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Keimbahn ohne Tempolimit
Wenn sich Eizellen und Spermien züchten lassen, können schon bald Lebewesen entstehen, deren Eltern Embryonen waren.
Von Christian Schwägerl
Pressemitteilung vom 22.05.2003


Jeder Mensch ist mit allen seinen Vorfahren, und damit sind nicht nur Großeltern gemeint, sondern auch die ersten Menschen, mausartige Säugetiere und die einfachsten Vielzeller, durch einen Datenpfad verbunden. Auf diesem Pfad reisten die Zellen mit all den Informationen in die Gegenwart, die darüber entscheiden, wie ein Lebewesen gebildet und geformt wird. Die Daten veränderten sich entlang des Weges nach bestimmten Regeln, durch Mutation und Selektion, kurz: durch Evolution. Manche sehr kühlen Evolutionsbiologen sagen, der Großteil eines Lebewesens, etwa Hirn, Haut und Muskeln, sei nur so etwas wie eine aufwendige Paketverpackung, eine Zustellungsform für jene Zellen, die auf dem Datenpfad, der auch als Keimbahn bekannt ist, unterwegs sind.

Ei- und Samenzellen unbegrenzt im Labor züchten
Der Moment, in dem während eines kurzen Zwischenhalts, eines Lebens, für die biologischen Daten eine neue Etappe der steten Reise in die Zukunft beginnt, ist die Befruchtung einer Ei- mit einer Samenzelle, sofern sich daraus ein neues Lebewesen bildet. So dauerhaft die Keimbahnen und so vergänglich ihre Träger sein mögen: Bisher waren die Eizellen und Spermien doch von individuellen Lebewesen abhängig, an sie gebunden. Die zwei Geschlechter mussten aufeinandertreffen und sich, sei es aufgrund von Trieb, Liebe oder Gewalt, miteinander paaren. Selbst bei der künstlichen Befruchtung müssen Ärzte bisher noch auf willige Ei- oder Samenspender einen oder anderen Keim besteht. Nun aber deutet sich eine tiefgreifende Veränderung auf der Keimbahn an: Sie könnte sich schon bald, und das ist ein Novum in der Evolution, von ihren biologischen Trägern und deren Entscheidungen lösen, wenn sich Ei- und Samenzellen als unbegrenzt im Labor züchtbar erwiesen. Dies ist die tiefere Botschaft, die jenseits der vieldiskutierten technischen Fragen über das therapeutische Klonen und den Einzelnachschub der Bioindustrie in der sensationellen Arbeit von Hans Schöler und Karin Hübner steckt, die unlängst in „Science“ veröffentlicht worden ist. Den beiden ist es gelungen, Eizellen im Labor zu züchten, und zwar aus embryonalen Stammzellen. Schon bald, dessen kann man sicher sein, wird eine weitere Publikation eines amerikanischen oder japanischen Forschers erscheinen, der Spermien gezüchtet hat. Rasch, darin sind sich die Stammzellforscher einig, wird man nicht nur Keimzellen der Maus, sondern auch Keimzellen des Menschen im Labor züchten können.
Und natürlich kann man diese informationsgeladenen Ursprungszellen des Lebens nicht nur züchten, sondern auch miteinander in Kontakt bringen.

Eier und Spermien aus embryonalen Stammzellen gezüchtet
Steckte man also die aus embryonalen Stammzellen gezüchteten Eiern und Spermien in dieselbe Petrischale, käme es zu einer Befruchtung. Implantierte man diese befruchtete Eizelle in eine Gebärmutter, würde sich wohl ein Lebewesen entwickeln – eines, dessen biologische Eltern zwei Embryonen wären, nämlich jene zwei Embryonen, aus denen die ursprünglichen Stammzellkulturen gewonnen wurden. Eine solche Folge ließe sich vermutlich endlos im Labor fortsetzen oder aber zur Heranbildung von wahrhaft künstlich erzeugten Wesen nutzen.
Niemand wird sich so schnell daran wagen, dieses Experiment beim Menschen zu versuchen – zuallerletzt Hans Schöler, der sich der Dimension seiner Forschung wie seiner Verantwortung beruhigend deutlich bewusst ist. Bald aber wird die Welt einen würdigen Nachfolger des verstorbenen Schafs Dolly kennen lernen. So wie Dolly die Möglichkeit des Klonen verkörpert hat, wird wohl eine heute noch namenlose, aber morgen schon weltbekannte Maus verkörpern, dass man Lebewesen beinahe de novo im Labor züchten kann.

Eltern und Großeltern als Zellkulturen?
Man braucht gar nicht so weit zu gehen und daran zu denken, dass eines Tages ein Mensch geboren werden könnte, dessen Eltern, Großeltern Zellkulturen waren. Um die bekannten Kategorien zu sprengen, reicht es schon, an eine Mikrofamilie von Embryonen zu denken, die niemals das Labor verlässt, aber beständig weitergegeben, erforscht, verändert wird. Auf dieser Verzweigung der menschlichen Keimbahn, die völlig unabhängig von Vätern und Müttern in ihrer bekannten Erscheinungsform wäre, gäbe es wohl kein Tempolimit. Ungewohnt und politisch brisant ist auch der Gedanke, dass jeder der Forscher, der im Besitz menschlicher embryonaler Stammzellen ist, ob in Bonn, Haifa, Wisconsin oder Riad, bald ganz im Alleingang menschliche Embryonen erzeugen könnte, und sei es durch einen Betriebsunfall, durch einen falschen Nährstoffcocktail, der statt zu Nervenzellen zu Ei- und Samenzellen führt. Niemand ist bisher bekannt, der erpicht darauf wäre, dies zu tun. Mancher Stammzellforscher mag indes erst jetzt wirklich erkennen, welche Lebenskraft er sich ins Labor geholt hat, und, die Homunkulus-Szene im Faust erinnernd, sich plötzlich als Väterchen angesprochen fühlen.

Keimbahn schert aus dem Schloss der Natur aus
Diese unzähmbare Lebenskraft einzelner Zellen, ihre unerwartete biologische Potenz, ist bei aller Fragwürdigkeit der Embryonenforschung, deren erstaunlichstes Ergebnis. Dass sich solche Phänomene nur in einer Technosphäre zeigen, verringert nicht ihre Aussagekraft über die biologischen Kräfte, die in jedem wirken. Die Keimbahn schert aus dem Schloss der Natur aus und verläuft demnächst auch durch den Symbolraum menschlicher Rationalität wie menschlicher Neugierde, das Labor. Die Aneignung der Lebenskräfte durch den Menschen steuert damit auf einen neuen, ungeahnten Höhepunkt zu.

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