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„Wir wollten nur noch raus!“ Ein Dorf flieht in den Westen
Dokumentation von Peter Adler und Katrin Völker; Produktion: MDR, Deutschland 2005
Pressemitteilung vom 11.08.2005


Bei diesem Film könnte Oskar Lafontaine ein Licht aufgehen, mit wessen Geistes Genossen er sich verbrüdert hat. Die Dokumentation erinnert an die größte Flucht über die innerdeutsche Grenze: In Berlin wächst die Mauer und an der Grenze von Thüringen nach Hessen werden die ersten Betonpfosten gestapelt, da wagen am 1. Oktober 1961 53 Bewohner des DDR-Ortes Böseckendorf die Flucht. Die meisten der Bauern standen als „negative Elemente“ auf einer schwarzen Stasi-Liste. Sie erreichen die Freiheit unversehrt, obwohl ein Offizier gedroht hatte, aus jedem Flüchtling „ein Sieb“ zu machen.

Als am 13. August 1961 in Berlin die Mauer gebaut wird, richten sich die Blicke der Öffentlichkeit für Wochen auf die dramatischen Vorgänge in der nun geteilten Hauptstadt. Alte Frauen springen aus Häusern in die Bernauer Straße, bevor auch ihre Fenster zum Westen vermauert werden, DDR-Grenzer wagen im letzten Moment den Sprung über den Stacheldraht in die Freiheit. Jeder kennt diese Bilder, kennt die Geschichten von der Flucht durch heimlich gegrabene Tunnel oder im Kofferraum mutiger Helfer aus dem Westen.

Dabei wird leicht vergessen, dass sich in jenen Wochen auch die Situation der DDR-Bürger an der innerdeutschen Grenze zuspitzte. Leben im Sperrgebiet – das war schon in den 1950er Jahren mit zahlreichen Einschränkungen für die dörfliche Bevölkerung der Grenzorte verbunden, nun wurde es für viele zur unerträglichen Belastung. Zunehmende staatliche Kontrollen und Repressalien bei gleichzeitiger Versiegelung der letzten Durchschlupflöcher: Wer im „Gefängnis“ DDR nicht länger leben wollte, für den blieb nur der lebensgefährliche Spurt Richtung Bundesrepublik, über eine waffenstarrende Grenze, die in Zukunft nur noch undurchlässiger werden konnte.

Die ARD-Dokumentation „Wir wollten nur noch raus!“ entreißt eine dramatischen Episode jener Tage dem Vergessen. Böseckendorf, 300 Einwohner, ein beschaulicher Ort auf der Ostseite des Eichsfeldes. Nur 1000 Meter sind es vom Dorfrand bis zur Bundesrepublik. Böseckendorf liegt inmitten der Sperrzone, die sich hinter der Grenze 5 Kilometer tief ins Hinterland erstreckt.

Nur mit Sonderausweisen können die Bewohner das militärisch gesicherte Sperrgebiet verlassen, nach Einbruch der Dunkelheit herrscht Ausgangssperre. Wer zu spät heimkehrt, läuft im schlimmsten Fall Gefahr, von den Grenztruppen erschossen zu werden. Deren wichtigste Aufgabe besteht darin, die gekappten Verbindungen der Grenzbewohner zu Freunden und Verwandten im Westen dauerhaft zu unterbinden: kein gemütlicher Plausch über den Zaun hinweg, kein Winken und Rufen aus der Ferne.

Fast alle alteingesessenen Bauern widersetzten sich der Kollektivierung
Überhaupt hat die Staatsmacht ein wachsames Auge auf die renitenten Böseckendorfer, nicht nur, weil sich zunächst fast alle alteingesessenen Bauern der Kollektivierung der

Landwirtschaft widersetzen. Ebenso schwer wiegt, dass Anfang der 1950er Jahre drei Familien aus dem Ort in den Westen geflohen waren - seither gelten die Böseckendorfer als unsichere Kantonisten. Unbescholtene Einwohner wurden damals von Nachbarn als Mitwisser denunziert und später zwangsumgesiedelt. Aktion „Ungeziefer“ benannten die involvierten Parteistellen ihren Zugriff und verdeutlichten so unverhohlen, welchen Wert sie Abweichlern im Volk noch beimaßen. Der Schock über die „schwarzen Listen“ möglicher Deportationsopfer sitzt bei den Dagebliebenen tief – und kommt wieder an die Oberfläche, als sich im Herbst 1961 eine Wiederholung der Situation anbahnt. Als die DDR-Führung nach dem Berliner Mauerbau veranlasst, auch die innerdeutschen Grenzbefestigungen zu verstärken, werden neue Betonpfosten auch in Böseckendorf angeliefert. Gerüchte um bevorstehende Zwangsumsiedlungen machen im Dorf die Runde, es seien schon neue schwarze Listen ausgearbeitet. Die LPG-Gegner ahnen: auf einer möglichen Deportationsliste stehen sie ganz oben. Andere sind von der Aussicht beunruhigt, nun ihr ganzes Leben in der DDR verbringen zu müssen. Zusammen fassen sie einen wagemutigen, ja lebensgefährlichen Plan: Flucht in den nahen Westen, solange die provisorischen Grenzzäune noch nicht durch massivere Sperren ersetzt sind. Die Spannung im Dorf ist zum Greifen nah. Niemand kann sicher sein, wem er sich anvertrauen darf, die Partei hat schon verstärkt ihre Spitzel in Stellung gebracht. Einige fluchtwillige Männer treffen sich auf Heuböden, diskutieren das günstigste Vorgehen. Nicht einmal ihre Frauen mögen sie informieren, ein falsches Wort nach außen könnte alles verraten. Doch schon hat die Staatsmacht Wind von den Plänen bekommen, das Eingreifen der alarmierten örtlichen Sicherheitskräfte steht Anfang Oktober unmittelbar bevor. Aus deren Reihen ergeht jedoch ein rettender Hinweis, eine Warnung an einen Böseckendorfer Bekannten. Am Nachmittag des 2. Oktober, ein Montag, ist allen klar: heute Nacht ist die letzte Gelegenheit zur Flucht.

