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Das Sommerloch-Thema:
Der Mensch im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit
Kanadische Wissenschaftssekte will ersten künstlichen Menschen schaffen
Von Niclas Maak, Jordan Mejias und Christian Schwägerl
Pressemitteilung vom 02.08.2001


Wenn wirklich etwas schief geht“, sagt Marina Boisselier, „Können wir es ja immer noch abtreiben.“ Dann lächelt sie, und die schönen Frauen neben ihr lächeln auch. Fliegen summen in der alten Scheune nebenan, über die trockenen Wiesen weht der Staub von der Landstraße, unten am See arbeitet ein Bagger, in einer dunklen Halle hinter dem See steht zu dieser Zeit der Mann, an den Marina glaubt. Über diesen Mann, der sich Rael nennt werden am 7. August in Washington auf Einladung der National Academy of Science die wichtigsten Gentechnikexperten der Welt debatieren. Mit nur einem Ziel: ihn davon abzubringen, den ersten Menschen zu klonen. (..)

Rael hieß nicht immer so. Früher lautete sein Name Claude Vorilhon. Er wurde 1946 in Vichy geboren und führte bis 1973 das Leben eines normalen Mannes. Vorilhon liebte Frauen, Musik und Autos und, als er 27 wurde, hatte er ein paar Autorennen gewonnen, eine Schallplatte aufgenommen, eine Fachzeitschrift gegründet und zwei Kinder gezeugt. Dann passierte es. Rael wurde verrückt. So sagen die Leute in Montreal. Er hatte eine Begegnung. Sie fand statt 1973, einen kalten nebligen Wintertag. Eine fliegende Untertasse sei da gelandet und ein Außerirdischer sei ihr entstiegen, schreibt Rael in seinem Buch „Das wirkliche Gesicht Gottes“. Er habe das Wesen gefragt, ob es ein Außerirdischer sei und es hat ja gesagt und mit näselnder Stimme verkündet, es käme von weit her, und die Menschen, die Pflanzen und die Tiere seien nicht von Gott, sondern von Außerirdischen im Labor erschaffen worden. Rael erfuhr, dass die Aliens den uns unvorstellbar vorangeeilten Elohim entstammten einen extraterrestrischen Volk, das den Menschen ehedem genetisch mit DNA erzeugt und seitdem Propheten entsandt hat, die Buddha, Mohamed oder Jesus Christus hießen. (..)

