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Großkundgebung mit 9.000 Milchbauern in Freising
1000 Bauern im sächsischen Leppersdorf gegen Preisdumping
Pressemitteilung vom 30.05.2008


Eine beeindruckende Kulisse bot sich vorigen Montag 11 Uhr in Freising vor der zu Müller Milch gehörenden Molkerei Weihenstephan: 9.000 BDM-Mitglieder waren (nach Polizeiangaben) aus ganz Deutschland angereist, um sich gegen den Erzeugermilchpreisverfall mit einer „Milchpreisoffensive 2008“ zu wehren. Bei den im Frühjahr zwischen Molkereien und Lebensmitteleinzelhandel stattgefundenen Preisverhandlungen für Trinkmilch haben die Molkereien um bis zu 15 Cent niedriger als im Vorjahr abgeschlossen. Die im Frühjahr noch erfolgten Milchpreissteigerungen waren jedoch dringend notwendig, um die stetig steigenden Produktionskosten decken zu können. Die Betriebskosten sind zwischenzeitlich um ca. 7 Cent je Kilo Milch gestiegen.

Nachdem alle Versuche einer gütlichen Einigung und einer Zusammenarbeit für erzeugergerechte Milchpreise mit den Milchverarbeitern gescheitert sind, blieb dem Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) nun keine andere Alternative, als sich gegen den Erzeugerpreisverfall mit einer „Milchpreisoffensive 2008“ zu wehren.

Die Aussage von BDM-Vorstandsvorsitzenden Romuald Schaber „Ich lasse ab morgen meine Milch zuhause! Und ich gehe davon aus, dass es viele Milcherzeuger genauso machen werden“, fand jubelnde Zustimmung unter den Kundgebungsteilnehmern. Es ist daher davon auszugehen, dass alle Milcherzeuger, die sich im April für einen unbefristeten Milchlieferstopp ausgesprochen haben, ab morgen ebenfalls ihre Milchlieferung einstellen werden. Der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter empfiehlt in diesem Zusammenhang allen sozialen Einrichtungen wie Krankhäusern, Altenheimen, Schulen und Kindergärten daran zu denken, rechtzeitig ausreichend Frischmilch einzukaufen, da es zu Versorgungsengpässen kommen könnte. Die Molkereien in Fürth und Kleve haben vorigen Donnerstag die Frischmilchverarbeitung eingestellt.

Breite Solidarisierung
Auch die europäischen Nachbarn sind offensichtlich zu einer breiten Solidarisierung bereit. Ernst Halbmayr von der Milcherzeugerorganisation IG Milch in Österreich zeigte sich überzeugt davon, dass sich die österreichischen Milcherzeuger ebenfalls einem Lieferstopp anschließen werden. Auch aus Holland und anderen europäischen Nachbarländern kommen positive Signale, mit verschiedenen Aktionen einen Lieferstopp der deutschen Milcherzeuger unterstützen zu wollen. Die um höhere Preise kämpfenden deutschen Milchbauern setzen auf die Solidarität ihrer europäischen Kollegen. Er rechne damit, dass sich andere Länder dem Lieferboykott gegen die Molkereien anschließen, sagte der Vizechef des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter (BDM), Stefan Mann, der „Frankfurter Rundschau. Milchbauernverbände aus den Niederlanden, der Schweiz, Österreich, Belgien, Luxemburg und Teilen Frankreichs hätten bereits ihre Unterstützung zugesagt. Mit Irland liefen Gespräche. Welche Ausmaße der Lieferboykott letztlich annehme, werde sich aber erst in den nächsten Tagen klären. Dem Bericht zufolge hat die Vorsitzende des niederländischen Milchbauernverbands, Dutch Dairymen Board, und Vizepräsidentin des European Milk Boards, Sieta van Keimpema, die holländischen Milchbauern aufgefordert, die Milch von sofort an auf den Acker zu kippen.

Die österreichische IG-Milch rief ihre heimischen Erzeuger dazu auf, die Lieferungen um 50 Prozent zu reduzieren und auch in der Schweiz wolle man sich solidarisch zeigen.

Nach Angaben des Milchindustrieverbands hat eine Abfrage bei den Molkereiverbänden in den Niederlanden, Frankreich und Österreich ergeben, dass dort von einem Lieferboykott keine Rede sei. Bei den Molkereien hierzulande habe der Ausfall lediglich zwischen 5 und 30 Prozent betragen, relativiert Eckhard Heuser, Geschäftsführer des Verbandes, die Angaben des BDM. Ein solcher Rückgang könne vorläufig durch die saisonal bedingte Überproduktion aufgefangen werden.

