• Anschrift:
    Bundesverband
    Deutscher Landwirte e.V.
    Dresdner Straße 46
    09526 Dittmansdorf
zurück

Das Indianer Projekt
Ortstermin: Rindermarkt in Herrenberg – und die Agrarwende?
Von Barbara Supp, Spiegel 24/2001
Pressemitteilung vom 15.06.2001


Also, da war die Sache mit den Indianern. Die brauchten Rinder, es ging um irgendein Land in Südamerika, war es Peru? Jedenfalls wollten die kleine, leichte Tiere, und Willi Armbruster und sein Bruder hatten sich was für den Export ausgedacht, nur ging das dann ja leider schief.
Willi Armbruster trägt grobe Hosen und schweres Schuhwerk und redet von Globalisierung, dabei blickt er sinnend auf den Auktionsring, die Kuhkälber sind dran und bringen nicht viel. Es ist Rindermarkt im schwäbischen Herrenberg, der erste, der erlaubt ist seit MKS, also hat er morgens in Freudenstadt-Frutenhof ein Kalb aus dem Stall gezerrt und hergekarrt, um zu sehen, ob sich hier was verkauft. Und um zu sehen, was los ist nach sechs Monaten Rinderwahn, nach fünf Monaten Künast, nach drei Monaten Angst vor der Maul- und Klauenseuche; was ist jetzt, mit der Zukunft der Landwirtschaft? Wendet sich da was? Sieht aus wie früher, bis auf die blaue Seuchenmatte, über die das Vieh zu trampeln hat als Schutz vor der Seuche; an den Wänden noch die alte Ordnung: „Soja-Schrot – seit 15 Jahren in der Fütterung bewährt!“ und „Lakto-Programm – das Milchleistungsfutter für Hochleistung!“. Da brüllen gut 400 Kälber, 37 Jungkühe, 21 Zuchtbullen durch den Stall, die Bauern führen ihr Vieh in den Ring, und der Auktionator spricht die alten Formeln: preist bei einem Bullen die „Melkbarkeit der Großmutter“, bei einer Kuh die „Euternote 8“; wie immer ist das, nur dass die Preise viel schlechter sind als im Vorjahr. Und unsichtbar ist dauernd die Ministerin mit im Raum: Renate Künast, die mit der Agrarwende. Merkt man was?
Die Frau Künast sagt: weg von der Massenproduktion, sagt: mehr Öko, sie sagt: Umweltschutz und solche Dinge, redet von Qualitätsprodukten und von dem Markt, den es dafür gebe. Dr. Hans Ableiter sagt dazu: „Frau Künast macht sich Illusionen“, und es ist nicht unwichtig, dass er das sagt. Er ist vom Landwirtschaftsamt Herrenberg und hat die Bauern darüber zu beraten, wie ihre Zukunft aussieht. Er sagt ihnen: „Die Leute zahlen eben nicht viel für ihr Fleisch. Geht nicht. Machen sie nicht. Und 20 Prozent Ökobauern? Vergesst es. Das kriegen wir nie.“
Gerade hat er wieder so einen Jungbauern in der Beratung, der hat 25 Milchkühe im Familienbetrieb, der fragt, wie er weitermachen soll, und was rät Dr. Ableiter dem? Er rät ihm: „Wachse, oder such dir was anderes.“ Wende? Das klingt wie früher. Ganz genau wie früher. Willi Armbruster, 54 ist er jetzt, erinnert sich noch gut an den landwirtschaftlichen Berater, der ihm einst gesagt hat: Aufstocken! Armbruster sagte: Gibt doch schon viel zu viel Milch in Deutschland. Der Berater sagte: Macht nichts, ein Bauer fragt nicht nach dem Markt.
Läuft irgendwas schief, findet Armbruster, der mit 14 aus der Schule musste, weil der Vater sagte, ich brauch dich auf dem Hof. Läuft etwas schief, das merkt man, auch wenn man studiert hat wie der Bruder, wenn man sich selbst seine Gedanken macht, wo denn die Zukunft liege für einen wie ihn. Im Weltmarkt? Oder im Öko-Stall? Er hat 55 Milchkühe und das Jungvieh dazu und ist Rasseausschussvorsitzender für Fleckvieh in der Rinderunion Baden-Württemberg und Mitglied der Körkommission. Er ist ein fortschrittlicher Mensch, das auf jeden Fall. Flüssig redet er von Dingen wie Embryo-Transfer, er kennt das, seiner Spitzenkuh „Alpenrose“ haben sie jüngst 28 Embryonen aus dem Leib gesaugt und in Leihmütter verpflanzt. 14 sind angewachsen, wurden 6 gute Bullen daraus und 8 prima Kühe. Und vom Bullen „Hexcar“, der auch aus seiner Zucht stammt, wurden schon mehr als 20.000 Dosen Sperma nach Brasilien verkauft.
Globalisierung. Embryo-Transfer. Klang gut, was die Berater sagten, auch sein Bruder redet ja gern von solchen Dingen, der ist ein wichtiger Mensch im Genossenschaftswesen in Bonn und reist viel in fremden Ländern herum. Mit dem zusammen hat er sich das damals ausgedacht, das Indianer-Projekt. Eine Hinterwälder-Kuh haben sie gekauft, ein hübsches Ding aus dem Schwarzwald; leichter als das Fleckvieh, genügsam und trittfest auch in den Bergen; genau richtig, dachten sie, für Südamerika. Die sollte in Frutenhof Embryonen ansetzen, die hätten sie dann den Indianern verkauft. Nur wollte das Tier leider nicht. Es war hübsch, aber renitent. Es ließ sich nicht melken, das Vieh, und so was vererbt sich ja, und da haben die nichts davon in Südamerika: Lauter schöne Kühe, und unten kommt keine Milch raus. Lassen wir’s hat er zum Bruder gesagt. „Die Indianer, die verfluchen dich sonst in 900 Jahren noch.“ Ein Bauer braucht Ideen. Und Mut. Inzwischen spukt Armbruster ja sogar schon das Wort „Öko“ im Kopf herum; wenn er jung wäre wie sein Sohn, dann würde er vielleicht – aber andererseits: Wem soll er glauben? Der Frau Künast, die so verlockend von der Biolandwirtschaft spricht? Oder ihrem Bodenpersonal, ihren Beratern vor Ort, von denen man als Bauer die alten Weisheiten hört: Wachsen oder Weichen, weltmarkttauglich sein? Er wehrt sich nicht gegen die Wende. Wartet sogar darauf. Und will jetzt endlich mal wissen, wohin er sich wenden soll.

zurück