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Zuckerrohr: 9 Meter hoch und viele Jahre alt
Pressemitteilung vom 28.07.2005


Seit dem 22.Juni 2005 liegt ein Reformvorschlag der EU zur Neuordnung des Zuckermarktes vor. Demzufolge soll es drastische Preisreduzierungen und eine Senkung der Produktionsquoten geben. Der Mindestpreis für Zuckerrüben soll bis 2008 um 42,6 Prozent fallen.

Die vom Einkommensverlust betroffenen europäischen Landwirte sollen mit einer einmaligen Prämie abgefunden werden. Hintergrund der Neuordnung ist eine Entscheidung der Welthandelsorganisation (WTO), mit der die bisherigen EU-Zuckerexportsubventionen als unzulässig eingestuft wurden. Auch die Sächsische Staatsregierung gab dazu eine Stellungnahme ab. Die Koalition geht von einer 'Vernichtung zahlreicher Arbeitsplätze' in der deutschen Zuckerwirtschaft aus. Immerhin geht es in Deutschland um 46.000 Rübenanbauer und 26.000 Beschäftigte in den vor- und nachgelagerten Bereichen der Zuckerwirtschaft. Mit der neuen Zuckermarktordnung wird ein weiterer Teil der deutschen Landwirtschaft dem WTO-gesteuerten Weltmarkt geopfert.

Bauern in benachteiligten Sand- und steinreichen Gebirgslagen, denen ab 2007 auch noch die Ausgleichszulagen weggenommen werden sollen, können die Zuckerrübenbarone allerdings nur wenig bedauern. Hatten doch die Börde- und Lösbauern um Erfurt, Magdeburg und in der Lommatzscher Pflege mit ihren Schwarzerden von bis zu 100 Bodenpunkten naturverwöhnt schon immer die dicksten Zuckerrüben- und Weizenernten.

Billiger Rohrzucker wird den Rübenzucker weiter zurückdrängen. Nur kurze Zeit zwischen 1885 und 1900 übertraf die Zuckerproduktion aus Rüben jene aus Zuckerrohr. Der Weltmarktpreis für weißen Zucker bewegt sich derzeit zwischen 250 und 300 Euro pro Tonne. Die EU kauft ihren Erzeugern das Produkt aber für 630 Euro ab. Nur Illusionisten unter den Zuckerbauern können glauben, daß dieser Zustand so bleiben wird.

Rohr und Rübe - eine erbitterte Konkurrenz
Von Beginn an herrscht zwischen Rohr und Rübe eine erbitterte Konkurrenz. Sowohl die Staaten, die Zuckerrohr anbauen, als auch die von Rüben abhängigen Länder schützen ihre Erzeuger durch Einfuhrzölle oder Subventionen. Lediglich Australien hat heute einen vollständig liberalisierten Zuckermarkt.
Nach den neuesten Erhebungen des US-Landwirtschaftsministeriums wird die Zuckerproduktion im Handelsjahr 2005/2006 bei 146,3 Millionen Tonnen liegen - drei Viertel davon aus Zuckerrohr. Größter Exporteur ist Brasilien, vor dem sich die Europäer am meisten fürchten. Brasilien besitzt ein gewaltiges Potential, kann seine Produktion innerhalb kurzer Zeit hochfahren und den europäischen Markt mit billigem Rohrzucker überschwemmen.

Politische Biologie
Am Anfang stand das Zuckerrohr als eine der ältesten Kulturpflanzen. Seine Geschichte begann vermutlich auf Neuguinea, wo man 1928 seinen Vorfahren, das Gras Saccharum robustum entdeckte. Die Pflanze hat eine gewisse Ähnlichkeit mit Mais, wird aber bis zu neun Meter hoch und viele Jahre alt. Der Stengel besitzt eine harte äußere Schale und ein inneres weiches Speichergewebe mit dem eingelagerten Zucker. Speziell die zuckerrohranbauenden Staaten erhalten nun neue Chancen. Denn das Rohr hat den Vorteil, daß seine Erträge pro Flächeneinheit erheblich über denen der Rübe liegen, was dazu beiträgt, daß die gesamten Produktionskosten niedriger ausfallen.

„robustum x spontaneum“ = Saccharum officinale
Zucker ist zum Grundnahrungsmittel und damit zum Politikum geworden. Die Ureinwohner in Neuguinea zerkauten kleine Stengelstücke, um den Zucker herauszulösen. Sie bauten die Pflanze in ihren Siedlungen an und suchten sich für die Weiterzucht immer Exemplare, die eine weniger harte Stengelschale, gleichzeitig aber einen hohen Gehalt an Zuckersaft hatten. Derart ausgewählt breitete sich Saccharum robustum über die Inseln im Pazifik aus und gelangte nach Indien, wo es sich mit Saccharum spontaneum kreuzte. Aus dieser Verbindung entstand im Laufe der folgenden Jahrhunderte das moderne Zuckerrohr Saccharum officinale.

Zehn Millionen Negersklaven sterben für den Zucker Europas
Seit 1150 gibt es Zuckerrohr auf Zypern, ab 1420 bringen die Spanier es auf die Kanarischen Inseln, die Portugiesen führen es auf den Azoren und den Kapverdischen Inseln ein. Dort entstehen die ersten Plantagen und eine primitive Zuckerindustrie. In Europa wird Zucker zwar schon ab dem achten Jahrhundert mit der Ausbreitung des Islam bekannt, bleibt aber eine absolute Rarität und exklusives Luxusgut der herrschenden Klasse. Er ist so wertvoll, daß er gelegentlich sogar als Zahlungsmittel eingesetzt wird. Zum Wirtschaftsfaktor von Weltgeltung wird Zucker erst, als Kolumbus Zuckerrohr auf seiner zweiten Reise gen Westen nach Haiti bringt. Die Karibischen Inseln bieten ideale Voraussetzungen, überall entstehen Plantagen. Doch die Kultur von Zuckerrohr ist arbeitsintensiv, sie verlangt harten körperlichen Einsatz im feuchtheißen Tropenklima. Hinzu kommt die Arbeit in "Zuckerhäusern", wo der Saft herausgekocht wird. In diesen Häusern sinken die Temperaturen selbst während der Nacht nicht unter 50 Grad. Weder Europäer noch die Ureinwohner der Karibik können unter solchen Bedingungen arbeiten. Der transatlantische Handel mit afrikanischen Negersklaven erblüht und erreicht tragische Rekorde. Vermutlich wurden um die zehn Millionen Afrikaner nach Übersee transportiert, um in der Neuen Welt den Zucker für Europa zu produzieren.

Mit Napoleons Kontinentalsperre beginnt die Blüte der Zuckerrübe
Während der Handel unter der Regie der Engländer floriert, macht in Deutschland 1774 der Chemiker Andreas Marggraf die Entdeckung, daß auch Runkelrüben Zucker enthalten. Das bleibt jedoch 25 Jahre lang folgenlos, bis 1799 Franz Achard Friedrich Wilhelm III. von Preußen vorrechnet, daß eine Nutzung der Rüben anstelle der Einfuhr von Rohrzucker dem Land 4,2 Millionen Taler Einsparung bringen würde. Mit Unterstützung des Königs beginnt Achard mit Züchtung und Anbau der Zuckerrübe, und als Napoleon 1806 die Kontinentalsperre für englische Waren verhängt, beginnt die Blüte der Zuckerindustrie auf der Basis von Rüben.

Quelle: Politische Biologie des Zuckerrohrs - Deutsche Bibliothek, Leipzig

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