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Der Mann, der brannte
Greenpeace verliert Verleumdungsprozess
Alles an Oskar Brüsewitz war unkonventionell: Pfarrer, Bauer, christliches PR-Genie in der DDR-Provinz. Im Sommer 1976 verbrannte er sich selbst. Pfingstsonntag wäre er 75 geworden
von Karsten Krampitz Pressemitteilung vom 03.07.2004


Ein NVA-Soldat sollte später zu Protokoll geben, den Pfarrer noch gesehen zu haben an jenem Mittwoch, dem 18. August 1976, in Zeitz. An der roten Ampel sei das gewesen, gegen 10.15 Uhr. Aus dem Autofenster habe er Brüsewitz rufen hören: "Halleluja!" Kurz darauf stellte der Pfarrer seinen Wartburg-Kombi vor der Fußgängerzone ab, direkt gegenüber der evangelischen Michaeliskirche. Zu beiden Seiten des Wagens brachte er Transparente an. "Funkspruch an alle... Funkspruch an alle... Die Kirche in der D.D.R. klagt den Kommunismus an! wegen Unterdrückung in Schulen an Kindern und Jugendlichen."
Die Glocken der Kirche begannen zu läuten. Laut, in monotonem Rhythmus übertönten sie bald jedes Gespräch auf dem Platz. Der Mann im Talar nahm eine 20-Liter-Milchkanne in beide Hände, goss das Benzin daraus über seinen Körper und zündete sich an. Wie eine Verpuffung habe es geklungen. Einem Bericht der Magdeburger Kirchenleitung zufolge entstand "eine furchtbare Stichflamme". Etwa 100 Menschen sammelten sich, sie riefen nach Feuerwehr und Polizei, während der Brennende noch einige Meter lief. Die Leute wichen ihm aus. Jemand stellte ihm ein Bein. Ein Busfahrer stürzte mit einer Decke auf ihn zu, schrie "Hau dich hin!" und wälzte ihn auf dem Boden, bis das Feuer erstickt war. Wenige Tage später erlag Oskar Brüsewitz im Krankenhaus seinen Verletzungen.
Die Selbstverbrennung des Pfarrers ist nahezu ganz aus dem historischen Gedächtnis verschwunden. Die DDR ist Geschichte. Nicht aufgearbeitet, aber zur Genüge aufbereitet und verklärt. Warum also sollte man sich seiner erinnern?
Dabei hatte es nach dem Mauerbau kein anderes Ereignis gegeben, das die Menschen beider deutscher Staaten gleichermaßen beschäftigte.
Das Medienecho dieser Tage ist allenfalls vergleichbar mit der Biermann-Ausbürgerung im November desselben Jahres. Wie auch immer man heute seine Tat bewerten mag, auf jeden Fall hatte Brüsewitz für sein Anliegen eine Öffentlichkeit hergestellt, wenn auch auf tragische Weise - in einem Land, in dem es keine Öffentlichkeit gab. Es gab öffentliche Gebäude, einen öffentlichen Rundfunk, aber keine Sphäre der Kritik. Die SED erhob Anspruch auf die gesamte Gesellschaft - auch auf jenen Bereich, der sich ihrer unmittelbaren Kontrolle entzog: die Kirche.
Eine gewisse Autonomie wurde ihr zugestanden, das öffentliche Leben jedoch trug ausschließlich repräsentativen Charakter. Aus dem sozialistischen Alltag hatten sich die Kirchen herauszuhalten.
Brüsewitz unternahm über Jahre hin das genaue Gegenteil. Wie kein anderer verstand er es, als Pfarrer den öffentlichen Raum in Anspruch zu nehmen. In Rippicha, seinem Dorf, hing am Kirchturm ein Neonkreuz. Vier Meter hoch und zwei Meter breit, strahlte es nachts weit über die Fernverkehrsstraße von Gera nach Zeitz. Als sich die Behörden bei ihm beschwerten, habe der nur mit den Schultern gezuckt. Wenn ein Kombinat auf seinem Schornstein einen roten Stern anbringen könne, dann dürfe er wohl ein Kreuz haben. Auf den Einwand, es müsse Energie gespart werden, teilte der Pfarrer mit, er habe bei sich daheim "schon Birnen herausgeschraubt".
