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Korl-Morx-Stodt, no
Wie die SED vor fünfzig Jahren der alten Arbeiterstadt Chemnitz einen neuen Namen gab
Von Frank Pergande
Pressemitteilung vom 19.06.2003


Der sächsische Humor begegnete dem sperrigen Ortsnamen Karl-Marx-Stadt mit dem Hinweis, man sei aus der Stadt mit den drei „o“: Korl-Morx-Stodt. Die Chemnitzer Bundestagsabgeordnete Jelena Hoffmann, SPD-Mitglied und direkt gewählt, spricht sogar von der Stadt mit den vier „o“: „Korl-Morx-Stodt, „no“. Das hat deshalb einen besonderen Witz, weil Jelena Hoffmann Russin ist. Sie wurde einst von einem DDR-Studenten aus Moskau mit in dessen Heimat genommen und spricht ein russisch-sächsisches Deutsch, eine köstliche Seltenheit.

Unheilvolle Prägung
Frau Hoffmann ist mehr oder weniger zufällig nach Karl-Marx-Stadt gekommen, das früher Chemnitz hieß und seit 1990 wieder heißt. Das Russische aber hat die Stadt auf unheilvolle Weise geprägt. Genauer gesagt, das Sowjetische. Denn die Idee, Orte nach Personen zu nennen, die sich zwar im Klassenkampf hervorgetan, mit den jeweiligen Orten aber wenig oder gar nichts zu tun haben, kam aus der Sowjetunion. Dort gab es die Städte Leningrad und Stalingrad oder auch Frunse und Ordshonikidse.

Das „rote Chemnitz“
Chemnitz ist eine alte, einmal bedeutend gewesene Industriestadt, die es in ihren besten Zeiten auf mehr als dreihunderttausend Einwohner gebracht hatte. Chemnitz gilt als „Wiege des deutschen Werkzeugmaschinenbaus“. Von hier gingen Lokomotiven in alle Welt. Hier wurde für die Textilindustrie die Schiffchenstrickmaschinen erfunden, aber auch das Prinzip der Thermoskanne, die in der DDR bekannt gewordene Nähwirktechnik „Malimo“ oder das vollsynthetische Waschmittel „Fewa“.
Chemnitz war als Zentrum der Arbeiterschaft immer schon das „rote Chemnitz“. Hier gab es seit 1927 den ersten Karl-Marx-Platz in einer deutschen Stadt. Der baumbeschattete Platz ging verloren, als die gesamte Stadt nach Karl Marx benannt und auf sozialistische Weise aufgebaut wurde. Am 6. Mai lag es fünfzig Jahre zurück, dass aus Chemnitz Karl-Marx-Stadt wurde. Nicht die Bürger der Stadt hatten das so gewollt, sondern die SED. Es gab einen Beschluss des SED-Zentralkomitees.
Am 10. Mai sprach der damalige Ministerpräsident Otto Grotewohl in der neu benannten Stadt von einem „verpflichtenden Namen“ und den „revolutionären Traditionen der Arbeiterklasse“, die sich auch in der städtebaulichen Konzeption niederzuschlagen hätten. Es war die Zeit kurz vor dem Juni-Aufstand in der DDR. Die SED wähnte sich ihrer Macht sicher und nahm auf Andersdenkende und auch auf Traditionen keinerlei Rücksichten mehr.

