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Die industriellen Komplexe der Agro-Industrie
Von Dieter Tanneberger
Pressemitteilung vom 13.06.2002


Agrarindustrielle Gesellschaften in Deutschland, besonders auch in den neuen Ländern, betreiben in Riesen-Farmen Züchtung, Mast, Schlachtung und Verarbeitung von Geflügel und Schweinen. Sie erzeugen in Futtermühlen auf wissenschaftlicher Basis auch ihre eigenen Futtermittel. Betreiber sind „agrarindustrielle Clans“, wie Schockenmöhle, Wesjohann, Pohlmann, Zimmerer, Eskildsen, Behrens, von Kameke oder von Meerheimb. Nach der Wende wurden trotz massiver Forderungen die meisten Objekte des Kombinats Industrielle Mast nicht geschlossen, sondern von der staatlichen Treuhand-Gesellschaft verkauft: Die Geflügelanlagen sind heute zum großen Teil im Besitz der oben genannten westdeutschen Agrarindustriellen. Auch die anderen KIM-Anlagen blieben bestehen und werden weiter betrieben durch LPG-Nachfolgebetriebe und vor allem westdeutsche Investoren. So ging die Rindermastanlage „Ferdinandshof“ in Vorpommern (mit 23.000 Bullen) an den Augsburger Getreidehändler Osterhuber, die 20.000er Rindermastanlage im mecklenburgischen Hohenwangelin an die Familie Rodo Schneider, den ehemaligen Geschäftsführer des Fleischkonzerns Moksel. In Losten (bei Wismar) halten sechs Südoldenburger Agrarunternehmer insgesamt 62.000 Schweine (7.000 Sauen mit Nachzucht und 27.000 Mastplätzen). Damit nicht genug. Neben den ca. 50 KIM-Objekten gab es in der DDR flächendeckend zahlreiche „industrielle Anlagen“: Jeweils mit Hunderttausenden Hühnchen, zigtausend Schweinen, Mastlämmern oder Mastkälbern oder mit mehreren Tausend Kühen. Auch diese sind zum größten Teil weiter in Betrieb, zumeist in LPG-Nachfolgebetrieben, so z.B. die 4.000er Milchviehanlage im vorpommerschen Dedelow (die jetzt offenbar an einen privaten Investor weiterverkauft werden soll). Auch die Stadt Berlin erhielt im brandenburgischen Umland ihre ehemaligen Stadtgüter zurück, mit riesigen Milchviehanlagen für 6.000 Milchkühe und 41 Mio. kg Milchquote, die jetzt an einen privaten Investor verkauft werden sollen. Andere Milchviehanlagen wurden an westliche Unternehmer verkauft. So betreibt z.B. die niederländische Familie Koopman drei Anlagen in Mecklenburg und Sachsen-Anhalt mit 4.000 Kühen. Auch im Schweinesektor haben westdeutsche Agrarindustrielle ostdeutsche Industrie-Anlagen übernommen, z.B. der Pommes-Fabrikant Stöver 12.000 Mastplätze in Blumenberg (bei Magdeburg), der Holsteiner von Peepke 10.000 Mastplätze im mecklenburgischen Zachun, der Fleischkonzern Löblein 3.600 Zuchtsauen und 18.000 Mastplätze im thüringischen Thiemendorf/Schöngleina. Paul Schockemöhle will im mecklenburgischen Neustadt-Gleve zusätzlich zu seinen 5.000er Färsen-Anlagen noch weitere 20.000 Schweinemastplätze bauen. In der Region Oldenburg-Vechta plant die Genossenschaft Schnederkrug (1.100 Mitglieder), die zu den 10 größten Futtermittelherstellern in Weser Ems zählt, den Bau und Betrieb von fünf Anlagen mit je 2.000 Sauen in Lohnproduktion auf „bäuerlichen“ Betrieben.
Der Mäster Bodenkamp aus Lingen im Emsland, der bereits 1985 zu Hause ca. 10.000 eigene Mastplätze hatte und weitere 80.000 Lohnmastplätze kontrollierte, scheiterte allerdings als Berater ostdeutscher LPG-Nachfolger aus Immissionsschutzgründen bei der Erweiterung der Schweine-Anlage Hassleben in der brandenburgischen Uckermark, wo weitere 12.000 Sauenplätze und 80.000 Mastschweinplätze errichtet werden sollten.

