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Gehen wir Antikörper pflücken
Tiere und Pflanzen als Arzneifabriken: Langsam wird es ernst
Von Joachim Müller-Jung
Pressemitteilung vom 19.06.2003


Man kann den Protagonisten der nächsten Biorevolution die Ungeduld förmlich ansehen: Der wissenschaftliche Boden sei bereitet, die Praktikabilität geprüft und die Kostenersparnis von Wirtschaftsexperten beglaubigt. Warum also sollten auf dem Land nicht schon bald Kühe und Ziegen als arzneimittelproduzierende Bioreaktoren stehen und genetischveränderte Pflanzen die massenhafte Herstellung von Impfstoffen ermöglichen? Auf der „Achema“ in Frankfurt jedenfalls, einer der größten Chemietechnikmessen in Europa, schienen sich die „Gene-Pharming“ treibenden Biotechniker und Wissenschaftler jedenfalls schnell einig, dass die Arzneimittelbranche die Vorteile der neuen biotechnologischen Wunderwerke schnell erkennen wird. Mit gewaltigen Zahlenkolonnen wurde Überzeugungsarbeit geleistet.

Therapeutische Proteine
Wie diese Datenlawine am Ende angekommen ist, lässt sich nach den sporadischen Wortmeldungen nur schwer einschätzen. Jedenfalls haben die Zahlen deutlich gemacht, dass mit den transgenen Tieren und Pflanzen eine echte Konkurrenz zu den etablierten Bioreaktortechniken wie Bakterien- oder Zellkulturen heranwächst. Wie weit dieses beachtliche Wachstum im Bereich der Tiere gediehen ist, machte zuerst Heiner Niemann vom Institut für Tierzucht und Tierverhalten (EAL) in Mariensee deutlich. Seinen Nachforschungen zufolge werden derzeit weltweit an die zehntausend transgene Tiere – meistens Kühe, Ziegen oder Schafe – für die Produktion therapeutischer Proteine gehalten. Aus der Milch der Muttertiere werden jeweils die Wirkstoffe gewonnen. Der größte Anteil, knapp 5400 Tiere, fällt auf die Gewinnung des humanen Serumalbumins, des mengenmäßig wichtigsten Proteins im Blutplasma. Etwa 4300 Tieren wurde ein anderes, aus dem menschlichen Erbgut stammendes Gen für ein Plasmaprotein eingebaut – das Alpha-1-Antitrypsin. Und ein noch deutlich geringerer Teil der Tiere, 54 derzeit, ist für die Produktion der vielseitig in Diagnostik und Therapie verwendbaren monoklonalen Antikörpern gezüchtet worden.

Hundert Ziegen in GTC-Ställen
Gerade von den Antikörpern verspricht sich die Pharmabranche eine Menge. Derzeit sind neun Produkte auf dem Markt mit einem Gesamtumsatz von annähernd vier Milliarden Dollar weltweit. Ein Vielfaches davon erhofft man sich in den kommenden Jahren. Transgene Tiere oder Pflanzen freilich dürften vorerst nicht an der Bedarfsdeckung beteiligt sein. Bisher ist überhaupt noch kein Produkt aus Tier- oder Pflanzen-Bioreaktoren“ auf dem Markt.
Dan Couto von GTC Biotherapeutics in Framingham/Massachusetts (bis vor kurzem Genzyme Transgenics), einem von bisher nur drei kommerziellen Anbietern weltweit, kündigte an, dass das von rund hundert Ziegen in den GTC-Ställen gewonnene Antithrombin III, das erste zugelassene Medikament dieser Art werden soll. Im Frühjahr kommenden Jahres will man die Zulassung in Europa beantragen. Ein Jahr später soll der Gewebe-Plasminogenfaktor TPA und kurz darauf Alpha-1-Antitryopsin folgen. Alle drei Proteine befinden sich derzeit in Phase zwei oder drei der klinischen Versuche. Mit dem aus der Milch gewonnen Antithrombin sind nach angaben Coutos mittlerweile 175 Patienten behandelt worden ohne irgendwelche Kompligationen, wie er betonte.

„Essbare“ Impfstoffe
Auch was die Herstellung der begehrten Antikörpern angeht, gibt man sich optimistisch. Aus einem Liter Ziegenmilch könnten bereits fünf bis sechs Gramm gewonnen werden, was bei einer stattlichen Ziegenherde von 180 Tieren bald für die Herstellung von mehr als 300 Kilo pro Jahr reichen soll. Mit solchen Erträgen wäre es ein leichtes, die Kosten, die für den Betrieb von Zell- und Bakterienkulturen nötig sind, deutlich zu unterschreiten. Als noch viel kostengünstiger und effizienter hingegen, meinte Rainer Fischer vom Frauenhofer-Institut für Molekularbiologie und Angewandte Ökologie in Schmallenberg, könne sich die Produktion der therapeutischen Eiweiße in transgenen Pflanzen erweisen. Im Falle der Antikörper liege die Ersparnis gar bei einem Zehntel gegenüber transgenen Tieren und ein Hundertstel gegenüber herkömmlichen Kulturen. Die Erträge schwanken zwar oft gewaltig je nach Gewächs – Reis und Tabakeignen sich besonders für die Antikörperproduktion -, aber alles in allem sei „die Pflanze das optimale System“. Das ist bei der Herstellung von „essbaren“ Impfstoffen, die in Bananen, Kartoffeln oder anderen Früchten reifen, nicht anders: Zwanzig solcher Vakzine sind bereits weltweit in der Erprobung und in klinischen Versuchen. Aber letztlich sind wie bei den Arzneien von transgenen Tieren viele Fragen, was Sicherheit, Verträglichkeit und nicht zuletzt das Vertrauen der Öffentlichkeit angeht, noch längst nicht beantwortet.

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