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Mit Darwins Augen
Was den heutigen Forschern gut zu Gesicht stünde, lässt sich erst spüren, wenn man in die Miene des Begründers der Evolutionstheorie blickt
Durs Grünbein: In Bilder und Zeiten, FAZ
Pressemitteilung vom 28.06.2001


Der Gedanke an das Auge lässt mich am ganzen Körper erschauern“, schrieb Charles Darwin einmal. Der Satz kommt mit der Wucht alles Erstgedachten daher. Aus ihm spricht die jähe Einsicht in den Abgrund der Evolution. Wissen wir denn wirklich, wie es zu jenem Entwicklungssprung kam, der ein so komplexes Gebilde wie das Auge in die kosmische Gesamtordnung einsetzte? Erlischt das Staunen, sobald man in der ersten lichtempfindlichen Zelle den Urbaustein erkennt, auf dem zuletzt auch die Architektur des menschlichen Sehapparates beruht? Darwin hatte wohl etwas anderes gemeint. Er war wie so oft in Gedanken ein paar Jahrmillionenschritte zurückgetreten und hatte auf einen Blick das Wunderbare erfasst.

Das Auge
Mit dem Auge distanziert sich Natur von selbst und lernt sich betrachten. Erst mit der Befreiung dieses Organs von der reinen biologischen Zweckmäßigkeit beginnt die Moderne in der Naturgeschichte, das Kapitel der interesselosen Selbstergründung. Die Herausbildung des menschlichen Auges erst stiftet die Souveränität inmitten des Bios. Seine Funktion geht weit über die eines Frühwarnsystems hinaus, eines bloßen Instrumentes im Überlebenskampf. Im Kopf des Aufrechtgängers, an zentraler Stelle angebracht, hat es sich endgültig zum Gesichtssinn erweitert. Bis dahin war es fast ausschließlich Sinnesorgan gewesen, maßgeschneidert für Beutejagd, Freund-Feind-Erkennung und die Überwachung des Lebensraums. Primitiv im Falle des Tiefseefisches, eine Photozelle für den Restlichtempfang am Meeresgrund, von kristallgleicher Schönheit bei der Stubenfliege, ein Facettenauge so groß wie der ganze Insektenkopf, grotesk bei der glotzäugigen Flunder, wenn auch schon zur Pupille konzentriert, im Cockpit des Bussards ein wahres Präzisionsinstrument, schließlich der Entfernungsmesser, mit dem der Gepard sein Jagdwild fokussiert: Und doch blieb es quer durch die Schöpfung ein bloßer Sensor im Dienste des Organismus. Nicht so beim Menschen. Hier endlich hat sich das Auge vom Rest des Körpers emanzipiert. Die Sehkraft ist nur mehr Nebenfunktion in einem viel feineren Spiel. Wer wollte behaupten, dass die menschlichen Genitalien allein der Fortpflanzung dienten? Genauso ist auch das Auge auf dem vorläufigen Höhepunkt der Stammesentwicklung für sublimere (verfeinerte, ausgeklügeltere) Zwecke bestimmt. Mit ihm erst wird möglich, was die Philosophen seit alters her Wahrnehmung nennen. (...) Nimmt man das Auge als Teil des mimischen Apparates, so ist es noch vor aller Gestik und Sprache, die Grundlage des Ausdrucks.

Das Auge, nicht nur irgendein Körperglied, sondern die ranghöchste Schaltstelle vor dem Gehirn: jene Membran, an der sich die Innen- und Außenwelt, Impression und Expression spiegeln, eine physiologische Wasserscheide also, und das nicht nur we-en der Tränen.

