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"Schindler gab es, Wiesler nicht"
Historiker Hubertus Knabe: "Das Leben der Anderen" zeigt ein falsches Bild der Stasi

Pressemitteilung vom 14.06.2007


Der Historiker Hubertus Knabe, Leiter der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen, gab der Leipziger Volkszeitung ein INTERVIEW, das wir ungekürzt veröffentlichen:

Dem Regisseur sei seine Story wichtiger gewesen als historische Genauigkeit, sagt der Wissenschaftler Hubertus Knabe über den Film "Das Leben der Anderen", der seit zwei Wochen in den Kinos gezeigt wird. In dem fast einhellig gelobten Streifen geht es um den Stasi-Mann Gerd Wiesler (Ulrich Mühe), der bei der Observation eines Schriftstellers die Seiten wechselt und sich mit dem Opfer solidarisiert. Einen solchen Fall habe es in Wahrheit nie gegeben, so der Historiker Knabe, der die Gedenkstätte für Stasi-Opfer in Berlin-Hohenschönhausen leitet.

Frage: Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck hat bei Ihnen nach einer Dreherlaubis gefragt. Er hat sie nicht bekommen. Warum?

Hubertus Knabe: Die Opfervertreter haben das kategorisch abgelehnt, weil ihre Erfahrung mit der Staatssicherheit diametral anders war: Niemand hat sie hier herausgeholt. Selbst der freundlichste Vernehmer hat seinen Häftling am Ende ins Gefängnis geschickt. Man kann einen Ort, in dem Menschen gelitten haben und den sie vielleicht im Kino wiedererkennen, nicht als Kulisse für einen Film missbrauchen, der so lässig mit dieser Vergangenheit umgeht.

Haben Sie weitere Beispiele für solche Lässigkeit bei der Darstellung der Stasi?

Die Geschichte dieses Films ist - leider - zu schön, um wahr zu sein. Er beschreibt, wie ein Stasi-Offizier bei der Observation seines Opfers die Seiten wechselt und infiziert wird vom Geist des "Feindes". Das hat es jedoch nicht gegeben. Der Regisseur war aber von dieser Idee nicht abzubringen.

Im Film hat sich Stasi-Hauptmann Wiesler gemütlich auf dem Dachboden eingerichtet, greift immer wieder in die Handlung ein ...

Absurd! Die Stasi war ein extrem durchkontrollierter Apparat. Kein Offizier konnte an seinen Vorgesetzten vorbei irgendwelche Maßnahmen durchführen. Selbst die Vernehmer wurden abgehört. Das Risiko für jede Art von Verrat war ausgesprochen groß.

Im Film muss Wiesler, nachdem aufgeflogen ist, dass er den zu Überwachenden geschützt hat, Briefe aufdampfen. Eine realistische Strafe?

Auf Verrat stand bei der Stasi bis 1987 die Todesstrafe. Die letzte Hinrichtung in der DDR betraf einen Stasi-Mitarbeiter. Er wurde verdächtigt, dass er dem BND einige Akten übergeben wollte. Erich Mielke schärfte seinen Generälen immer wieder ein, dass man mit Verrätern kurzen Prozess machen müsse.

Grund für die Überwachung im Film ist die Eifersucht des Kulturministers. Gab es vergleichbare Fälle?

Ein Kulturminister stand in der DDR-Hierarchie ziemlich weit unten. Er konnte einem Stasi-Offizier keine Aufträge erteilen. Schon gar nicht aus solchen Gründen, denn SED und Stasi waren extrem prüde. Wahrscheinlicher wäre der umgekehrte Fall gewesen: dass die Stasi auf Befehl Mielkes den Kulturminister überwacht. Auch sonst stimmt vieles nicht.

Was?

Der Film zeigt einen Stasi-Mann, den es so nicht geben konnte: Er führt den Operativvorgang. Er tippt - und dann noch auf dem Dachboden des Opfers - persönlich die Abhörprotokolle in die Schreibmaschine. Er ist an der Stasi-Hochschule als Dozent tätig. Und er führt schließlich auch noch Verhöre durch. In Wirklichkeit war das alles streng getrennt - deshalb funktionierte es auch so gut. Dem Regisseur war seine Story leider wichtiger als historische Genauigkeit.

Welche Wirkung befürchten Sie?

So fragt sich jeder, der ein bisschen von der Stasi weiß, ob denn das Andere stimmt. Bei guter Beratung wären diese Fehler vermeidbar gewesen.