53 Einwohner von Böseckendorf gemeinsam über die Grenze
Als die Dämmerung hereinbricht, fällen einige noch ganz spontan ihre Entscheidung. Manche werden mutlos und bleiben, andere entschließen sich doch noch, ihren Hof, das Erbe vieler Generationen zurückzulassen. Ganze Familien brechen gemeinsam auf, andere werden auseinander gerissen. Ein Pferdewagen wird mit dem nötigsten Gepäck beladen, mittendrin Alte und Kinder. In ihrer Hilflosigkeit umgeben sie sich mit einem Wall aus Matratzen und Federkissen – als provisorischer Kugelfang. Dann brechen 53 Einwohner von Böseckendorf auf in Richtung Grenze, so leise und vorsichtig es irgend geht. Es weht ein günstiger Wind, das Blätterrascheln in den Bäumen übertönt die Geräusche des verängstigten Zuges.

Einer hält die große Drahtschere bereit, um den Grenzzaun zu durchtrennen. Nur noch wenige hundert Meter, jetzt gibt es kein Zurück mehr. Werden die Flüchtlinge aus Böseckendorf das andere Deutschland unbeschadet erreichen – oder verlieren sie ihr Leben im Maschinengewehrfeuer der unerbittlichen Grenztruppen? „In einer Maschinenpistole sind 72 Schuss, zwei Mann plus Ersatzmagazin – da wäre keiner groß am Leben geblieben.“ Es sind Sätze wie dieser, ausgesprochen von einem ehemaligen DDR-Grenzsoldaten, die einem in der Dokumentation von Peter Adler und Katrin Völker Schauer über den Rücken jagen. Denn in krassem Gegensatz dazu stehen die Aussagen derjenigen, die 1961 fliehen mussten und jetzt erstmals von ihren Motiven, ihren Ängsten und Hoffnungen erzählen. Die meisten sind schon im Rentenalter, aber auch einige Kinder von damals kommen zu Wort. Sie fassten das Ganze mehr als Spiel auf, als Abenteuer, dessen Sinn sie nicht verstanden. Anders die Älteren, sie hatten das ganze Ausmaß der Demütigung zu tragen, wegen der andauernden Spitzelei in ihrem Dorf, wegen der unablässig drohenden Gefahr einer Zwangsumsiedlung. Dann die Furcht vor einer Verhaftung im letzten Augenblick, das Gefühl der Verletzlichkeit, die tödliche Gefahr von Schüssen an der Grenze. Schließlich die Ungewissheit eines Lebens im Westen, des Schicksals der daheim gebliebenen Verwandten und Freunde, der Verlust allen materiellen Besitzes. Manche können in den Interviews ihre Tränen nur mühsam unterdrücken.

Parteischerge: aus Republikflüchtigen ein Sieb machen
In hartem Kontrast dazu stehen Szenen aus alten Lehrfilmen der Grenztruppen. Sie lassen keinen Zweifel: Im Ernstfall hätten die Soldaten „ein Sieb daraus gemacht“, ganz so, wie es ein örtlicher Parteischerge im Vorfeld der Flucht gegenüber den Dörflern angedroht hatte. Die nahe Todesgefahr schwebt über der gesamten Dokumentation, obwohl das glückliche Ende der Flucht schon zu Beginn erkennbar wird. Der Film hinterlässt den Zuschauer mit einem zweifachen Gefühl der Erleichterung: Alle Flüchtlinge überlebten unverletzt, und die ehemaligen Grenzer sind ersichtlich froh, damals niemanden entdeckt zu haben – denn dann, kein Zweifel, hätten sie ihre Waffen auch eingesetzt und sich selbst für immer unglücklich gemacht. Man spürt, dass der zeitliche Abstand zur untergegangenen DDR eine Selbstreflexion ehemaliger Täter/Verantwortlicher des Regimes erleichtert. Und man möchte den Anhängern eines Ostalgie-Kultes zurufen: „Es ist gut, dass es die DDR nicht mehr gibt, dass sie niemanden in ihre Grenzen zwingen und an diesen Grenzen niemanden mehr zum Töten zwingen kann.“ Und doch gibt es nur wenig Tröstliches in dieser Geschichte. Nicht einer, der damals floh, kehrte nach der Wende in sein Heimatdorf zurück, zu schmerzlich sind wohl die Erinnerungen. Und schließlich: 53 Böseckendorfern gelang 1961 noch, wofür danach Hunderte DDR-Bürger mit dem Leben bezahlen mussten – wer kennt ihre Geschichte?

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