Ein Fenster in die Seele
In seinem Buch über die „Expression der Gefühle bei Menschen und Tieren“ hat Darwin dieser Ausdrucksfunktion der Augen einige Abschnitte gewidmet. So über die Ursachen für das Verziehen der Augenbrauen, über die Sekretion der Tränen beim herzhaften Lachen und über das Weinen des Neugeborenen, das im Schmerz reflexartig die Lider zusammenpresst, um, wie es heißt, den Augapfel vor zu großem Blutandrang zu schützen. Auch wenn zu Darwins Zeit das Auge längst zum Organ profanisiert war, dem nicht mehr Theologie, sondern nur mehr Physiologie beikam, so war sein Ruf als Fenster der Seele doch immer noch populär. Nicht nur den unverbesserlichen Dichtern galt es als jenes Schloss am Sesam, der sich wie auf ein Zauberwort – mit einem Augenaufschlag – öffnete, bereit für die Wunder aus Tausendundeiner Nacht: jener da draußen in der unabsehbaren Welt in all ihrer Vielfalt und jener im Inneren, wo solche Vielfalt ein zweites All erzeugte. Ein Universum, von dem der altersblinde Plotin meinte, es habe immer schon in uns bereitgelegen als Himmel der Metaphysik. (...)

Der Mann, der sich das Auge erst einmal ansah
Das Darwinsche Denken dagegen bewegt sich am anderen Ende der Skala. Seine Berufungsinstanz ist das Auge. Es bleibt der Materie verpflichtet, ihrer verwirrenden Vielfalt und Variabilität. (...) Das eine, dort als Konzept aus dem Geiste der Theorie, hier als dynamische Formel der Biologie, als Perzept (also der sinnlichen Wahrnehmung) zur Erklärung der Stammesentwicklung vom niedersten Einzelzeller bis hin zum Menschen mit jenem sonnenhaften Auge, das Goethe so faszinierte. Dabei blieb Darwin bei seinen Spekulationen mit beiden Beinen fest auf dem Erdboden. Der Mann, der ganze Bücher schrieb über das Korallenriff oder die Ackererde (genauer gesagt: über den Anteil der Regenwürmer an ihrer Bildung), verlor nie den Boden der Empirie (des Erfahrungswissens) unter den Füßen. (...) Dennoch verliert er im Blick auf das Allgemeine, nie die abweichende Form eines Farnblatts, das insulare Milieu einer endemischen (einheimischen) Finkenart, die Spezifik in jedem einzelnen Meisterwerk der Natur, gleich, ob daumennagelgroß oder vom furchteinflößenden Format des indischen Elefanten. (...) Entscheidend blieb immer der Augenschein, er hatte das letzte Wort. Seit Aristoteles und der Naturgeschichte des Plinius hat Zoologie, die Lehre von den animalischen Lebensformen, sich aus der Betrachtung entwickelt. Das griechische „zoon“ bezeichnet beides: Geschöpf und Bild, Tier und Gemälde.

Verlust durch Nichtgebrauch
Ein eindrucksvolles Beispiel für Darwins bildhaften Stiel ist die Erwähnung der Krabben im fünften Kapitel der „Entstehung der Arten“. Es dient dort als Beleg für die Gesetze der Abänderung, wie sie bei der natürlichen Zuchtwahl und im Prinzip der Verkümmerung mancher Organe infolge Nichtgebrauchs zum Ausdruck kommen. „Bei einigen Krabben ist der Augenstiel noch vorhanden, obgleich das Auge verloren ging; das Teleskopgestell ist noch da, wenn auch das Teleskop mit seinen Gläsern dahin ist. Da selbst unnütze Augen für die im Finstern lebenden Tiere schwerlich schädlich sein können, so mag ihr Verlust wohl auf Nichtgebrauch beruhen.“ (...)