Das Bundeslandwirtschaftsministerium rechnet mit nachlassendem Preisdruck auf die deutschen Milchbauern. „Wir gehen davon aus, dass sich die Auszahlungspreise spätestens in der zweiten Jahreshälfte stabilisieren“, sagte Gerd Müller (CSU), Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesagrarministerium, der „Passauer Neuen Presse“. Der Handel müsse endlich wieder zu fairen Preisen zurückkehren. „Wir dürfen unsere heimische Milchproduktion nicht kurzfristigen Interessen opfern.“

Eine weitere Erhöhung der Milchquoten wie von der Europäischen Kommission vorgeschlagen lehnte Müller ab. Ein Teil der im Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) organisierten Milchbauern hatten am Dienstag einen Lieferstreik begonnen, um gegen die derzeit niedrigen Abnahmepreise für Milch durch die Molkereien zu protestieren.

Grund für „die Misere der Milchbauern“ sei das System der Milchquoten, kritisierte FDP-Vize Rainer Brüderle. „Diese planwirtschaftliche Regulierung brachte den Landwirten keine auskömmlichen Milchpreise und verhinderte nicht das rasante Höfesterben in den vergangenen Jahrzehnten“, sagte Brüderle der Zeitung. Der FDP-Politiker forderte den sofortigen Ausstieg aus dem System der Milchquoten.

Tanneberger: Mindestlöhne den Arbeitern – Mindestpreise den Milchbauern!
Dem widersprach Dieter Tanneberger, Präsident des ostdeutschen Privatbauernverbandes VDL. Der jetzige Milchpreisverfall sei ein Ergebnis der Überproduktion. Durch den Wegfall der Milchquote nach 2015 müßte mit noch viel drastischeren Preiseinbrüchen gerechnet werden. So sei auch die zum 01. April beschlossene Milchquotenerhöhung um 2% auf 145.000 Millionen Tonnen ursächlich für die schon immer ansteigende sommerliche Milchschwemme. Angebot und Nachfrage bestimmten nun mal in der Markwirtschaft den Preis, so Tanneberger. Wenn die Milchquoten ganz wegfallen, wird es zu einem ruinösen Wettbewerb kommen zwischen den hochmodernen industriemäßig produzierenden Großanlagen mit Tausenden von Kühen im Osten – wie in Anlagen im mecklenburgischen Dedelow und den bäuerlichen Laufstallanlagen mit 60 bis 100 Kühen im Westen. Wenn es keine Milch-Mengenbegrenzung mehr gibt, wird es die heute streikenden kleinen Milchbauern schon bald nicht mehr geben, während sich die Kosten der Großanlagen auch noch mit 30 Cent/kg Rohmilch rechneten. Es sei kein Zufall, daß sich die ostdeutschen LPG-Anlagen dem aktuellen Boykottaufruf des BDM nicht angeschlossen haben. Zwar habe der Sächsische LPG-Bauernverband in Leppersdorf gegen Müller-Milch demonstriert, aber einen Lieferboykott wie im Westen schließt er aus. Daher werden die Ost-LPG zumindest das stagnierende Frischmilchgeschäft im Westen mit eigenen Lieferungen unterlaufen. So sieht die Solidarisierung eines gespaltenen Berufsstandes aus, sagte Tanneberger. Der VDL-Chef räumte aber ein, daß es nahezu schon technisch unmöglich sei, das Tagesgemelk von 500, 1000, 2000 oder gar 5000 Kühen in die Gülle zu kippen. „Ganz abgesehen davon, daß nicht in den Verkehr gebrachte Milch eine dem Sondermüll gleichgestellte Substanz darstellt. Es wird daher Strafanzeigen geben. Ich kann nur warnen! Die kleinen bäuerlichen Betriebe im Westen können ihre Milch schon mal eine Woche lang in Schweine und Kälber füttern. Aber dann? Und die Kosten? Der Milchstreik wird also leider zusammenbrechen müssen, denn wer schon schüttet sein Kind mit dem Bade aus?“

Tanneberger warf DBV- Präsident Gerd Sonnleitner und Bundesminister Horst Seehofer Heuchelei vor, wenn sie mit „Verständnis für die schwierige Lage“ rumeiern, selbst aber Urheber sind für die Beschlüsse zum Quotenverfall. Wenn die Politik landauf landab industrielle Mindestlöhne fordert, muß sie auch bereit sein, den Milchbauern einen Milchpreis zur Existenzerhaltung zu gewähren.

Tanneberger lehnt die Milchvernichtung auch aus ethischen Gründen ab. Das Problem könne nur politisch gelöst werden. Ein Weg wäre die Verwendung von Teilen der Modulationsgelder zur Milchpreisstützung. Der BDM mit Romuald Schaber habe den ganzen bäuerlichen Berufsstand in nie dagewesener Weise solidarisiert, die deutsche Öffentlichkeit gewonnen und dem Deutschen Bauernverband unter Sonnleitner vorgeführt, wie berufsständische Interessenvertretung eigentlich aussehen sollte. „Dafür gebührt im Dank!“

Quelle: Bundesverband Deutscher Milchviehhalter BDM e.V.
VDL-Eigenbericht

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