• Anschrift:
    Bundesverband
    Deutscher Landwirte e.V.
    Dresdner Straße 46
    09526 Dittmansdorf
zurück

Vor 40 Jahren wurde die Mauer errichtet
Politische Verbrechen in der DDR: Selbstmorde, die Flucht in den Tod
Von Ehrhard Neubert, aus: Das Schwarzbuch des Kommunismus
Pressemitteilung vom 09.08.2001


Vor dem Mauerbau stehen die Flüchtungszahlen mit den Repressionen in einem unmittelbaren Verhältnis. So flohen allein 1953, dem Jahr des Aufstandes, über 330.000 Menschen. Spürbar war auch die Massenflucht von besonders bedrückten Gruppen. So flohen viele Bauern verstärkt 1960 nach der Zwangskollektivierung. Bürgerliche, Wissenschaftler, Mediziner, Künstler, Christen gingen gehäuft, wenn in ihren Lebensbereichen starker Druck ausgeübt wurde. Die Sowjets und die SED hatten schon früh versucht, die Grenzen undurchlässig zu machen, und verfolgten jeden Fluchtversuch. 1957 führte die SED den schon sprachlich entlarvenden Straftatbestand „Republikflucht“ ein. Seitdem füllten schon vor dem Mauerbau Flüchtlinge die Gefängnisse. Der Mauerbau am 13.August 1961 schloss das verbliebene Schlupfloch Berlin. Bis dahin waren schon 3,5 Millionen gegangen. Trotz Strafandrohung, Stacheldraht, Minen und Schießbefehl setzte sich bis zum Ende der DDR eine weitere Million ab. 461.000 Menschen gelang die Flucht. Die Mehrheit setzte sich bei privaten und dienstlichen Reisen ab. Über die schwer bewachten Grenzen flohen mehr als 30.000, weitere 70.000 gelangen solche Unternehmungen nicht, und sie landeten in Gefängnissen. Über 900 kamen ums Leben und mehr noch wurden teilweise schwer verletzt. Die Energie der Flüchtlinge zeigte sich in der Art der Fluchtversuche, der hohen Risikobereitschaft und auch dem Erfindungsgeist im Einsatz der Fluchtmittel: durch Tunnel und mit Ballons, mit umgebauten Fahrzeugen für gewaltsame Grenzdurchbrüche, auf Luftmatratzen und selbstgebauten Wasserfahrzeugen, mit Leitern und Seilbahnen, in den ausgefallensten Verstecken in Zügen und LKW, mit gefälschten Dokumenten oder über Fluchthelferorganisationen.

Auch Antragsteller für die sogenannte „legale“ Ausreise gingen in der Regel ein hohes Risiko ein. Nur ein kleiner Teil konnte relativ leicht die Ausreise erlangen. Dazu gehörten Alte, Invalide, Pflegebedürftige, Fälle der Familienzusammenführung und solche, die der DDR keinen ökonomischen Nutzen mehr brachten. Es entspann sich ein regelrechter kalter Bürgerkrieg zwischen SED und den Antragstellern. Diese sollten von ihrem Vorhaben abgebracht werden, und die Anträge wurden von den Behörden meist überhaupt nicht entgegengenommen. Sie wurden beruflich ausgegrenzt, um ihren Besitz gebracht, aus Bildungsanstalten vertrieben, vielfach kriminalisiert, wo immer es ging erpresst, verfolgt, mit Geldstrafen belegt und inhaftiert. Das alles geschah entgegen internationalen Verträgen, die die DDR eingegangen war. Im Gegenzug unternahmen die Antragsteller Demonstrationen, Botschaftsbesetzungen, richteten Hilfsersuchen an westliche Politiker oder internationale Gremien, organisierten sich in Gruppen und leisteten durch politische und soziale Verweigerungen aller Art passiven und aktiven Widerstand.

Die SED versuchte alles, um Flucht und Ausreisebegehren einzudämmen. Der Staatsapparat, das MfS, die Betriebe richteten eigene Arbeitsbereiche ein. 1984 wurde eine Art Befreiungsschlag durchgeführt. Über 20.000 Menschen wurden in den Westen entlassen, um die hartnäckigen Antragsteller loszuwerden. Doch danach vervielfältigten sich sofort die Anträge. Es wurde ideologisch und propagandistisch alles versucht, die Antragsteller „zurückzugewinnen“. Die Legende von der Abwerbung von DDR-Bürgern durch den Westen wurde in vielen oft absurden Versionen bis 1989 verbreitet. Hinzu kam die Verdächtigung der Flüchtlinge als Faschisten, Spione, Kriminelle, Arbeitsscheue, Irregeleitete u.a.. Trotz allem stieg die Zahl der Anträge. Ende 1988 gab es trotz vorhergehender Massenentlassungen aus der DDR-Staatsbürgerschaft 113.000 Anträge. Mehr als eine halbe Million Menschen haben ihre Ausreise „legal“ erreicht.