Sie stützen die These von der evolutionären Sparpolitik. Den Krabben erging es wie jenem Autobus, der, seiner Räder beraubt und auf einem Sockel aus Ziegeln gelagert, zur komfortablen Unterkunft wurde in irgendeinem Elendsviertel der Dritten Welt. Erst nach Vergleich vieler Einzelbeobachtungen, nach fortwährendem, geduldigen Anschauungsunterricht, hat Darwin den Sprung zu den kühnsten seiner Hypothesen gewagt. Ohne ein Maximum an biologischer Ikonographie hätte er schwerlich die weitreichenden Schlüsse ziehen können, die uns bis heute beschäftigen. Die berühmte Entwicklungslehre ruht auf einem soliden Fundament, auf augenscheinlichen Indizien, Geographie, Paläontologie und vergleichender Physiologie. Ohne sie wäre die Revolution der Genetik wohl kaum in Gang gekommen. Das heißt, ohne den Schauder des Gelehrten beim Gedanken an das Auge hätte es nie die Suche nach dem Genom gegeben. Selten ist eine wissenschaftliche Theorie derart folgenreich gewesen. Ebenso beweiskräftig wie populär kam sie dem Zeitalter mit seiner Fortschrittsgläubigkeit als Ideologie wie gerufen. Und bald wurde mehr daraus. Dank solcher Vorarbeit lässt sich heute in Natur investieren. Aus der Biologie ist ein lukrativer Industriezweig geworden, Anreiz für Forscher im Dienste von Unternehmen. In Darwins Notizbüchern findet sich eine Bemerkung, die damals noch arglos klang. Heute lässt sie sich nur noch ironisch lesen: „Hoffnung ist das erwartungsvollste Auge, das auf einem entfernten Objekt ruht, aufgehellt und befeuchtet durch Gefühl.“ Gewiss wäre Darwin, allein auf Beobachtung gestützt, niemals so weit gekommen. Entscheidend war die kriminalistische Kombinatorik, sein synoptischer (übersichtlicher) Blick, der ihm die weitreichenden Interpretationen erlaubte. Und doch ist Beobachtungsgabe die Vorraussetzung für triftige Vergleiche. Erst die Fixierung aufs abgelegene Objekt, vielleicht sogar auf das Unsichtbare, spürt im Gestöber der Merkmale die verborgene Reihe auf. Der Blick vertieft sich ins Exemplarische, aber er macht zum nächsten, nein, zum allerentferntesten Beispiel überzugehen. Die internationale Betrachtungsweise stößt unter lauter lokalen Zusammenhängen auf das Gesetz der Serie. Darwins Auge funktioniere in dieser Hinsicht ganz wie das Auge des Kunstkenners, der aus einer Handvoll Scherben den Stil einer Epoche deduziert (ableitet, folgert), dem sich im Bruchstück das Abbild des Ganzen zeigt. Blinde Abstraktion und übereilter Synthesebetrieb werden nie auf den Grundriss stoßen, weil sie im Gewirr der Verzweigungen die Kreuzungslinien verpassen. Vor lauter Bäumen sehen sie immer nur Wald. (...) Aus dem Forschen „ad oculus“ (vor den Augen) ist ein prothetisches Prozessieren (ist die Lehre vom Kunstgliederbau) geworden, das unbarmherzige Ausleuchten der intimsten Bereiche von Mutter Natur, das ohne Manipulation nicht auskommt. Elektronische Sonden, Brutkästen und Kobaltkanonen haben den Mikrokosmos zur Kampfzone gemacht. Dem Rekognoszieren (Ausforschen) folgte der Angriffskrieg, die experimentelle Zertrümmerung der Substanz im Labor. Molekularbiologie und Gentechnik zeigen nun, was moderne Kriegführung heißt. Weitgehend unsichtbar, nur von wenigen Spezialisten in Schutzanzügen bezeugt, hat sich der Übergang von der Materialschlacht zur Schlacht um die Materie vollzogen. Müßig die Erinnerung an das glänzende Auge des Naturforschers. Man geht ins Museum, dreht seine Runden um die friedlichen Exponate, legt eine Gedenkminute ein, bevor man wieder hinaustritt in den szientifischen (wissenschaftlichen) Weltkrieg der Gegenwart. Da tut es gut, sich letztmals zu versenken in Darwins unbestechliche Augen. (...)

(Einfügung in Klammern – die Red.)

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