Paul-Heinz Wesjohann
Paul-Heinz Wesjohann, der größte Hähnchenproduzent in Europa, beschäftigt in Rechterfeld, einem kleinen Ort im Landkreis Vechta einen Konzern mit 3000 Mitarbeiter. 700 bäuerliche Partnerbetrieben in ganz Deutschland liefern ihm zu. Tierschützer verfolgen Wesjohanns Aktivität mit Argwohn. Einen Geflügelhof mit einigen tausend Tieren hatte er in den siebziger Jahren von seinem Vater übernommen. Jetzt produziert er zusammen mit den bäuerlichen Partnern jährlich 210 Millionen Hähnchen – die Hälfte der gesamten deutschen Produktion. Sein Konzept lautet: Alles aus einer Hand, um Risiken zu minimieren. Aus eigener Zucht kommen daher die Eier, aus eigenen Brütereien die Küken, die die bäuerlichen Partner dann schlachtreif machen. Das Futter kommt aus seinen Futtermittelwerken, und die Hähnchen werden in eigenen Betrieben geschlachtet, gekühlt, verarbeitet und verpackt. Fünf Futtermittelwerke, sechs Betriebe fürs Schlachten, vier für Bruteier und Küken, ein Werk für Tiermedizin, zwei Impfstoffwerke in den Vereinigten Staaten sowie Geschäftstätigkeit in Brasilien und neuerdings in Polen. Wie lassen sich 210 Millionen Hühner jährlich artgerecht aufziehen, mästen und schlachten? Fünfzehn Kilometer von der Konzernzentrale entfernt liegt Drentwede. Am Ortseingang befindet sich eine unscheinbare Lagerhalle, ungefähr 1500 Quadratmeter groß. Hier werden „Wiesenhof“ Hähnchen in Bodenhaltung gemästet. Der Eingang ist gesichert und aus Gründen der Hygiene nur mit Schutzkleidung passierbar. 37.000 Hähnchen werden hier in 35 Tagen schlachtreif gemacht. Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Futterleistung, Gewicht – sämtliche für den Produktionsprozess relevanten Daten sind elektronisch gesteuert. Statistisch gesehen müssen sich rund 22 Tiere einen Quadratmeter teilen.
Der Lastzug ist schon bestellt. 350 Tiere passen in einen Behälter, jeder Lastzug fasst 8000 Tiere. In Lohne werden im Zweischichtbetrieb bis zu 240.000 Hähnchen täglich geschlachtet. Die Lastzüge fahren in eine mit sogenanntem Schwarzlicht ausgeleuchtete Halle. Für die Tiere simuliert dieses Licht Dunkelheit und damit Schlafenszeit. Aufgeregtes Gackern ist nicht zu vernehmen. Was man hört, sind die Ladegeräusche. Gabelstabler schieben vom Wagen die Behälter auf ein Transportband. Dort werden sie gekippt, die Tiere rutschen automatisch auf ein Trampolin-Band, das sie zu einem Karussell befördert, wo sie mit den Beinen an einen Haken gehängt werden – eine „Schlachtlinie“, an der die Tiere kopfüber in einer schier endlos erscheinenden Reihe baumeln. Die Schlachtlinie führt zu einem Vorhang, hinter dem die Tiere mit Heißluft betäubt werden. Wenige Meter dahinter öffnen scharfe Klingen den Tieren automatisch die Schlagader. Vom Anhängen bis zum Tod vergehen zwischen 15 und 20 Sekunden. Die Tötung nach althergebrachter Art auf dem Bauernhof dauert sicherlich nicht kürzer, und ob sie für die Tiere weniger Stress bedeutet, ist zu bezweifeln.
Schockierend zu beobachten ist dagegen die bis zur Perfektion betriebene Mechanisierung des Todes. Alles läuft automatisch ab. Nach dem Tod bluten die Hähnchen eine Strecke lang aus. Anschließend führt die Schlachtlinie durch Heißwasser. Die Federn lockern sich, Scherautomaten rupfen sie. Danach werden die Innereien entfernt, zuletzt wird die Lunge herausgesaugt. An dieser Stelle stehen auch die staatlichen Veterinäre, die den Vorgang überwachen und Proben entnehmen.
Paul-Heinz Wesjohann sitzt im Kreistag von Vechta für die CDU und war dort 15 Jahre lang Fraktionsvorsitzender. Kein Wunder das die CDU gegen die Agrarwende scharf schießt. Die großen Wessis und die Roten Barone sind von der gleichen bauernfeindliche Couleur.

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