Eine Stunde muß man von Montreal aus fahren, bis man in diese seltsame Gegend gelangt, in der die Orte Asbestos oder Magog heißen. Der Weg führt zunächst vorbei an den Ruinen der modernen Welt, den futuristischen Gebäuden der Weltausstellung von 1967, die am Südrand der kanadischen Großstadt liegen, ein leeres Gerüst nur ist von Buckminster Fullers gigantischer Biosphere-Kugel übrig, ihre Plexiglasscheiben sind bei einem Brand geschmolzen, jetzt steht unten am großen Fluß nur noch das Gerippe, eine Ruine aus jener letzten Dekade der Moderne, die noch an die Zukunft glaubte: An Atomkraft und überdachte Städte und daran, dass man bald auf den Mond fliegen könnte, um dann, im Jahr 2001, auf eine Odyssee im Weltraum zu gehen. Vierunddreißig Jahre nach der Weltausstellung wird nicht weit von Montreal an einer neuen Welt gebaut, gegen die alle Raumfahrtträume der Sechziger wie eine lächerliche Fingerübung wirken. All das passiert nicht im All und auch nicht in einem Labor, sondern in einem Sommercamp. Es ist das der Realianer. Diese Vereinigung wäre leicht als verrückte Sekte abzutun, würde sie nicht sehr konkret das wissenschaftliche Ziel verfolgen, weltweit als erste einen Menschen zu klonen. Hinter der Ortschaft Granby werden die Straßen schmaler und kurviger. Ein Fluß, der sich durch die tiefgrüne Landschaft schlängelt, heißt Noire, die Schwarze. Dann taucht ein blaues Schild auf mit der Aufschrift „Ufoland“. Hier endet die geteerte Straße und geht in eine staubige Lehmpiste über. Nach sieben Kilometern ragt eine graue, geschwungene Betonwand aus dem Boden, die entfernt an ein Ufo erinnert. Frauen mit kurzen Rücken und tragbaren Funkanlagen laufen wie arbeitslose Hubschrauberpilotinnen über den Parkplatz. Was sich hinter der grauen Betonwand abspielt, klingt wie das Drehbuch für den nächsten James-Bond-Film: Ein wahnsinniger Sektenführer beschäftigt eine hochbegabte Wissenschaftlerin. Sie soll für ihn Menschen klonen und den Weg bereiten für die Herstellung willenloser biologischer Sexsklaven. Dazu benötigt der Sektenchef Eizellen und Gebärmütter – und bekommt sie von den attraktiven Anhängerinnen seiner Sekte. Das Problem ist nur, dass die wissenschaftliche Entwicklung mittlerweile schneller verläuft, als sich in Filmen unsere Ängste davor niederschlagen können. Das Klonen von Menschen wird nach Meinung aller Experten das größte ethische Problem des 21. Jahrhunderts sein. Es wird nicht nur die Individualität, sondern auch die Sexualität, Familie und Reproduktionsweisen verändern. Und der Bondfilm von Montreal ist Realität. „Ufoland“ sieht aus, als habe man alle Visionen der Science-Fiktion-Literatur zusammengeführt: Fliegende Untertassen, Sexroboter, künstliche Menschen. Mit dem kleinen Unterschied, dass hier tatsächlich bald künstliche Menschen herumlaufen könnten. Noch aber kündet nichts im „Ufoland“ von den Dingen, die hier geschehen sollen. Man betritt die Anlage durch eine kleine Halle, in der rosafarbene Plastik-Außerirdische verkauft werden. Auf der Terrasse steht ein Plastikbaldachin. Darunter wartet Marina Bosselier. Sie ist schön; sie könnte, wenn sie wollte, schnell einen Mann finden und schwanger werden. Aber Marina Boisselier braucht keinen Mann, nicht mal einen Samenspender, um ein Kind zu bekommen, und das Kind, das sie bekommen wird, kam schon einmal zur Welt: Marina vierundzwanzig Jahre alt, geboren in Versailles, Kunststudentin, Mitglied der Raelianer-Sekte, soll als erste Frau der Welt einen geklonten Menschen gebären. Sie tut das, sagt sie, weil sie anderen Menschen eine Freude machen will. Weil sie ein Kind bekommen, es aber nicht aufziehen möchte. Weil ihre Mutter, die Chemikerin Brigitte Boisselier, Bischöfin der Raelianer und zugleich Chefwissenschaftlerin einer Firma namens Clonaid ist. Und auch, weil ihr Guro Rael es so will. „Es ist ein geklontes Kind, das ich bekommen werde. Ein Kind, das im Alter von zehn Monaten gestorben ist. Meine Mutter und ich werden es seinen Eltern zurückgeben“, sagt Marina Bosselier. Ob es ihr nicht unheimlich sei, ein fremdes Kind auszutragen? Was passiert, wenn genetische Defekte auftreten? „Das hat meine Mutter bestens unter Kontrolle. Dieses Kind wird viel genauer überwacht als jedes andere zuvor. Da müssen sich schon eher Leute Sorgen machen, die auf natürliche Weise Nachwuchs zeugen.“ Und wenn doch etwas passiere, dann treibe man eben ab. „Wir glauben nicht an die Unveränderlichkeit des Schicksals; wir machen den Tod rückgängig. Wir werden bald wissen, wie man unsterblich wird.“ Dazu lächelt sie so charmant, als sei es die natürlichste Sache der Welt, ein Kind zu klonen. Und damit hat sie streng wissenschaftlich betrachtet auch gar nicht unrecht – denn Klonen ist tatsächlich eine der natürlichsten Sachen der Welt. Lebewesen, deren Erbgut mit dem ihres Erzeugers identisch ist, gehören seit Millionen von Jahren zum Repertoire der Evolution. Viele Bakterien, Pflanzen und Pilze sowie einige Insektenarten vermehren sich ungeschlechtlich, besonders dann, wenn ausreichend Nahrung und Lebensraum vorhanden sind. Bei Pflanzen etwa kennt jeder das Prinzip des Ablegers, der nichts anderes ist als ein Klon. Bei Säugetieren wie dem Menschen hingegen kommt Klonen von Natur aus nicht vor. Sie werden mit Lustgefühlen zur Paarung gelockt, weil dabei ständig neue Kombinationen des Erbguts entstehen, was einen stabilen, aber vielfältigen Genpool garantiert – also Robustheit und Entwicklungsfähigkeit zugleich. Nichts spricht aus biologischer Sicht prinzipiell gegen das Klonen von Menschen. Seit der Geburt des Schafs Dolly am 5. Juli 1996 hat die Kunst des Biokopierens Fortschritte gemacht. Dolly entstand aus der Fusion der Milchdrüsenzellen eines sechs Jahre alten Schafs mit einer entkernten Eizelle. 277 Versuche waren nötig, um dieses lebensfähige Klonschaf zu erzeugen. In 276 Fällen wuchsen also die frühen Embryonen nicht, gingen als Fehlgeburten ab oder starben an fürchterlichen Missbildungen und Riesenwuchs. Diese geringe Erfolgsquote hat Wissenschaftler indes nur noch mehr angespornt weiterzuforschen. Inzwischen gibt es geklonte Mäuse, Kühe, Ziegen und Schweine. Eifrig wird daran gearbeitet, die Zahl der Versuche pro Klondurchgang zu verringern. Auch Menschen sind schon geklont worden – allerdings entstand dabei kein Baby. Diese Embryonen, die bei Versuchen zum therapeutischen Klonen wuchsen, wurden nicht in eine Gebärmutter eingesetzt, sondern zur Gewebezucht für Schwerkranke verwendet. (..) Wissen und Ausrüstung zum Klonen von Menschen sind in der Welt. „Binnen zwölf Monaten wird ein Mensch geklont“, titelte das amerikanische Technologiemagazin „Wired“ – im Februar dieses Jahres. Bei der Eröffnung einer großen Gentechnikausstellung in New York sagte der Kurator, bevor die Ausstellung zu Ende sei, werde es das erste Klon-Baby geben – die Ausstellung endet im Januar 2002.

