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Tagliatelle alla George Bush
Von Volker Stollorz
Pressemitteilung vom 17.07.2003


Amerikas Präsident liebt Genfood. Bei ihm daheim wächst auch schon das passende Export-Getreide: manipulierter Weizen. Das Problem ist nur: Keiner will ihn haben.

Italienische Pasta hat viele Fans in Europa. Genweizen hat fast keine. Was das miteinander zutun hat? Eine Menge. Zunächst einmal ist Präsident George Bush ein Liebhaber gentechnisch veränderter Getreide. In Sachen Genfood will er Europa vor die Welthandelsorganisation zerren. Vergangene Woche verstieg er sich sogar zu der Behauptung, der alte Kontinent sei mit seiner zögerlichen Haltung schuld am Hunger der Welt. „Unehrlich und zynisch“ nannte der EU-Handelskommissar Pascal Lamy diesen Vorwurf: Der Zulassungsstau in Sachen grüne Gentechnik sei längst beseitigt.
Tatsächlich stimmte das EU-Parlament in zweiter Lesung über ein umfassendes Regelwerk ab, nach dem neue Genpflanzen künftig auch in Europa zum Verzehr freigegeben werden sollen – nach strenger Prüfung und mit umfassenden Kennzeichnungspflichten. Doch an diesen EU-Richtlinien schmeckt Bushs Beratern und der mächtigen amerikanischen Biotechniklobby die ganze Richtung nicht.
Hier kommt die Pasta ins Spiel. Deren wichtigster Rohstoff ist Hartweizengrieß, meist Durum-Weizen. Der wird zum Teil aus den Vereinigten Staaten und Kanada importiert. Dort wächst seit einiger Zeit versuchsweise auch ein Sommergetreide aus dem Genlabor, und zwar auf exakt 0,00006 Prozent der Gesamtbaufläche. Ein ursprünglich aus Bodenbakterien stammendes Stück Erbgut macht die Pflanzen, ähnlich wie Gensoja, unempfindlich gegen eine Giftdusche mit dem Totalherbizid Glyphosat. Die Farmer sparen dadurch Zeit und Geld, in die Umwelt gelangt weniger Unkrautvernichtungsmittel. Zudem muss der von Erosion bedrohte Ackerboden vor der Aussaat nicht mehr umgepflügt werden. Das sind Pluspunkte im knallharten Weltmarkt für Pflanzenrohstoffe. Auch deswegen hat die Firma Monsanto nun die Zulassung für den kommerziellen Anbau in Nordamerika beantragt.
Im Frühjahr nächsten Jahres schon könnten die Pläne mit behördlichem Segen in die Tat umgesetzt werden. In Hinblick auf Europa erwägt Monsanto zumindest einen Zulassungsantrag für den Import. Weizen, das wichtigste Lebensmittel der Welt, soll der grünen Biotechnik endlich den Weg auf die Teller bahnen.
Umfragen zeigen allerdings: Europäer sind da nach wie vor stur.
Sie wollen weder genmanipuliertes Brot essen noch gentechnisch verändertes Tomatenmark unter ihre Pasta mischen. Jeder Weizenlieferung nach Europa liegt heute ein Zertifikat bei, auf dem der Exporteur garantiert, dass seine Ware keine gentechnisch veränderten Organismen enthält.
Monsanto hat sich in einem öffentlichen Gelöbnis inzwischen sogar verpflichtet, den Genweizen selbst im Falle einer Zulassung nur dann anzubauen, wenn die Welt ihn wirklich will. Die Vorsicht hat gute Gründe, und Präsident Bush kennt sie: Amerikas Farmer fürchten sich vor den unkalkulierbaren Folgen, die ein Anbau von Genweizen nach sich ziehen könnte. Der mächtige „Canadian Wheat Board” (CWB), eine Art Marketingagentur für Weizenexporteure, kennt die Stimmung unter den Landwirten genau. Er forderte die Firma Monsanto vergangene Woche ultimativ auf, den Antrag für den neuen Genweizen auf der Stelle zurückzuziehen. Am Mittwoch erklärte der Chef der Organisation auf einer Weltgetreidekonferenz in London, man werde „jede für notwendig erachtete Aktion“ erwägen, um die Zulassung der neuen Gensaat zu stoppen.