Die Massenflucht hat den ostdeutschen Kommunisten schwer geschadet, ihre Herrschaft delegitimiert und war schließlich ein wichtiger Faktor der Revolution 1989. Aber der Aderlass von Menschen, unter ihnen oft die wirtschaftlich hochmotivierten und intellektuell potenten Eliten, hat die ostdeutsche Gesellschaft auch beschädigt und geistig verarmen lassen. Zu den traurigsten Kapiteln der SED-Gesellschaftspolitik gehören die vielen politisch motivierten Selbstmorde, die Flucht in den Tod. Die DDR hatte neben Ungarn die höchste Selbstmordrate in Europa. Noch ist nicht umfassend erklärt, ob und wie viele dieser Selbstmorde einen politischen Hintergrund hatten. Aber es gibt auch kein Land in Europa, in dem so viele Selbstmorde im Zusammenhang mit der Politik der Kommunisten stehen. Die SED hat seit Mitte der siebziger Jahre keine Statistiken mehr veröffentlicht. Sie hatte Gründe. Solche Selbstmorde signalisierten die Ausweglosigkeit von Individuen in Situationen, die für sie unerträglich waren, weil sie in der geforderten Unterwerfung um ihre Würde gebracht und im Kern ihres Wesens getroffen wurden. Das aber geschah mit vielen Menschen, die in die Mühlen kommunistischer Behandlung gerieten. Der Tod aus Überforderung und Selbstmorde waren häufig Gegenstand der Literatur in der DDR, die oft als Seismograph der psychosozialen Situation fungierte. Christa Wolf hat sich in mehreren Texten mit diesem Problem auseinandergesetzt. Ulrich Plenzdorf hat in seiner Erzählung „Die neuen Leiden des jungen W.“ einen jungen Arbeiter an einem Explosionstod sterben lassen, den dieser nach Verweigerung sozialistischer Kollektivzwänge bei einem Experiment herbeiführte, das eine eigene individuelle Leistung darstellen sollte. Reiner Kunze dokumentierte in „Die wunderbaren Jahre“ einen Schülerselbstmord.

Bauern, Handwerker oder kleine Unternehmer, die um Hab, Gut und Tradition gebracht wurden, flüchteten in den Tod. Der Druck, um den Preis der Karriere sich von Tradition, Religion und manchmal auch von den „reaktionären“ Familienmitgliedern zu trennen, führte auch bei Funktionären der SED oder bei Wissenschaftlern zum Selbstmord. Als sich in einer solchen Lage 1958 der Rostocker Historiker Johannes Nichtweiß das Leben nahm, meinte die dortige SED-Führung, der Wissenschaftler hätte „unmarxistische Schlussfolgerungen“ gezogen. In jeder der zahlreichen kommunistischen Repressionswellen gab es gehäuft Selbstmorde. Während der Zwangsaussiedlungen aus den Grenzgebieten 1952 unternahmen eine größere Anzahl Deportierter Selbstmordversuche. Mehrere wurden vollendet. In Sonneberg/Thür. ging ein Ehepaar mit zwei Kindern in den Freitod. Eine große Anzahl politischer Gefangener nahm sich das Leben. Suizide kamen häufig schon in den Untersuchungshaftanstalten vor.

