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    Bundesverband
    Deutscher Landwirte e.V.
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Mehr Leben auf den Äckern
Pressemitteilung vom 19.05.2005


Würde der "Kräuterpfarrer" Kneipp heute leben - er käme der Heilkraft von Pflanzen womöglich nie auf die Spur. Unzählige Kräuter, die früher auf Wiesen wuchsen, hat die moderne Landwirtschaft verdrängt. Mit den Pflanzen aber gehen auch die Insekten, die Vögeln als Nahrung dienen. Naturschützer hoffen jetzt, dass immer mehr Flächen für die Landwirtschaft unrentabel werden.
Der Kiebitz ist ein wahres Schauspielertalent. Fühlt sich der Brutvogel feuchter Wiesen an seinem Gelege bedroht, spielt er gekonnt den Verletzten. Er humpelt, flattert oder lässt einen Flügel hängen und entfernt sich allmählich von seinem Nest. Für den Räuber ist er scheinbar leichte Beute - und hat der Kiebitz ihn weit genug vom Nest gelockt, flattert er, nach wundersamer Heilung, munter davon. Über Jahrhunderte konnte der Kiebitz damit seine Art erhalten, gegen eine Bedrohung wirkt diese Strategie allerdings nicht: die intensive Landwirtschaft.

Mais - eine Falle für Wiesenbewohner
Was so manchem Touristen als ursprüngliche Natur erscheint, ist in Wirklichkeit meist ein Werk des Menschen. Beispiel Allgäu: Einst wechselten sich dort Moore, Flussläufe und dichter Urwald ab. Heute wächst dort immer öfter Mais, sei es als Futter für die Kühe oder als nachwachsender Rohstoff. Doch gerade was Bauern viel Ertrag beschert, gilt in den Augen von Naturschützern oft als "Katastrophe". Mais sei eine Falle für viele Tiere, sagt Rainer Krieg vom Bund Naturschutz Unterallgäu, etwa den Kiebitz. "Da werden zwar Jungvögel ausschlüpfen, aber das Nahrungsangebot auf diesen Flächen ist so gering, dass die Jungen zum Teil verhungern."

Der Preis moderner Landwirtschaft
Bis zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts herrschten bei uns noch bäuerliche Kleinstrukturen. Die Menschen lebten schlicht, dafür war die Tier- und Pflanzenwelt vielerorts wesentlich artenreicher als heute. Mit der Flurbereinigung wurden die Felder immer größer und mit ihnen auch die Maschinen. Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und Dünger machten hohe Erträge möglich, mit Drainagerohren legte man feuchte Wiesen trocken. Doch damit entzog man auch zahlreichen Tier- und Pflanzenarten wie dem Kiebitz ihren Lebensraum. Die Artenvielfalt in den vergangenen Jahrzehnten ist drastisch gesunken.

Der ökologische Wert des Weidezauns
Wer heute als Landwirt nicht auf hohe Erträge setzt, dem räumen Agrarexperten kaum Chancen auf langfristiges Überleben ein. Große Höfe werden immer größer, kleine geben auf. Während im Jahr 1964 im Durchschnitt fünf Kühe in einem bayerischen Stall standen, besitzt ein Landwirt heute nicht selten 60 oder mehr. Trotzdem wird der Anblick von grasenden Kühen auf der Weide immer seltener. Sie hinaus zu treiben, bedeutet zu viel Arbeitsaufwand. Auch unter dem Rückgang der Weidehaltung leide die Artenvielfalt, ist Rainer Krieg überzeugt. Denn so gleichmäßig wie ein Mähwerk am Schlepper "mäht" eine Kuh die Weide nicht. Das schafft Struktur im Lebensraum Wiese. Auch Zäunen, die durch die Stallhaltung oftmals überflüssig geworden sind, trauert der Naturschützer Krieg nach. Denn im Bereich von Zäunen werden Weiden naturgemäß weniger bewirtschaftet. Das nützt Kleintieren und Insekten.

Der Naturschutz braucht die Landwirtschaft
Untersuchungen auf Versuchsflächen des Klosters Scheyern bei Pfaffenhofen haben gezeigt, dass sich die ökologische Landwirtschaft positiv auf die Artenvielfalt auswirkt. Auf einem Feld, das acht Jahre ökologisch bewirtschaftet wurde, konnten sich zum Beispiel 25 verschiedene Ackerkräuter etablieren. Vor der Umstellung waren es weit weniger als 20. Anders verhält es sich mit Äckern, die völlig brachliegen. Zwar finden dort einige selten gewordene Vogelarten wie das Rebhuhn wieder einen Lebensraum, die Artenvielfalt der Pflanzen steigt aber nur kurzfristig stark an. Danach gewinnen wenige Arten wie zum Beispiel Disteln die Oberhand. Greift man in solche Brachen überhaupt nicht ein, verbuscht das Land bis hin zu Wald. Naturschutz ohne Landwirtschaft kann also auch nicht funktionieren.

Auch Öko-Landwirte wollen guten Ertrag
Am Artenschwund unbeteiligt ist die Ökolandwirtschaft nach Ansicht von Peter Guggenberger-Waibel von der Stiftung Kulturlandschaft Günztal dennoch nicht. "Für den Naturschutz ist das alles viel zu viel an Intensität, auch im Biobetrieb. Wir müssen die Nutzung noch weiter absenken". Auf gute Erträge nämlich ist auch der Ökolandwirt angewiesen. Auch er bevorzugt schnell wachsende Gräser, die fünf- oder sechsmal pro Jahr gemäht werden können. Langsam wachsenden Gräsern und Kräutern gibt man kaum noch eine Chance.
Zwar entlaste der Biolandbau die Natur durch den Verzicht auf chemische Pflanzenschutz- und Düngemittel wesentlich, so Guggenberger-Waibel, doch alle Probleme des Naturschutzes löse das nicht. Früher wuchs das Gras langsam, weshalb es nicht so oft und vor allem erst wesentlich später im Jahr geschnitten werden konnte. Durch den Schnitt waren die Wiesen vor Verbuschung geschützt, doch Gräser und Blumen konnten sich problemlos vermehren.

Eine Chance für die Natur
Naturschützer hoffen jetzt, dass weniger fruchtbare und unwegsame Standorte für die Landwirtschaft immer uninteressanter werden. Noch vor wenigen Jahrzehnten versuchte man, schlechte Böden ebenso zu bewirtschaften wie gute. Heute lohnt sich der Anbau auf ertragsschwachen Flächen häufig nicht mehr. Nimmt man solche Äcker und Wiesen aus der Produktion und verhindert man zugleich, dass sie verbuschen, profitieren davon der Kiebitz und unzählige andere Tier- und Pflanzenarten.

Quelle: http://www.br-online.de/umwelt-gesundheit/unserland/umwelt_artenschutz/arten_biotope/artenvielfalt.shtml

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