Anders als das "Neue Deutschland" nach seinem Tod berichtete, ist Brüsewitz nie ein religiöser Fanatiker gewesen. Freunde beschreiben ihn als einen streitbaren Christen, der von sich sagte: "Ich habe nicht viel Zeit, jedem, dem ich begegne, muss ich Christus bezeugen, damit mich keiner bei Gott verklagen kann, ich hätte es ihm nicht gesagt."
In seinem Pfarrsprengel bei Zeitz, zu dem sechs Dörfer gehörten, war Brüsewitz nicht bei allen beliebt, von vielen aber geachtet. Dass ein Pfarrer wie die einfachen Menschen einen Acker bestellt und Vieh hält, so etwas hatte man vorher nicht gekannt. Auch nicht seine Art zu predigen.
Einmal ließ er zu Pfingsten eine Taube fliegen, um den göttlichen Geist bildhaft zu machen. Erzählt wird auch, dass er zum Gottesdienst ein Telefon mitbrachte, zu Psalm 50,15: "Rufe mich an in der Not, so will ich dich retten!" An Heiligabend stand sogar ein echtes Lamm neben der Krippe, das er dann einer bedürftigen Familie schenkte. "Er war ein guter Mensch", heißt es über ihn.
Seine Fürsorge galt vor allem den Kindern und Jugendlichen, abseits von FDJ und Jugendweihe.
Mit den Kindern spielte er oft Fußball, nicht selten "DDR gegen Deutschland". Bei einem Fest auf dem Kirchengelände verschenkte er Dutzende Kaninchen. "Wer jetzt noch kein Kaninchen hat", rief er, "begebe sich bitte umgehend in die Kirche!" Binnen Minuten waren darin alle Bänke besetzt, der Pfarrer aber besaß nur noch ein Exemplar. "Natürlich weiß ich, dass viele kein Kaninchen mehr bekommen haben. Das tut mir Leid. Ich werde mal mit dem Bock hier reden, ob sich da was machen lässt."
Heute würde man Brüsewitz ein PR-Talent nennen. In einer Zeit, da Christen in der DDR eine belächelte Minderheit waren, wurden in seiner Dorfkirche bis zu 150 Leute gezählt. Wenn in seiner Predigt wieder einmal der Satz fiel: "Es ist zwar ein heißes Eisen, aber es muss doch gesagt werden ..." - dann wusste man, jetzt kommen Themen zur Sprache, von denen man auch gern in der Zeitung lesen würde. Dabei war Brüsewitz keinesfalls ein Antikommunist, wie lange behauptet wurde. Der Kommunismus war für ihn eine atheistische Religion mit falscher Heilserwartung. "Wir warten nicht auf den Kapitalismus oder den Kommunismus", war sein Credo, "sondern auf das Reich Gottes."
Seinen Stil wird nicht jeder Pfarrkollege geteilt haben. Die Theologie als eine zweifelnde Wissenschaft war seine Sache nicht, eher schon die Inspirationslehre, wonach sich der Heilige Geist den Menschen unabhängig von deren Willen offenbart.
Und an Inspiration hat es Brüsewitz nie gefehlt.
Noch heute erinnert man sich in Rippicha an seinen "Schilderkrieg". Als im Dorf überall Plakate hingen: "25 Jahre DDR", da stand auf seiner Pfarrei ein Transparent: "2000 Jahre Kirche Jesu Christi!"
Wieder und wieder überschritt Brüsewitz die Grenzen des kirchlichen Raumes. "Ich habe dasselbe Recht wie die SED." Als die Partei im Sommer 1975 die Ernteparole ausgab: "Ohne Gott und ohne Sonnenschein fahren wir die Ernte ein!", fuhr er mit einem Pferdewagen durch die Straßen und mit der Losung: "Kirche in Not - ohne Regen, ohne Gott geht die ganze Welt bankrott."
Doch je radikaler Brüsewitz öffentlich in Erscheinung trat, umso schwerer war es seiner Gemeinde, ihm zu folgen. Und er entfremdete sich zunehmend der Kirchenführung. Im Magdeburger Konsistorium waren seine Aktionen lange Zeit toleriert worden. Der staatliche Druck aber, Brüsewitz endlich zur Räson zu bringen, wurde immer stärker. Die Staatsanwaltschaft ermittelte, das MfS lancierte Briefe, in denen sich anonyme "Christen" über Brüsewitz beschwerten.
