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GAS-PIPELINES der Russen zerschneidet Sachsen
Pressemitteilung vom 12.07.2007


Die Ostseepipeline, die Altbundeskanzler Gerhard Schröder 2004 in seinen letzten Amtshandlungen mit Rußlands Präsident Wladimir Putin aushandelte soll ab 2010 russisches Erdgas nach Deutschland liefern. Ein ganzes Netz neuer Leitungen muß zur Verteilung entstehen. So werden auch quer durch Sachsen Röhren verlegt - auch durch Coswig, wie die Sächsische Zeitung berichtet. In der Kleinstadt im Elbtal leben 22.000 Menschen. Jetzt kam ein Brief von Oberbürgermeister Michael Reichenbach, daß ein Tochterunternehmen des russischen Megakonzerns Gasprom den Bau einer neuen Gaspipeline mitten durch das Coswiger Gebiet plane.

In weniger als vier Jahren sollen 27,5 Millionen Kubikmeter Erdgas jährlich über die Hauptleitung nach Deutschland strömen. Ein ganzes Netz neuer Pipelines ist erforderlich. Die erste ist die 480 Kilometer lange OPAL-Röhre, die von Greifswald bis ins Erzgebirge führt. Eine der betroffenen Gemeinden ist Coswig. "Die Pipeline verläuft direkt neben bewohnten Häusern", schimpft Oberbürgermeister Reichenbach. "Was ist, wenn da mal was hochgeht?" Geplanter Baubeginn ist schon im nächsten Jahr, pünktlich zur Inbetriebnahme der Ostseepipeline 2010 soll die Leitung fertig sein.

Zwei Jahre später folgt dann die NEL-Röhre, berichtet SPIEGEL ONLINE. Sie führt von Greifswald quer durch Norddeutschland bis nach Bremen. Langfristig soll die NEL russisches Gas bis nach England transportieren. Gebaut und betrieben werden beide Leitungen von dem Unternehmen Wingas, einem Konsortium aus der BASF-Tochter Wintershall und dem russischen Gasprom-Konzern. Geplante Investitionssumme: 1,9 Milliarden Euro.

"Das sind enorme Eingriffe in die Natur", sagt Arndt Müller vom Umweltverband BUND in Mecklenburg-Vorpommern. Generell habe er zwar nichts gegen Erdgas. "Von allen fossilen Energieträgern ist es der emissionsärmste." Den Bau der neuen Leitungen aber müsse man "sehr genau beobachten".

Die Skepsis kommt nicht von ungefähr. Denn die Pipelines verlaufen quer durch die Mecklenburgische Seenplatte - ein landschaftlich und touristisch hoch sensibles Gebiet. Nach den bisherigen Plänen, die SPIEGEL ONLINE vorliegen, soll die OPAL allein in Mecklenburg-Vorpommern sieben Kilometer Vogelschutzgebiete, vier Kilometer Landschaftsschutzgebiete und 13 Kilometer Trinkwasserschutzzonen durchlaufen. Außerdem sollen "zirka 52 Fließgewässer" gekreuzt werden.

Sehen wird man die 1,40 Meter dicke Pipeline zwar nicht, da sie unterirdisch verlaufen soll. Allerdings muss zu ihrem Schutz eine zehn Meter breite Schneise baum- und strauchfrei bleiben - für Naturfreunde kein schöner Anblick. Während der Bauphase wird sogar ein 36 Meter breiter Arbeitsstreifen benötigt. Auf ihrer Gesamtlänge nimmt die OPAL damit eine Fläche von 1700 Hektar ein, so viel wie 2400 Fußballfelder.

Die Verursacher der ganzen Aufregung halten sich bedeckt: Das Betreiberkonsortium der Ostseepipeline mit dem Namen Nordstream, in dessen Aufsichtsrat Altkanzler Schröder sitzt, will sich zu der Anbindung an Land nicht äußern. Das Unternehmen mit Sitz im Schweizer Steuerparadies Zug verweist lediglich auf die Vorzüge der neuen Gasversorgung: Westeuropa werde unabhängiger von Transitländern. Für die Leitungen auf deutschem Boden hingegen sei ausschließlich Wingas zuständig.

