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Freihandel oder Protektionismus
Pressemitteilung vom 21.07.2004


Der Freihandel hat es noch immer nicht leicht auf der Welt. Zwar gibt es das Regelwerk der Welthandelsorganisation (WTO) sowie eine Vielzahl von bilateralen Freihandelsabkommen. Doch immer sind die Verhandlungen mühsam und Verstöße an der Tagesordnung. Derzeit ringen die Europäische Union und der Mercosur miteinander, Russland hat noch etliche Etappen auf dem Weg zur WTO-Mitgliedschaft vor sich, die Doha-Runde ist längst nicht abgeschlossen. Das Schema ist stets dasselbe: Alle Länder wünschen sich Zugang zu fremden Märkten, die wenigsten aber mögen auch den eigenen Markt öffnen. Dabei hat die Geschichte klar dargelegt, dass Protektionismus langfristig auch dem Protege nur Schaden bringt und dass vielmehr der Freihandel ein Positivsummenspiel ist.

1870 schafft Großbritannien die legendären Getreideschutzzölle ab
Dass sich die Welt damit dennoch so schwer tut, liegt an der Verlockung des Kurzfristdenkens. In der kurzen Frist hat die Abkehr vom Protektionismus in der Tat Auswirkungen auf viele verschiedene Gruppen, die sich zudem auch nicht alle in gleicher Weise Gehör verschaffen können. Das beste historische Beispiel für ein solches, in statischem Denken allzu lange festgefahrenes Kräftemessen verschiedener Gesellschaftsschichten ist die Abschaffung der legendären Getreideschutzzölle in Großbritannien 1870.

Napoleon verhängt die Kontinentalsperre gegen Britannien
Das neunzehnte Jahrhundert startete mit politisch motiviertem Protektionismus. Nach der Französischen Revolution kommt Napoleon Bonaparte in Frankreich an die Macht, es beginnen die Jahre der Koalitionskriege. Napoleon verhängt die sogenannte Kontinentalsperre, eine gegen die Briten gerichtete Handelsblockade. Durch diese Abschottung erhalten die Getreidebauern Großbritanniens unverhofft ein heimisches Quasimonopol. Der Weizenpreis steigt, die aristokratischen Grundbesitzer streichen wachsende Grundrenten ein, das Volk darbt.

1815 führt England das "Corn Law" ein
Am Ende des sechsten Koalitionskriegs 1812 bis 1814 dann geht Napoleon vor seinen europäischen Gegnern in die Knie, muss abdanken und wird nach Elba verbannt.
Die Kontinentalsperre fällt, das Monopol der Getreideproduzenten in Großbritannien bröckelt - und der Weizenpreis halbiert sich. Doch auf Druck der Grundbesitzer wird 1815 das "Corn Law" eingeführt, das einen Mindestpreis festschreibt. Solange dieser Preis nicht erreicht wird, ist die Getreideeinfuhr verboten. Später wird das System durch eine gleitende Zollskala ersetzt. Die Grundbesitzer sind glücklich: Mit dem künstlich hochgetriebenen Weizenpreis steigt auch die Grundrente. Zugleich nimmt jedoch das Elend der Bevölkerung, die die somit allgemein aufgeblähten Lebenshaltungskosten nicht mehr tragen kann, unerträgliche Formen an.

Richard Cobden: Getreidezölle sind "legalisierten Mord"
Eine Welle von Protesten rollt über das Land. 1836 gründet sich in London eine "Anti Corn Law Association", die 1838 in Manchester in die "Anti Corn Law League" überführt wird. Im Meinungskampf zieht sie alle Register - sie organisiert Veranstaltungen, veröffentlicht Pamphlete und eine Wochenzeitung, sie drängt ins Parlament. Zu den führenden Köpfen gehört der liberale Unternehmer Richard Cobden, der die Getreidezölle couragiert als "legalisierten Mord" bezeichnet. Diesem Mann vor allem ist es zu verdanken, wie Premierminister Richard Peel später in seiner Rücktrittsansprache anerkennt, dass Großbritannien zum Wohle des Volkes 1846 die Zölle abschafft. 1860 handelt Cobden für die britische Regierung sogar noch einen Freihandelsvertrag mit Frankreich aus.

Schutzzölle, ein bequemes aber wenig förderliches Ruhekissen
Richard Cobden wurde vor 200 Jahren, am 3. Juni 1804, auf einer Farm in Essex geboren. Als Jugendlicher arbeitet er bei seinem Onkel in einem Textilgeschäft in London, mit 21 Jahren wird er Handlungsreisender, mit 27 Jahren gründet er sein eigenes Textilunternehmen in Manchester. Just in diesem Moment werden die Schutzzölle auf bedruckte Baumwolle abgeschafft. Cobden nimmt den Wettbewerb als kreative Herausforderung an. Er entwickelt eine aggressive Vertriebsstrategie und exportiert den Überhang seiner Produktion ins Ausland. Er verdient ein Vermögen. Diese eigene Erfahrung vermittelt er später als Publizist und Politiker auch den Grundbesitzern. Er erklärt ihnen, dass ein Schutzzoll ein bequemes, der eigenen Entfaltung und Wohlfahrtssteigerung indes wenig förderliches Ruhekissen bietet. Wer sich dem Wettbewerb nicht stellt, tritt auf der Stelle - und daher ist Protektionismus bei näherer Betrachtung für keinen Beteiligten gut.

"Manchesterliberalismus" als falscher Kampfbegriff
Cobden war in seinem aufklärerischen Engagement für den Freihandel und die Nichteinmischung des Staates in die Wirtschaft in hohem Maße moralisch motiviert. "Ich sehe im Prinzip des Freihandels das, was in der moralischen Welt wie das Prinzip der Schwerkraft im Universum wirken wird, was Menschen zueinander zieht und den Gegensatz von Herkunft, Glauben und Sprache beiseite stoßen wird und uns im Band des ewigen Friedens vereinigen wird", sagte er. Um so mehr zeugt es von Ignoranz, wenn das Wort "Manchesterliberalismus" noch heute zum Kampfbegriff entfremdet wird.

Aus “Richard Cobden”, Speeches on Public Policy, London.

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