Starke Worte, die man so eigentlich nur von Organisationen wie Greenpeace erwartet. Offenbar glauben amerikanische Farmer: wer zuerst anbaut, verliert seinen Absatzmarkt. Es geht ja auch um viel. Allein das CWB exportiert Weizen im Wert von über vier Milliarden Dollar jährlich. Die Vereinigten Staaten führen knapp die Hälfte ihrer Hartweizenernte aus, immerhin fünf Prozent davon landen in Italien, als Rohstoff für Pasta, Brot und Mehl. Und nicht nur italienische Importeure beteuern, keinerlei Verunreinigungen mit gentechnisch belasteter Ware zu tolerieren. Was genau darunter zu verstehen ist, wird zwischen Europäischen Ministerrat und Parlament heftig diskutiert. Zum Beispiel die Frage, ob 5 oder 9 genveränderte Weizenkörner pro 1000 als Schwellenwert gelten sollen.
Entscheidender aber wäre die Frage, welche erkennbaren Risiken denn überhaupt in den Körnern stecken? Strenggenommen eignet sich der Monsanto-Weizen kaum für Horrorszenarien. Schon dafür, dass Gensojabohnen, die dasselbe Stück Erbgut wie der neue Weizen tragen, häufiger als konventionelle Sorten Allergien auslösen, gibt es bislang keinerlei empirische Belege. Aber das könne ja noch kommen, argwöhnen Kritiker. Und weisen auf ökologische Risiken hin, etwa auf die Gefahr der Auskreuzung. Das Potential des Selbstbestäubers Weizen, sich mit wilden Verwandten zu kreuzen, ist allerdings deutlich geringer als bei Raps oder Mais. Selbst der Pollenflug in benachbarte Weizenfelder dürfte, anders als beim Gen-Raps, fast immer nach wenigen Metern beendet sein. Dass das Auftauchen eines fremden Gens in einer Wildpopulation schon als Verstoß gegen die „evolutionäre Integrität“ zu werten ist, darf bezweifelt werden. Solcher Genfluß an sich ist kein Schaden, sondern nur eine Komponente der von Fall zu Fall komplexen Risikobewertung. Bliebe noch die Gefahr, dass durch illegitimen Pflanzensex neue „Superunkräuter“ entstehen. Immerhin machen invasive Pflanzen der Landwirtschaft schon heute zu schaffen. Allerdings gilt auch für transgene Unkräuter: sie wären eben Unkräuter, keine Killertomaten.
Notorische Kritiker fechten solche Argumente wenig an. Im Haus von Verbraucherministerin Renate Künast spielt Wissenschaft beim Streit um die grüne Gentechnik eher eine Nebenrolle. Man sorgt sich dort mehr um den Schutz des Ökolandbaus. In einem aktuellen Entwurf zur geplanten Novelle des deutschen Gentechnikgesetzes heißt es zur Begründung eines neuen Haftungsparagraphen wörtlich:
Eine „Sachbeschädigung“ könne auch in einer bloßen „Sachveränderung ohne Gefahren für die menschliche Gesundheit oder die Umwelt liegen“. In solchen Sätzen liegt zwar kein Körnchen Risiko mehr, aber sie eignen sich ideal, um den Anbau von Genpflanzen gesetzlich zu tabuisieren. Das spürte auch der Konzern Syngenta, der im Frühjahr erstmals in Deutschland einen pilzresistenten Genweizen testen wollte. Der Freilandversuch kam nicht zustande, Geenpeace hatte auf dem vorgesehenen Acker aus Protest vorsorglich Ökoweizen ausgesät.

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