Der gewaltige „Nischel“
In der DDR hat es eine ähnliche Umbenennung wie in Chemnitz noch in einem Dorf gegeben. Im Oderbruch in Brandenburg wurde aus Neu-Hardenberg Marxwalde. Karl-Marx-Stadt bekam seinen Namen als Zentrum der Arbeiterklasse. In Marxwalde jedoch ging es darum, den junkerlichen Namen in einen sozialistischen Dorf, in dessen Nähe außerdem ein großer Militärflugplatz lag, zu tilgen. Beide Orte haben ihren alten Namen inzwischen zurückerhalten. In beiden wurde zäh um die Marx-Büsten gekämpft. In Marxwalde ist es ein kleiner Marx-Kopf, sozusagen einer mit menschlichem Maß. In Chemnitz hingegen ist es der gewaltige „Nischel“, der sich sieben Meter hoch auf einem fünf Meter hohen Sockel tonnenschwer mitten in der Stadt erhebt. Der sowjetische Bildhauer Lew Kerbel schuf diese Plastik. 1971 wurde sie aufgestellt, Erich Honecker hielt die Festrede. Wenige Wochen zuvor war er der erste Mann in der Partei geworden. Kerbel hatte ein Dutzend Entwürfe vorgelegt, einer gewaltiger als der andere. Als der Nischel dastand, war auch ein Endpunkt der städtischen Umgestaltung in Karl-Marx-Stadt nach sowjetischem Vorbild erreicht. Nicht die Politik hatte sich geändert. Es fehlte der DDR einfach die wirtschaftliche Kraft, weiterzumachen.

Altes und Liebeswertes abgerissen
Chemnitz war am Ende des Zweiten Weltkrieges durch Luftangriffe stark zerstört worden. Der Wiederaufbau wurde Anfang der fünfziger Jahre unterbrochen, nachdem eine Delegation von DDR-Architekten die Sowjetunion bereist hatte, und wenig später die „Sechzehn Grundsätze des Städtebaus“ veröffentlicht wurden. Es folgte im September 1950 das Gesetz zum „Aufbau der Städte der DDR und Berlin“.
Entsprechend wurde in Karl-Marx-Stadt die Innenstadt gebaut, und aus Chemnitz wurde tatsächlich Karl-Marx-Stadt. Eine Stadt, in der das Alte und Liebeswerte abgerissen und ersetzt worden war durch Plattenbauten, viel zu breite Straßen und eben den maßlosen Marx-Kopf. Chemnitz wurde auf diese Weise wie vielleicht keine andere Stadt in der DDR nach dem Krieg ein zweites Mal zerstört. Es galt schon als Erfolg der Städteplaner, dass sie den vor dem Nischel geplanten endlos weiten Aufmarschplatz für Kundgebungen verhindern konnten.

Zur Strafe Urlaub in Chemnitz machen
Gegen soviel Elend half nur sächsischer Witz. Unter Architekten hieß es nach dem Ende der DDR, wer immer ein hässliches Bauwerk in die Welt setze, solle zur Strafe seinen Urlaub in Chemnitz verbringen müssen. Erst nach 1990 konnte aus der Innenstadt wieder ein Zentrum werden. Der Streit wogt heftig, ob das gelungen ist oder nicht, etwa durch die interessante Fassade des Einkaufszentrums am Roten Turm von Hans Kollhoff. Die Fassade wurde erst entworfen, als das Gebäude schon im Rohbau stand. „Mit einer Shopping-Center-Inszenierung wäre die Trostlosigkeit im Stadtzentrum weitergegangen“, kommentierte Kollhoff seine Arbeit.

„Ruß-Chamtz“
Was Chemnitz angetan wurde, ist aber weder mit Fassaden noch mit den Versuchen einer modernen großstädtischen Bebauung wiedergutzumachen. Als 1990 die Einwohner entscheiden sollten, ob es bei Karl-Marx-Stadt bleiben oder die Stadt wieder Chemnitz heißen solle nach dem Flüsschen, das den Ort berührt, war es vor allem die PDS, die mit dem uralten Namen von „Ruß-Chamtz“ aus der Zeit der Industrialisierung Stimmung gegen die Rückbenennung zu machen versuchte.

Das Aschenputtel
Unter den drei großen sächsischen Städten war Chemnitz im Vergleich zu Dresden oder Leipzig stets das Aschenputtel. Das Aschenputtel aus dem Märchen wurde die Prinzessin. Dass dies Chemnitz gelingen könnte, glaubte niemand. Auch wenn Oberbürgermeister Peter Seifert (SPD) pflichtgemäß von seiner Stadt schwärmt, sie sei das „erstaunlich grüne Tor zum ehemals silbernen Erzgebirge“. Zwei Wörter fallen an dieser gekünstelten Formulierung auf, die wenigstens ehrlich sind: „erstaunlich“ und „ehemals“.

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