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Revolutionärer Regen
Politischen Umbrüchen in Europa gingen oft lange Zeiten schlechten Wetters voraus. Missernten trieben die Brotpreise in die Höhe
Von Michael Stürmer
Pressemitteilung vom 15.08.2002


„Und wenn's genug geregnet hat, dann hört's auch wieder auf." Das Gottvertrauen in dem alten Kinderlied will sich dieser Tage nicht mehr einstellen. Und auch in früheren Zeiten war nicht darauf zu bauen, dass die Natur ihr eigenes Gleichgewicht aufs Schönste finden würde, zum Segen von Saaten und Fluren. Das vornehmste Werk Gottes, bevor er den Menschen erschuf, Mann und Weib, war die Überwindung des ursprünglichen Tohuwabohu durch Trennung des Festen vom Fließenden. Der Mensch setzt bis heute dieses Werk fort durch Deiche und Dämme, Kanalisierung der Gewässer und Trockenlegung der Sümpfe. Die menschliche Rechnung lautet immer auf kurze Frist, die Natur aber rechnet auf lange Frist. Wenn dann des Regens zu viel ist, kommt das Chaos zurück. Wer ihm Einhalt gebietet, gewinnt urtümliche Kraft und Legitimität als Besieger der wilden Gewalten. Zeus Ietos, der Himmelsherrscher der alten Griechen, regierte mit Blitz und Donner, Regen und Sonnenschein. Die Giganten stemmten sich der Götterherrschaft entgegen. Bevor er Ministerpräsident Preußens und Reichskanzler wurde, war Bismarck schon Deichgraf an der Elbe, wo er geboren war. Der österreichische Staatskanzler Fürst Metternich, eine Generation zuvor, sah sich metaphorisch als Hüter der antirevolutionären Eindämmung: Die Revolution nannte er die Pest, den Krebs, die Flut. Die Natur macht den Menschen klein. Im Gigantenkampf gegen die Götter wächst er zur Größe.

In der technischen Zivilisation ist Wetter nicht vorgesehen, sondern allenfalls Störung oder Objekt des Small Talk. Aber wenn die Natur rebelliert, folgt die Krise eigenen Gesetzen. Wer die Fluten besiegt, wird zum Retter vor Not und Tod. Die vorindustrielle Welt bis tief ins 19. Jahrhundert war in ihren Lebensformen, bis hin zu Zeugung, Geburt und Tod, abhängig von Sonnenschein und Regenwetter. Wurde deren Gleichmaß gestört, dann spülten die Fluten nicht nur Brücken und Dämme davon, sondern auch Macht und Herrschaft. Die Französische Revolution ist nicht ausgebrochen, weil ein paar Intellektuelle für eine Hand voll Leser schöne Bücher über Aufklärung und Menschenrechte verfassten und die Zensur nicht aufpasste. Die Staatsschulden waren immens, die Anleihebesitzer wurden unruhig, die Reichen mussten sparen, die Armen fanden keine Arbeit mehr. Ursache aller Ursachen aber war der Regen, der nicht mehr aufhörte, Sommer für Sommer, die Ernte auf dem Halm verdarb und den Brotpreis in die Höhe trieb:

Am 14. Juli 1789 stand er höher als je seit Beginn der Aufzeichnungen im Mittelalter. Fünf Jahre zuvor aber war auf Island ein großer Vulkan ausgebrochen, die Hälfte der Inselmenschen wurde hinweggerafft, und das europäische Klima stürzte ab in Nässe und Kälte. Die "Kampagne in Frankreich" 1792, die Goethe tagebuchartig beschrieb, die Intervention der Reichsarmee gegen die Revolutionäre in Paris, blieb im Regen stecken, und die Revolution ging weiter ihren Gang. Die große Krise alten Typs, so nennen die Historiker, was geschah: Schlechte Ernten trieben den Brotpreis hoch, es folgten Gewerbenot und Arbeitsmangel. Die Magistrate ordneten dann Wallfahrten an zur Heiligen Genoveva, die das Brot wachsen ließ, und gewannen noch einmal sechs Wochen Zeit.

Danach aber mussten sie büßen für den Regen: Den Magistraten die Häuser abzudecken und den Inhalt ihrer Aktendeckel auf die Straße zu leeren, war noch das Geringste. Im Verlauf der Französischen Revolution wurden zuerst ein paar Bäcker aufgehängt und dann der König geköpft. Danach war Frankreich, war Europa nicht mehr, wie es vorher gewesen war. Der große Regen hatte über das Ancien Régime gesiegt.

Den europäischen Erschütterungen von 1830 und 1848 gingen lange Jahre des Regens und der steigenden Kornpreise voraus, bis die alte Ordnung unter Brotinflation und Unzufriedenheit zusammenbrach. Die Zeitgenossen ahnten schon, was kommen musste, und hielten ihr Geld zusammen und hüteten sich vor ausgreifenden Geschäften. Auf diese Weise wurde die Brot- und Gewerbekrise zur Finanzkrise. Die Krise trieb die Krise. Als "hungry forties" prägten sich diese Jahre der englischen Geschichte ein und namentlich der irischen. Aus Irland floh damals ein Drittel der Menschen vor dem großen Hunger nach Nordamerika. In Großbritannien aber hatte die industrielle Revolution ihren Siegeszug angetreten. Ihre Krisen waren von anderer Art, aber nicht weniger revolutionsschwanger.

Klima und Geschichte: Die Beziehung ist noch lange nicht zu Ende, und auch Dramen der älteren Art, nur neu inszeniert, sind nicht auszuschließen. Der französischen Monarchie, die mehr als 1000 Jahre gedauert hatte, wurde es am Ende zum Verhängnis, dass die Nachfolger des Sonnenkönigs der Sonne nicht befehlen konnten.

Die großen Versicherungsgesellschaften, Münchener Rück und andere, konstatieren seit Jahren in ihren Bilanzen, dass das Wetter wilder wird, die Schäden steigen und die Prämien angehoben werden müssen. Dabei aber wird es nicht bleiben. Die industrielle Zivilisation in den gemäßigten Klimazonen kann sich noch am besten gegen das Übermaß an Sonnenschein oder Regenwetter zur Wehr setzen. Aber die Massen in anderen Klimazonen, wo das Wasser steigt oder die Trockenheit regiert, werden sich in Bewegung setzen und nicht warten, bis sie eingeladen werden aufs sichere Ufer. Den Industriegesellschaften Europas und Amerikas stehen Herausforderungen bevor, die noch kaum begriffen sind. Wer da den Deichgraf überzeugend spielt, der hat schon halb gewonnen.

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