Überhaupt war man bei der Stasi nicht untätig geblieben. Dass Brüsewitz ein schwaches Herz hatte, war bekannt. Die anonymen Drohanrufe, wie auch die Brandstiftung in seiner Scheune werden ihn schwer belastet haben. Er komme sich wie in einer "Kesselschlacht" vor, sagte er. Die Kirchenleitung drängte ihn jetzt, einem Pfarramtswechsel zuzustimmen. Mit seinem Flammentod kam er dem zuvor.
Wenngleich seine Beweggründe immer umstritten waren, so stand doch außer Frage, dass es sich um keinen Suizid gehandelt hat. Die Reminiszenz an die Selbstverbrennung von Jan Palach, 1969 in Prag, erschien zu deutlich. Zudem hatte Brüsewitz weder ein "Nervenleiden" noch im Privatleben Probleme, die ein solches Handeln erklärten. Auch das angespannte Verhältnis zu seinen Vorgesetzten kann unmöglich der Auslöser gewesen sein.
Oskar Brüsewitz, der noch Krieg und Gefangenschaft erlebt hatte, der sich den Propheten im Alten Testament nahe fühlte und seinen Kirchenkreis "im Sturm erobert" zu haben glaubte, der von Jesus gern als seinem "General" sprach - am Ende fühlte er sich getrieben und gehetzt. Womöglich wollte er aus dem "Kessel", in dem er sich wähnte, ausbrechen.
Der Magdeburger Landesbischof Werner Krusche nannte seinen Tod später eine "brennende Anfrage" an die Kirche in der DDR. Der schmale Grat zwischen Opposition und Opportunismus hatte zu einer deutlichen Diskrepanz zwischen Kirchenleitung und Gemeinden geführt. Zwar durften Bischöfe und Kirchenräte problemlos Westreisen unternehmen, zugleich wurde aber der Tochter von Brüsewitz die Oberschule verwehrt, obwohl sie das beste Zeugnis im Kreis Zeitz vorweisen konnte.
Die Grenzen zwischen Diplomatie und purer Anpassung verliefen in jenen Tagen fließend. Während Manfred Stolpe, damals Oberkonsistorialrat, von einer "Solidaritätssituation mit dem Staat" sprach, so dieser von den Westmedien angegriffen werde, und die Kirchenoberen um Schadensbegrenzung bemüht waren, regte sich an der Basis der Protest. Die DDR-Presse hatte Brüsewitz als einen Menschen diffamiert, der "nicht alle fünf Sinne beisammen hatte".
Theologen wie Richard Schröder, der spätere SPD-Fraktionsvorsitzende in der Volkskammer, mahnten, Brüsewitz sei kein "armer Irrer" gewesen. Man wisse, "dass in unserem Staat wohl jeder zu essen, aber mancher schlaflose Nächte hat".
Deutliche Worte fand auch der Synodale Reinhard Höppner: "Selbst wenn Pfarrer Brüsewitz krankhafte Züge gehabt haben sollte, was würde das für die aufgeworfenen Probleme ändern?"
Eine Diskussion entbrannte - mit weit reichenden Konsequenzen für die "Kirche im Sozialismus". Wenn auch niemand die Art guthieß, wie Oskar Brüsewitz mit seinem Leben umgegangen war, zwang seine Tat doch zur Auseinandersetzung mit deren politischer Intention - bei Gottesdiensten, Synoden, Kirchentagen. Und genau das war im Sinne von Brüsewitz: Die Leute sollten Farbe bekennen!
Das Neonkreuz am Kirchturm in Rippicha blieb noch lange hängen. Von dieser Zeit an fanden mehr und mehr DDR-Bürger, zu den Verhältnissen in Widerspruch geraten, in den evangelischen Kirchen ein Forum und einen gewissen rechtlichen Schutz. Es sollte noch Jahre dauern, bis in diesen Räumen eine Gegenöffentlichkeit entstand, die schließlich nach draußen drängte, als der Ruf nach "Glasnost" - Offenheit - nicht mehr zu überhören war.

Der Schriftsteller Karsten Krampitz (35) wuchs in der DDR auf und lebt in Berlin.

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