Dort betont ein Sprecher, man lege größten Wert auf die Einhaltung der gesetzlichen Umweltstandards. "Der Verlauf von Erdgas-Fernleitungen wird immer mit Ländern und Gemeinden abgestimmt", verspricht Wingas in einem Prospekt. "Nach Fertigstellung der Pipeline ist von den Trassenarbeiten nichts mehr zu sehen."

Naturschützer beruhigt das nicht. Schon die Stelle, an der die Ostseepipeline an Land kommen soll, ist höchst umstritten. Offiziell sind mehrere Varianten im Gespräch, tatsächlich dürfte es jedoch auf einen Punkt drei Kilometer nordöstlich von Lubmin in der Nähe von Greifswald hinauslaufen. "Das heißt, die Pipeline führt mitten durch den Greifswalder Bodden", sagt Meeresbiologin Iris Menn von Greenpeace. Das Areal ist ein Natura-2000-Gebiet, das unter dem besonderen Schutz der Europäischen Union steht. "Aus ökologischer Sicht ist das äußerst bedenklich."

Noch größer ist der Protest im Dorf Moeckow, wenige Kilometer von Lubmin entfernt. Hier soll ein überdimensionaler Gasspeicher entstehen. Dazu will der Energieversorger EWE einen bis zu 1000 Meter tiefen Salzstock mit Wasser ausspülen, um in dem Hohlraum anschließend Gas zu lagern. Direkt hat EWE mit der Ostseepipeline zwar nichts zu tun. Ohne die Leitung würde man den Speicher aber nicht bauen, sagt ein Sprecher.

Das Problem sind die gewaltigen Mengen Salz, die bei der Prozedur anfallen - im Gespräch sind 17,6 Millionen Tonnen. Nach bisherigem Planungsstand soll das Spülwasser einfach ins Meer fließen - laut Greenpeace droht ein ökologisches Desaster. "Die Ostsee ist von Natur aus sehr salzarm", sagt Meeresbiologin Menn. Wenn die Küstengewässer mit hochkonzentriertem Salzwasser vermischt würden, dann verändere dies "das gesamte Ökosystem".

Bei EWE hält man die Befürchtungen für "maßlos übertrieben". Derzeit laufe die Umweltverträglichkeitsprüfung, erklärt das Unternehmen, danach könne man weiter sehen.

Verschärft wird das Problem noch durch ein Gaskraftwerk, das direkt bei Lubmin gebaut wird. Zusammen mit einem ebenfalls geplanten Steinkohlekraftwerk hat es einen enormen Bedarf an Kühlwasser. "Der Greifswalder Bodden wird zur Industriekloake", warnt Jochen Lamp vom Ostseebüro des WWF. Denn das Kühlwasser werde sich in den Kraftwerken erhitzen und anschließend in die Ostsee geleitet. Dabei werde es sechs bis acht Grad wärmer sein als das Meerwasser.

Auch in Sachsen formiert sich der Protest. Beim Regierungspräsidium Dresden sind mehrere Stellungnahmen von Bürgern und Gemeinden eingegangen. Einhellige Meinung: Die Pipeline schafft nur Probleme - sei es im Bergbau, bei Windrädern oder in der Landwirtschaft.

"Die Leitung will hier keiner haben", schimpft Bauer Matthias Grosser aus Coswig. Die OPAL soll seine Obstplantage auf einer Länge von dreieinhalb Kilometern durchschneiden. Erst vor vier Jahren hatte der Landwirt Sauerkirschen gepflanzt, nun müssen sie gefällt werden. Auch Grossers Aronia-Sträucher, an denen seltene Beeren zur Saftherstellung wachsen, sollen den Baufahrzeugen weichen. "Ein einziger Schwachsinn", empört sich der Landwirt.

Aus den verantwortlichen Unternehmen war noch niemand vor Ort, weder auf Grossers Plantage noch im Coswiger Rathaus. "Die entscheiden einfach anhand von irgendwelchen Karten", sagt der Obstbauer. Eine Entschädigung sei ihm noch nicht angeboten worden.

Oberbürgermeister Reichenbach versucht nun, zu vermitteln. Eigentlich sei er selbst gegen die Pipeline, sagt der Rathauschef, aber aufhalten könne man sie ohnehin nicht. "Es muss wohl sein. Wenn man Erdgas will, braucht man auch Leitungen."

Grosser dagegen will das nicht einsehen. "Ich hab' einen Holzofen", sagt der Landwirt trotzig. "Ich brauche kein Gas."



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