proletarisierung ideologisch überhöht, die längst vor ihr Teil des ländlichen Lebens war. Nur wenn die Wiedervereinigung eine wirtschaftliche Erfolgsgeschichte geworden wäre und ein neues Bürgertum den friderizianischen, den Bismarckschen und den Staat Honeckers als Schutzdach ersetzt hätte, hätte es eine Chance gegeben, aus der jahrhundertealten Feudalisierung in diesen Landschaften auszubrechen.

Nicht kommunistische Proletarisierung, sondern Wurzellosigkeit im Westen
Da die Operation mißlungen ist, halten die Menschen fest an Jugendweihe, Thälmannplatz und Wilhelm-Pieck-Straße. Das aber ist der Ausdruck nicht einer kommunistischen Proletarisierung, sondern der Wurzellosigkeit in der westlichen Konsumgesellschaft, an der sie kaum teilhaben und die ihnen mit dem Zuwachs an Freiheit auch größere Unsicherheit beschert hat. Das, was heute mit dem Wort Neoliberalismus bezeichnet wird, also mehr Eigenverantwortung und Eigenvorsorge, Flexibilität und Marktgängigkeit waren nie dominierende Werte in der DDR, auch nicht unter Bismarck noch im Nationalsozialismus. „Man kann eben Menschen nicht aus der Geschichte reißen und ihnen zurufen: Seht zu, wie ihr zurechtkommt! Eine solche Anpassung ist ein langer und schwieriger Prozeß, und solange die wirtschaftlichen Erfolge gering sind, wird die PDS eine sehr starke Kraft bleiben, gleichgültig ob die anderen nun einen ostgerechten Wahlkampf führen oder nicht“.

Von Alexander Gauland ist zuletzt erschienen: "Anleitung zum Konservativsein" (2002).

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