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Vor 50 Jahren – der 17. Juni
Ministerrat erhöht die Normen, die Arbeiter sind empört
Von Lars-Broder Keil
Pressemitteilung vom 12.06.2003


Das war schon ein übler Streich, den der Ministerrat am 28. Mai 1953 seinem Volk spielte: „Die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik begrüßt die Initiative der Arbeiter zur Erhöhung der Arbeitsnormen (...) und kommt gleichzeitig dem Wunsche der Arbeiter, die Normen generell zu überprüfen und zu erhöhen, nach“, hieß es in einem Beschluss. Die Erhöhung sollte zehn Prozent betragen. Kein Wort, dass die „Initiative“ vom ZK der SED ausgegangen war. Die Arbeiterschaft reagiert gereizt: Eine Erhöhung der Normen und das angeblich auf ihren Wunsch hin? Noch am gleichen Tag kam es in mehreren Orten der DDR zu Streiks.

Unter Vorkriegsniveau
Die Forderung nach einer Normerhöhung durch den Staat war nicht ganz unberechtigt. Nach dem Krieg war die Arbeitsproduktivität durch Desorganisation, Reparationen und Überschuss an Beschäftigten beträchtlich gesunken. Das galt auch für die Normen, die vor allem auf den Erfahrungswerten der Meister und Betriebsleiter fußten. Im Mansfelder Kupferbergbau lagen diese Richtwerte nur bei 70 Prozent des Vorkriegsniveau. Technisch begründete Arbeitsnormen gab es kaum. So sollen im Maschinenbau 1951 angeblich nur 15 bis 20 Prozent der etwa acht Millionen Normen technisch begründet gewesen sein, 1953 noch immer lediglich 27 Prozent: zu wenig für den Aufbau einer leistungsstarken Industrie.

Drohung mit Streik und Aufruhr
Die Funktionäre wussten, was für ein heißes Eisen sie anfassen würden. Bereits 1951 war ein Versuch gescheitert, über Betriebskollektivverträge eine Selbstverpflichtung der Arbeiter zu höheren Leistungen zu erreichen. Anfang 1953 startete die SED eine neue Kampagne. Um jeden Preis sollte nun die Arbeitsproduktivität erhöht werden, weil sich die wirtschaftliche Lage spürbar verschlechterte. Auch die Gewerkschaften propagierten das „Anheben der Normen“ und das „Senken der Selbstkosten“. Jede Brigade, die freiwillig die Normen erhöhte, wurde in den Medien gefeiert. Mit wenig Erfolg. Auf Versammlungen fielen Sätze wie: „In keinem kapitalistischen Land wären solche Maßnahmen der Regierung möglich, da gäbe es Streik und Aufruhr.“
Für viele Arbeiter war die Praxis niedrige Normen überzuerfüllen und damit den Lohn aufzubessern, die einzige Möglichkeit, sich ein einigermaßen hinreichendes Auskommen zu sichern. Besonders auf Baustellen waren Normerfüllungen von 200 bis 300 Prozent die Regel. Die Bauarbeiter der Ostberliner Stalinallee verdienten auf diese Weise zwischen 450 und 650 Mark und damit teilweise doppelt soviel wie ein Produktionsarbeiter.
Von neuen Normen hielten die Erbauer der „ersten sozialistischen Straße Deutschlands“ verständlicherweise nichts. Einen Maurer hätte das leicht 30, einen Zimmermann gar 42 Prozent seines Lohnes kosten können.

Am 10.Juni fielen die Bauarbeiterlöhne
Bis zum 28. Mai blieb die Kritik der SED an den „falschen und ungesunden Normen“ ohne Folgen für die Betriebe. Mit der Normerhöhung per Gesetz aber ging den Betriebsleitern jeglicher Spielraum verloren. Dazu kam: Während die Regierung die vorgebende Frist für die Einführung stillschweigend vom 1. auf den 30. Juni verlängert hatte, blieb sie für das Baugewerbe bestehen. Dort fielen die Löhne bei der ersten Lohnzahlung am 10. Juni.

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