Wir haben es hier mit Fiktion zu tun. Und im Melodram oder im Krimi etwa ist es doch üblich, dass Realität für einen guten Plot verfremdet wird. Darf man die künstlerische Freiheit hier nicht so weit fassen?

Jeder kann seine Filme so drehen, wie er will. Ich meine nur, dass dadurch die Glaubwürdigkeit des Films unnötig gelitten hat. Dass ausgerechnet der Stasi-Mann zum Helden wird, ist nicht nur historisch Quatsch, sondern relativiert auch die Botschaft des Filmes. Der Regisseur hat dies mir gegenüber mit dem Beispiel von "Schindlers Liste" begründet. Hier aber liegt genau der Unterschied: Herrn Schindler gab es, Herrn Wiesler nicht.

Warum gibt es offenbar diese Sehnsucht nach einer solchen Wandlung?

Wahrscheinlich ist es der Wunsch nach Entlastung - für den Filmemacher und den Zuschauer. Auf die Spitze getrieben wird das Ganze am Ende, als der bedauernswerte Stasi-Offizier nach dem Ende der DDR ein Buch des Schriftstellers sieht, das ihm "in Dankbarkeit" gewidmet ist. Dabei hatte er dessen Freundin in den Selbstmord getrieben!

Der Film wird von allen Seiten empfohlen, nicht nur, weil es ein spannender Film sei, sondern er Arbeit und Wirkung der Staatssicherheit veranschauliche. Ist es trotz der Mängel ein geeigneter Aufklärungsfilm für die Schulen?

Der Film bringt das Gefühl der Unterdrückung und der Angst sehr eindrücklich herüber - vor allem im ersten Teil. Er vermittelt aber zugleich den falschen Eindruck, dass es bei der Stasi offenen Widerstand gegeben hätte. Man sollte ihn deshalb nur zeigen, wenn man ihn auch zum Anlass nimmt, kritisch über den heutigen Umgang mit dem Thema zu sprechen. Diejenigen, die den Film so loben, sind vermutlich über die Arbeitsweise der Stasi nicht gut genug informiert.

Frau Birthler und Herr Gauck gehören auch zu den erklärten Fans des Films ...

Die müssten es eigentlich besser wissen. Wahrscheinlich sind sie jedoch froh, dass es zum ersten Mal überhaupt einen stasi-kritischen Kinofilm gibt.

Kann man beim filmischen Umgang mit der DDR-Geschichte von "Sonnenallee" über "Good Bye, Lenin!" bis zum "Leben der Anderen" von einer Entwicklung sprechen?

Da gibt es jetzt allerhand Theorien, die aus Zufällen historische Gesetzmäßigkeiten machen - und damit die Werbung der Produzenten nachplappern. Ich selbst bin da eher skeptisch.

Der Film könnte aber vielleicht andere Filmemacher dazu bewegen, sich ebenfalls kritisch mit der kommunistischen Diktatur zu befassen. Ich beklage zum Beispiel seit langem, dass es zwar zwei Filme über Sophie Scholl gibt, aber keinen einzigen über den Leipziger Studenten Herbert Belter, der 1951 dasselbe Schicksal erlitt wie die Geschwister Scholl ein paar Jahre zuvor: Er wurde hingerichtet, weil er illegal Flugblätter verteilt hatte.

Es gibt Berichte über ehemalige Stasi-Mitarbeiter, die jetzt auch bei Ihnen in der Gedenkstätte auftreten. Was ist da los?

Ehemalige Stasi-Offiziere, darunter ein Großteil der ehemaligen Generalität, machen seit längerem gegen eine kritische Aufarbeitung der Stasi-Tätigkeit mobil. Sie sind nicht nur im Internet und auf dem Buchmarkt präsent, sondern auch wohlorganisiert in verschiedenen Verbänden. Mittlerweile treten sie - wie unlängst in Hohenschönhausen - sogar bei öffentlichen Veranstaltungen massiv auf und verhöhnen dort die Opfer. Diese Schamlosigkeit widerlegt übrigens ebenso die Filmgeschichte vom Überwacher, der plötzlich sein Gewissen entdeckt. Selbst 16 Jahre nach dem Sturz der SED-Diktatur sind die meisten Stasi-Leute immer noch der Auffassung, dass sie kein Unrecht getan hätten.

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