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Es gibt keine „Rassen“
Die Unterschiede der Menschen sind nur ein biologischer Witz
Von Hannes Stein
Pressemitteilung vom 05.06.2003


Als Gott den ersten Menschen schuf, erzählt eine rabbinische Legende, da kratzte er Lehm von allen vier Enden der Erde zusammen. Damit hinterher nicht ein Nachfahre Adams zum anderen sagen könne: „Mein Vater war größer als deiner!“ Der biblische Schöpfungsbericht unterscheidet sich dadurch von den heidnischen Mythen, dass er keine Vermischung der Sphären kennt. Über den Menschen sind Gott und die himmlischen Heerscharen; unter ihm ist alles, was da schwimmt, kreucht und fleucht. Dazwischen ist nichts. Es gibt keine Halbgötter, Sphinxen, niederen Tiermenschen. Im biblischen Weltbild wäre jeder Abstammungsdünkel absurd. Wir alle sind „bei Adam“, Kinder Adams – und sogar der Lehm, aus dem Gott den ersten Menschen formte, bevor er ihm seinen Geist einblies, ist ein Mischmasch.
Im 18. Jahrhundert aber begann die Autorität der Bibel entgültig zu kippen. Der allmächtige Schöpfergott musste abdanken, die Göttin Natur nahm auf seinem Thron Platz. Lächerlich erschien nun die Vorstellung, zwischen den Menschen und das Tierreich schiebe sich eine unhintergehbare Scheidewand. So glaubte der große Aufklärer Voltaire, der „Nege“ sei das Bindeglied zwischen Affe und Mensch. Charles Darwin führte später den Nachweis, dass der Mensch, biologisch betrachtet, nichts weiter als ein Säugetier ist. Lag die Schlussfolgerung – dass es nämlich höhere und minderwertige Menschenrassen gibt – nicht auf der Hand? Darwin, der kein Darwinist war, hätte müde sein bärtiges Haupt geschüttelt, aber da war es leider schon passiert: Der Rassismus hatte das Denken vieler Europäer und Amerikaner infiziert.
Er galt als wissenschaftliche Weltanschauung.
Es sieht nun so aus, als hätten wir nur die Wahl, ob wir buchstabengläubige Bibelfundamentalisten oder dünkelhafte Vulgärdarwinisten sein wollen. Zum Glück gibt es noch eine dritte Variante. Bevor wir fortfahren, müssen wir aber erst einmal klären, was Mitochondrien sind. Als „Mitochondrium“ bezeichnen Genetiker winzige Gebilde, die zu Hunderten in den menschlichen Zellen wimmeln und diese mit Energie versorgen. Mitochondrien sind so etwas wie Zellbatterien. Das Wichtige ist nun, dass diese winzigen Zellbatterien mit ihren spezifischen DNS-Sequenzen nur für die Mutter vererbt werden. Alle sechs Milliarden Menschen, die heute die Erde bevölkern, haben ihre Mitochondrien von ihren Müttern erhalten; diese wiederum von ihren Müttern und so fort. Aber nicht ad infinitum! Dieser Prozess setzt sich nicht endlos fort, da die Zahl der Mitochondrienlinien mit jeder vorhergehenden Generation ja nur abnehmen kann. Immermehr Nullen schrumpfen hinten weg, endlich geraten wir in den zweistelligen Bereich.
Und ungefähr 200 000 Jahre in der Vergangenheit halten wir bei einer einzelnen Frau. Wir alle, die wir heute leben, stammen von einer einzigen Mitochondrien-Eva ab. Hat die Bibel also doch ganz buchstabenfundamentalistisch Recht? Nein. Denn die mitochondriale Eva war nicht allein auf der Welt; sie gehörte zu einer wenn auch kleinen Gruppe von Menschen, die in Afrika zuhause war.
Wichtig ist nun, folgendes zu verstehen: Jeder heutige Vertreter der Gattung homo sapiens ist genetisch gleich weit von jener frühmodernen afrikanischen Menschengruppe entfernt – der Buschmann wie der Banker in New York City. Und: Die mitochondriale Eva und ihre Zeitgenossen unterschieden sich im Wesentlichen nicht von uns. Hätte man ihnen Handies gegeben und ihnen gezeigt, welche Tasten man drücken muss, hätten sie miteinander telefonieren können.
Wie kommt es dann aber, dass Menschen so verschieden aussehen: dass manche von schwarzer, andere von bronzefarbener oder bleicher Haut umgeben sind, dass einige Mongolenfalten haben, andere nicht, dass vielen gekräuselte, anderen aber glatte (und sogar blonde) Haare auf dem Kopf wachsen? Auch dies erklärt uns der amerikanische Wissenschaftsjournalist Steve Olsen in einem wichtigen und zudem vergnüglich zu lesenden Buch, das „Herkunft und Geschichte des Menschen“ heißt („Was uns die Gene über unsere Vergangenheit verraten“. Berlin Verlag, 422 S., 22 Euro).

