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Geheimakte "Wismut"
Die verschwundenen Dörfer
Ein Film von Joachim Tschirner und Burghard Drachsel
Pressemitteilung vom 03.08.2006


Strengste Geheimhaltung, Propaganda und Desinformation begleiten von Beginn an die Geschichte des Uranbergbaus in der ehemaligen DDR. Selbst den Begriff "Wismut" benutzten die Sowjets als irreführenden Tarnnamen. Die neue MDR-Dokumentation widmet sich einem ganz besonderen Kapitel der Wismut-Geschichte, das bis heute weitgehend im Dunkeln geblieben ist: Zwischen 1951 und 1968 verschwanden fünf Dörfer von der Landkarte Thüringens. Begonnen hat es 1951 in der kleinen Gemeinde Sorge-Settendorf, in der russische Geologen das Uran nur drei Meter unter der Erdoberfläche fanden. Von hier zieht sich ein Band kaum fassbarer Landschaftszerstörung bis zu dem 750 Jahre alten, wunderschönen Ort Culmitzsch, der 1968 zerstört wurde. Die Filmemacher Joachim Tschirner und Burghard Drachsel machen sich im Ronneburger Bergbaurevier nun erstmals auf Spurensuche. Erzählt wird unter anderem das traurige Ende des einstigen Ausflugsortes Schmirchau, der dem damals größten Uran-Tagebau der Welt zum Opfer fiel. 1953 fraßen sich die Tagebau-Bagger so dicht an Schmirchau heran, dass die ersten Familien den Ort räumen mussten. 1957 war das Schicksal der letzten Einwohner besiegelt. Ihre Interessen und Bedürfnisse spielten in den Planungen der Strategen keine Rolle.

Die Sowjets brauchten im Wettlauf mit den USA immer mehr Uran. Kontaminierte Abraumhalden mit gigantischen Dimensionen entstanden, die kaum noch zu sichern waren. Über die Gefahren wurde so wenig bekannt wie über Unglücksfälle oder gar Katastrophen. So ist es nicht verwunderlich, dass auch das Schicksal des Dorfes Gessen der Öffentlichkeit unbekannt geblieben ist. Nachdem 1966 dort eine ungesicherte Halde gefährlich ins Rutschen gekommen war, mussten alle Einwohner ihr Dorf verlassen, für immer. Auch die Geschichte von Gessen wird in der Dokumentation erstmals aufgerollt.

Unter den Protagonisten des Films spielt Manfred Wöllner eine besondere Rolle. Er wurde 1939 in Gessen geboren, zog mit den Eltern ins benachbarte Schmirchau und verlor somit gleich zwei Heimatorte. Manfred Wöllner ist ein ganz besonderer Zeitzeuge, dem die Autoren im Film immer wieder begegnen. Er sammelt, archiviert, fotografiert seit vielen Jahren alles, was mit den verschwundenen Dörfern der Ronneburger Wismut-Region zu tun hat. Als 17-Jähriger hatte er kurz vor der Aussiedlung mehr als 200 Fotos von den intakten Häusern und Höfen in Schmirchau gemacht. Diese Fotos und auch die historischen Filmbilder aus dem Wismut-Archiv lassen die Gedanken zurückschweifen in eine Welt, die es zwar so nicht mehr gibt - die aber nach wie vor in das Leben der Betroffenen hineinragt.

Leben auf Abruf - Der Fall Michael Fischer
Michael Fischer war ein wildes Kind, ein aufsässiger Jugendlicher. Mit 14 wurde er kriminell und versuchte, in den Westen zu fliehen. Er landete im Jugendknast. Als er mit 19 zurück in sein Heimatdorf kam, war er als Knasti abgestempelt. Der Vater, Hauer im Uranbergbau und todkrank, nahm seinem Sohn ein Versprechen ab: Niemals dürfe er sein Geld in den Todesstollen der Wismut verdienen. Doch Michael ging trotzdem zur Wismut - der Karriere, der Sonderzulagen und des Schnapses wegen. Er schaffte es bis zum Brigadeleiter, führte mit harter Hand. Druck ausüben konnte er: Wenn das Leistungssoll erfüllt wurde, gab es Prämien. Dafür wurden Sicherheitsvorschriften auch einfach mal "vergessen" oder übergangen.

Mit der Wende kam die Wahrheit über den Uranbergbau langsam ans Licht. Es wurde offenkundig, was die Wismut in Körpern und Landschaften angerichtet hatte. Michael Fischer schlug um sich. Es folgten erneut Anzeigen wegen schwerer Körperverletzung. Seine Ehe zerbrach und in der Leipziger Uni-Klinik riet ihm der Professor: "Herr Fischer, leben Sie die nächsten fünf Jahre intensiv!" Nach der Beerdigung seines besten Kumpels schmiss Michael Fischer seinen Parteiausweis auf den Tisch und kehrte der Wismut den Rücken. Mit einer hohen Abfindung in der Tasche fasste er den Entschluss: tot saufen. Am tiefsten Punkt, einsam, zerrüttet, krank und ohne einen Cent übrig, rebellierte etwas in seinem Innersten: Er wollte doch leben.