So wurden 1959 18 und von Januar bis September 1960 17 Suizide allein von Untersuchungshäftlingen registriert. Noch im Zeitraum zwischen dem 1.1.1977 und dem 15.10.1978 ereigneten sich 21 Suizide und 46 Versuche im Strafvollzug. Auch in der Armee, besonders bei den Grenztruppen, kam es häufig zu Selbstmorden. Von Dezember 1987 bis November 1988 gab es bei den Grenztruppen 22 Suizidversuche, bei denen acht Soldaten starben. Nur fünf hatten private Ursachen. Durch Bespitzelung, politische Indoktrination und erfahrene Sinnlosigkeit des Dienstes wurden junge Soldaten in die Isolierung und zur „Selbstaufgabe“ getrieben. Die zahlreichen hochriskanten und häufig missglückten Fluchtversuche über die waffenstarrenden und mit Tötungsmaschinen bewehrten Grenzen tragen in sich eine Komponente des letzten Risikos, das den Tod einkalkuliert hatte. Die Chancen, die Grenze zu überwinden, standen häufig in keinem Verhältnis zu den eingegangenen Risiken und waren oft die letzte Möglichkeit, die erfahrenen Demütigungen zu kompensieren. Auch Ausreiseantragsteller haben die Strapazen langjähriger Ausgrenzungen und Verfolgungen in der Wartezeit nicht durchgestanden und nahmen sich das Leben. Der politisch motivierte Selbstmord bekam bisweilen größere Öffentlichkeit, wenn prominente Politiker betroffen waren. 1965 hatte schon der Selbstmord des Politbüromitgliedes und wirtschaftspolitischen Aufsteigers Erich Apel nach Auseinandersetzungen mit Honecker und Günter Mittag Aufsehen erregt. 1974 nahm sich der Wirtschaftswissenschaftler Arne Benary das Leben. Prominente Selbstmörder hatten sich nach der Propaganda in einem „Anfall von Depressionen“ das Leben genommen. Zu den politisch induzierten Selbsttötungen gehören auch zahlreiche Selbstmorde von Jugendlichen. Darunter waren immer wieder Oppositionelle und viele in kirchlichen Gruppen Engagierte, die dem seelischen Druck nicht standhielten. Manchmal waren sie in Haftanstalten zur Zusammenarbeit mit dem MfS genötigt worden und konnten dies nicht verkraften. Hierher gehört möglicherweise auch der Tod des Jenaer Oppositionellen Matthias Domaschk, der 1981 nach nächtlichen Verhören unter einen derartigen psychischen Druck gesetzt wurde, dass er sich selbst erhängte. Ob die Staatssicherheit auch auf andere Weise nachgeholfen hat, ist bis heute ungeklärt. Das MfS notierte Anfang der achtziger Jahre bei der Bearbeitung oppositioneller Kreise:
„Die im Berichtszeitraum weiter angestiegene Zahl der Suizidversuche und –absichten ist als Ausdruck einer Tendenz der Ausweglosigkeit, Labilität, Resignation sowie nicht bewältigter persönlicher, beruflicher und gesellschaftlicher Konflikte unter einem Teil des operativ interessierenden Personenkreises zu werten.“

Erschütternd sind auch die Bereiche von Selbsttötungen von Kindern. Diese kamen häufig in den staatlichen Zwangserziehungseinrichtungen vor. Andere nahmen sich das Leben, weil sie und ihre Familien politischen Willkürmaßnahmen ausgesetzt waren. Ein 15jähriger Junge war mit seinen Eltern im Grenzgebiet im Kreis Ludwigslust ausgebürgert worden. Sein Vater war beschuldigt worden, in der NS-Zeit Ortsbauernführer gewesen zu sein, was schon nicht stimmte, da der Mann erst 1927 geboren war. Der Junge kehrte heimlich mehrfach zurück und erhängte sich im Haus seiner zurückgebliebenen Großeltern. Die Pastorin Ursula Meckel aus Thale wagte es, 1964 eine Traueranzeige auszuhängen: “Unsere Gemeinden trauern um den Konfirmanden, das Kind Volker M(xxx), geboren am 14.12.1964 in Thale. Er hat sich am 24.5.1980 in Halle in einer Strafvollzugseinrichtung erhängt! Vom Kreisgericht Quedlinburg war er am 25.4.1980 zu 12 Monaten Freiheitsentzug verurteilt worden, weil er versucht hatte, die DDR zu verlassen. Matth. 18.“

Selbstmorde sind Zeichen für die Umwelt und ihre Ankündigungen oft flehende Bitten um Gehör. Gehör wollte sich auch der Pfarrer Oskar Brüsewitz verschaffen, der nach dem Vorbild des tschechischen Studenten Jan Palach, der sich aus Protest gegen die Vergewaltigung seines Landes 1969 in Prag selbst verbrannte, im August 1976 in Zeitz mit Benzin übergoss und anzündete. Er führte das Plakat mit: „Die Kirche in der DDR klagt den Kommunismus an! Wegen Unterdrückung in Schulen, an Kindern und Jugendlichen.“ Als diese Selbstverbrennung die Menschen beschäftigte, sprach Wolf Biermann in der Kirche von Prenzlau von einer „Flucht in den Tod“. Er wollte damals junge Menschen für ein Standhalten im Leiden und ein Bleiben in der DDR aus der Hoffnung auf Veränderungen ermutigen. Doch der Freitod von Brüsewitz war mehr als nur eine Flucht aus Resignation. Er war die letzte Möglichkeit seiner Gegenwehr. Die Kommunisten und ihre Helfershelfer haben damals nur zynisch reagiert und Brüsewitz als krank, sexuell abnorm und eben religiös anormal diskreditiert. Zynisch reagieren die kommunistischen Altkader und ihre ideellen und juristischen Verteidiger noch heute. Für sie sind etwa riskante Fluchtunternehmen bis heute lediglich Angelegenheit von Psychopaten. Die Flüchtlinge hätten schließlich gewusst, dass geschossen wird. In dieser Logik ist der Mensch, nicht der Kommunismus, das Risiko.

zurück