Die Ufo-Sex-Science-Philosophie der Raelianer mag irrsinnig erscheinen, doch die Gruppe wird von anerkannten Wissenschaftlern ernstgenommen: Gregory Stock, notorisch fortschrittsgläubiger Direktor des „Program on Medicine, Technology and Society“ an der University of California in Los Angeles meint, die Raelianer seien wissenschaftlich in der Lage, einen „solid attempt“, also einen ernsthaften Versuch, des Menschenklonens zu unternehmen. (...)

Chronik der Klonierungsversprechen:
Zusammengestellt von Doris Kappes

Juli 1995:
Den Wissenschaftlern Iwan Wilmut und Keith Camphell vom Roslin-Institut in Schottland gelingt es erstmals, embryonale Säugetierzellen im Labor zu vermehren. Zwei Schafe, „Megan“ und „Morag“ kommen lebensfähig zur Welt.
5. Juli 1996:
Das Klon-Schaf Dolly wird geboren, geklont aus der Körperzelle eines erwachsenen Tieres, die in eine entkernte Eizelle eingesetzt wurde.
Dezember 1997:
Der amerikanische Reproduktionsmediziner Richard Seed verkündet, er wolle Menschen klonen.
Januar 1999:
Iwan Wilmut, maßgeblich an der Entwicklung des Klon-Schafes „Dolly“ beteiligter Wissenschaftler, spricht sich für das Klonen von Embryos zu therapeutischen Zwecken aus. Solch ein Projekt diene seiner Ansicht nach dem Kampf gegen „schreckliche Krankheiten“.
Juni 2000:
Schottischen Forschern in Edinburgh gelingt es erstmals, in das Erbgut von Schafen ganz gezielt ein fremdes Gen einzusetzen und daraus ein neues Tier zu schaffen. Die Methode erlaubt es, beliebig viele Schafe mit den gleichen Eigenschaften zu klonen und ist ein Ansatz, Tiere als potentielle Arzneimittellieferanten (zum Beispiel für Milch mit menschlichen Proteinen) zu kreieren.
August 2000:
Im Nationalen Institut für Tierzüchtung in Japan wird ein geklontes Schwein namens „Xenia“ geboren. Die Wissenschaftler entwickelten hierfür ein neues Klonierungsverfahren, bei dem der Kern der zu klonierenden Zelle direkt durch Mikroinjektion in die entkernte Eizelle gelangte.
September 2000:
Brigitte Boisselier, eine in den Vereinigten Staaten lebende französische Wissenschaftlerin, kündigt an ein totes Baby zu klonen, das im Alter von zehn Monaten durch einen ärztlichen Fehler gestorben ist. Frau Boisselier ist Mitglied der Rael-Sekte, einer Bewegung, die das Klonen von Menschen propagiert, um so den Traum vom ewigen Leben wahrzumachen.
Januar 2001:
Die Firma „Trans Ova Genetics“ gibt bekannt der erste geklonte Gaur-Ochse „Noah“ sei geboren worden. Es starb jedoch bereits nach kurzer Zeit an einer bakteriellen Infektion. „Noah“ wurde durch Embryonentransfer auf ein artfremdes Weibchen erzeugt. Auf diese Art könnten vom Aussterben bedrohte Tiere nachgezüchtet werden.
März 2001:
Der italienische Gynägologe Severino Antinori kündigt die Geburt eines geklonten Babys für den Sommer 2002 an. Er rechtfertigt dies mit dem von ihn proklamierten „Menschenrecht auf Kinder“.
April 2001:
Britische Forscher haben nach eigenen Angaben erstmals fünf gentechnisch veränderte Schweine geklont. Sie werteten dies als wichtigen Schritt auf dem Weg zur Verpflanzung von Tierorganen in den Menschen.
Juli 2001:
Die amerikanische Firma „Clonaid“, ein von der Rael-Sekte gegründetes Unternehmen, das sich als „erste menschliche Klonfirma“ bezeichnet, betreibt geheime Versuche mit dem Ziel, Menschen zu klonen.

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