Seine Brigade umfasste einst 20 Mann. Sieben sind bis heute gestorben. Die übrigen haben Krebs, Staublunge und zerschlissene Bandscheiben. Diese Erfahrung und die Gewissheit, selbst bald sterben zu müssen, haben ihn verändert. Michael Fischer ist seit zwei Jahren trocken, macht ehrenamtlich Jugendarbeit, zieht mit einer alternativen Volksmusiktruppe durchs Land, hat sich verliebt und einen Neuanfang gewagt. Der Film erzählt von den wilden Jahren des Michael Fischer, beschreibt, welche Rolle die Wismut in seinem Leben spielte und wie er und seine alten Kollegen heute mit der Zeitbombe in ihrem Körper umgehen.

Die größten Atommüllhalden der Welt
In Sachsen und Thüringen liegen die größten Atommüllhalden der Welt. Sie liegen unter freiem Himmel und der Untergrund ist nicht abgedichtet. »Helmsdorf« und »Culmitzsch « heißen die Dörfer, es gibt sie nicht mehr. Das Urangrab von Helmsdorf hat eine Oberfläche von 2,3 Quadratkilometern und birgt 56,7 Millionen Tonnen des radioaktiven Abfallschlamms aus der Uranaufbereitung. Dieser Schlamm enthält noch annähernd 85% des Radioaktivitätsinventars der verarbeiteten Uranerze sowie chemische Schadstoffe in sehr hohen Konzentrationen. Dort wo sich das Dorf Culmitzsch befand, liegen jetzt auf einer Oberfläche von 2,5 Quadratkilometern über 100 Millionen Tonnen des Abfallschlamms mit einer Mächtigkeit von bis zu 80 Metern. Auch andere Ortsnamen bestehen heute nur noch in bergbaulichen Begriffen einer für immer zerstörten Landschaft fort: »Halde Lichtenberg«, »Gessenhalde« und »Tagebau Schmirchau«.

Die seit 1946 unter größter Geheimhaltung agierende Sowjetische (und ab 1954 Sowjetisch-Deutsche) Aktiengesellschaft »Wismut« produzierte bis 1990 etwa 220.000 Tonnen Uran für das sowjetische Atomprojekt und hinterließ in Ostdeutschland mehr als 500 Millionen Tonnen radioaktive Abfälle. Eine Fläche von 168 Quadratkilometern ist mehr oder weniger kontaminiert, etwa 1000 Quadratkilometer gelten als »Verdachtsfläche«. Insgesamt müssen über 3000 Halden und etwa 20 Schlammdeponien »saniert« bzw. »entsorgt« werden.

Im Elbsandsteingebirge, bei Dresden, befinden sich noch 1,8 Millionen Kubikmeter uranhaltiger Schwefelsäure aus der Untertagelaugung im Untergrund, wenige Meter unterhalb des wichtigsten südostsächsischen Trinkwasserreservoirs. Während man heute darüber streitet, ob die Sanierung der Uranbergbaufolgen in Ostdeutschland 13 Milliarden Mark kostet oder ein Vielfaches davon, ist noch nicht sicher, in welchem Maße die eingetretenen Umweltschäden überhaupt reparabel, d. h. sanierbar sind.

Begriffserklärung: Wismut
Wismut (fachsprachlich Bismut): Rötlich glänzendes, sprödes Metall mit schwacher, als ungefährlich anzusehender Radioaktivität. Erste Gewinnung vermutlich schon im 15. Jahrhundert in der Nähe von Schneeberg im Erzgebirge. Verwendung hauptsächlich für Legierungen und in der Pharmaindustrie.

SDAG Wismut:
Sowjetisch-Deutsche Aktiengesellschaft zum Uranabbau in der damaligen DDR (1954-1990). Umgewandelt aus der Sowjetischen Aktiengesellschaft (SAG) Wismut (1947-1953). Der Name sollte davon ablenken, dass in dem geheimen Bergbaubetrieb Uran für die sowjetische Rüstungsindustrie abgebaut wurde. Bis 1990 war die SDAG Wismut mengenmäßig einer der bedeutendsten Uran-Lieferanten der Welt.

Uran: Radioaktives und chemisch giftiges Element, das in der Natur vor allem als Erz vorkommt. Bei der Gewinnung und Bearbeitung entstehen stark radioaktive Folgeprodukte. Angereichertes Uran wird heute vorwiegend zur Energiegewinnung in Kernkraftwerken eingesetzt.

Quelle: Nach einem Bericht unseres Mitarbeiters Dietrich Ellies

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