Kurz gefasst: Die „rassischen“ Unterschiede rühren daher, dass es in der Steinzeit keine Flugzeuge und keinen Tourismus gab. Eine ausführliche Version lautet so: Wenn ein Mensch im Bauch seiner Mutter heranwächst, teilen seine Zellen sich. Dabei muss jedes Mal der komplette Satz seiner DNS kopiert werden, damit jede Tochterzelle einen Chromosomensatz erhält. Dies funktioniert erstaunlich genau, und doch passieren beim Kopieren gelegentlich mikroskopisch kleine Fehler. So kommt es zu Mutationen, nützlichen, schädlichen und belanglosen. Belanglose Mutationen können etwa dazu führen, dass die Hautfarbe eines Baby statt kaffeebraun plötzlich rosa ist, oder dass es einen aus blauen statt braunen Augen anstrahlt. Da die Menschen vom Anfang ihrer Geschichte an gewandert sind – oft über Kontinente hinweg - spalteten sie sich in weit versprengte Untergruppen auf. Deren Mitglieder hatten keine Wahl, als sich nur untereinander zu paaren (es gab ja, wie erwähnt, noch keine transkontinentalen Flüge). So wurden Mutationen, die bei einer einzigen Person auftraten, an viele Nachkommen innerhalb der jeweiligen Gruppe weitergegeben. Man kann nun spekulieren, ob bei der Auslese der Mutationen auch das Klima eine Rolle gespielt hat. Am Äquator ist es vorteilhafter, eine schwarze Haut zu haben, weil man dann weniger leicht Hautkrebs bekommt. Also haben dunkelhäutige Babys eine höhere Chance zu überleben – und geben ihre Genmutation dann als Erwachsene an die nächste Generation weiter. Im kalten Norden dagegen würde schwarze Haut das ultraviolette Licht blockieren und so die Produktion von Vitamin D verhindern; das wiederum würde zu Rachitis führen. Also sind in kalten Gegenden hellhäutige Babys im Vorteil.
Manchmal aber war bei genetischen Mutationen nicht das Klima entscheidend, sondern der Zufall: Haben Sie mal bemerkt, was für unterschiedliche Ohrformen es gibt? Und dann wäre da noch ein nicht zu unterschiedlicher Faktor: die erotische Attraktivität – auch sie kann dazu führen, dass eine Mutation sich ausbreitet.
Das erste blonde Baby muss seinen Eltern komisch vorgekommen sein, aber irgendjemand scheint sich später doch in das merkwürdige Wesen verknallt zu haben. Schauen sie sich um.
Gewöhnlich wird die Beziehung zwischen den verschiedenen Menschentypen in Form eines Stammbaums dargestellt: Unten der afrikanische Stamm, von den Asiaten und Europäer abzweigen, von den Asiaten dann die Ureinwohner beider Amerikas et cetera. „Solche Stammbäume sind jedoch im Grunde irreführend, weil sie die Verknüpfungen zwischen den Gruppen unterschlagen“, schreibt Olsen. „Menschengruppen ähneln eher Wolken, die sich an einem heißen Sommertag bilden, verschmelzen und auflösen.“ Die Trennlinien, die man zwischen den Untergruppen zu ziehen versuchte, waren zum Teil willkürlich: Warum redet man nicht von einer Rasse der Blonden und Braunäugigen? Warum nicht von einer Rasse der kleinen Schwarzen mit Mongolenfalte? Steve Olsen schlägt darum vor, das Wort „Rasse“ gänzlich aufzugeben, weil es nur auf Holzwege führe. Das unterschiedliche Erscheinungsbild von Menschen, schreibt er, sei „ein historischer Zufall, ein biologischer Witz“; es habe „nicht mehr Substanz als Masken bei einem Kostümfest“.

Wer Olsens Vorschlag zu radikal findet, möge überlegen: Jeder Mensch hat zwei Eltern und vier Großeltern. Mit jeder Generation verdoppelt sich diese Zahl: wenn wir nur 30 Generationen zurückgehen, hat jeder von uns schon mehr als eine Milliarde Vorfahren. Zu Beginn des15. Jahrhunderts aber lebten noch gar nicht so viele Leute auf der Welt. Wie kann das sein? Die Antwort ist natürlich, dass die Stammbäume sich ineinander verschlingen; dass manche derer, die da miteinander ins Bett fielen, zur selben Familie gehörten.
Denken wir weiter: Jede Berühmtheit, die Kinder hatte, hat das ihre zum allgemeinen Genpool beigetragen; und je früher in der Geschichte sie gelebt hat, desto weiter sind ihre Gene verstreut. Was wir mit Sicherheit ausschließen können, ist, dass irgendein heutiger Mensch von Königin Elisabeth I. abstammt. (Sie hatte keine Nachkommen – VDL) Aber Karl der Große dürfte mittlerweile Millionen von Nachkommen haben. Auch der Satz: „Ich habe jüdische Vorfahren“ ist fast immer wahr; das Blut von Abraham, Isaak und Jakob rollt durch ungezählte (auch nichtjüdische) Adern. Viele US-Amerikaner, die als „weiß“ gelten, haben „schwarze“ Ahnen – und umgekehrt. Wie soll man dieses Durcheinander jemals genetisch aufdröseln? Und warum soll man es entflechten, wenn man sich erinnert, dass an seinem Anfang vor 200 000 Jahren eine gemeinsame Urmutter stand: die mitochondriale Eva in Afrika?
„Die Genforschung hat gezeigt, dass wir alle verwandt sind“, schreibt Steve Olsen. Das ist keine Sentimentalität; es ist einfach wahr. Die Rabbiner des Talmud, von denen eingangs die Rede war, hatten also Recht; nur muss man die Geschlechtszugehörigkeit ändern. In Wahrheit nämlich kann kein Mensch zum anderen sagen: „Meine Mutter ist größer als die deine!“ Olsens Buch lesend begreift man, dass Rassismus nicht nur falsch oder gefährlich ist – er ist vor allem furchtbar weltfremd.

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