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D O K U M E N T A T I O N
Memorandum zu den Folgen einer betrieblichen Obergrenze bei den EU-Direktzahlungen
Pressemitteilung vom 03.05.2007


DRV und Regionalverbände warnen vor gravierenden Folgen für die Agrargenossenschaften - Benachteiligung und Zerschlagung von Unternehmen nicht hinnehmbar

Nachfolgend veröffentlichen wir ein "Memorandum" des Deutschen Raiffeisenverbandes (DRV) und weiterer regionaler genossenschaftlicher Verbände "zu den Folgen der Einführung einer betrieblichen Obergrenze für die Direktzahlungen im Rahmen der Gemeinsamen Agrarpolitik der Europäischen Union für die Agrargenossenschaften und andere Gemeinschaftsunternehmen". Erarbeitet wurde das Papier unter Federführung des ehemaligen Parlamentarischen Staatssekretärs vom Bundeslandwirtschaftsministerium, Dr. Gerald T h a l h e i m. Darin wird vor gravierenden negativen Folgen einer betrieblichen Kappungsgrenze bei den Direktzahlungen für die Agrargenossenschaften, deren Mitglieder und Beschäftigte sowie die Wirtschaftspartner der Agrarunternehmen gewarnt. Die Abwälzung von Einsparungen im EU-Haushalt vornehmlich auf Ostdeutschland wäre "unsolidarisch und unsozial sowie in höchstem Maße kontraproduktiv", heißt es in dem Memorandum. Agrargenossenschaften seien ebenso wie andere Unternehmen in der Rechtsform einer juristischen Person mittelständische Unternehmen, deren Unterstützung erklärtes Ziel der Politik sei. Eine Benachteiligung bis hin zur Zerschlagung dieser Unternehmen durch die willkürliche Festlegung einer Obergrenze für die Direktzahlungen sei damit nicht vereinbar. Zudem wären dem Papier zufolge die seit der Herstellung der deutschen Einheit gewährten Fördermittel zum Aufbau einer wettbewerbsfähigen Landwirtschaft in den neuen Ländern mit einer Kappungsgrenze faktisch entwertet. In dem Memorandum wird zudem darauf hingewiesen, dass sich mit einer Kappung die Nettozahlerposition Deutschlands in der EU weiter verschlechtern würde.

Memorandum zu den Folgen der Einführung einer betrieblichen Obergrenze für die Direktzahlungen im Rahmen der Gemeinsamen Agrarpolitik der Europäischen Union für die Agrargenossenschaften und andere Gemeinschaftsunternehmen

Die Europäische Kommission hat angekündigt, im Rahmen der Überprüfung der Gemeinsamen Agrarpolitik (Health Check) möglicherweise eine Obergrenze für die betrieblichen Direktzahlungen vorzuschlagen. Das würde vor allem die Landwirtschaft in den neuen Bundesländern treffen. Auf der Grundlage der 2005 zugeteilten Zahlungsansprüche wären zum Beispiel bei einer Obergrenze für die Direktzahlungen von 300 000 €, die im Rahmen der Beratungen über die Agenda 2000 von Seiten der EU-Kommission schon einmal vorgeschlagen wurde, bundesweit 1 642 Betriebe betroffen. Davon hätten lediglich 34 Betriebe ihren Unternehmenssitz im früheren Bundesgebiet. In den neuen Ländern wären dagegen in Mecklenburg-Vorpommern 382 Betriebe, in Brandenburg 350, in Sachsen-Anhalt 301, in Thüringen 289 und in Sachsen 286 Agrargenossenschaften und andere Großbetriebe betroffen. Jährlich würden diese Betriebe bei einer Kappungsgrenze von 300 000 € mehr als 370 Mio € ersatzlos verlieren. Bei einer anderen Obergrenze würden sich sowohl die Zahl der betroffenen Betriebe als auch die Summe verändern, unverändert bliebe allerdings die besondere Betroffenheit der neuen Länder aufgrund der in der EU einmaligen Prägung der ostdeutschen Agrarstruktur durch Genossenschaften und andere Gemeinschaftsunternehmen.

Allein diese wenigen Zahlen machen deutlich, dass die Einführung einer Obergrenze gravierende Auswirkungen auf die Landwirtschaft und die ländlichen Räume Ostdeutschlands hätte. Dabei sind nicht nur die Kürzungen der Direktzahlungen für die unmittelbar betroffenen Betriebe zu berücksichtigen, sondern auch die Konsequenzen für die Einkommenssituation der Mitglieder der Agrargenossenschaften und ihrer Familien sowie für die Beschäftigungssituation in den strukturschwachen ländlichen Räumen der neuen Bundesländer. Außerdem ist mit strukturellen Anpassungsreaktionen der betroffenen Unternehmen zu rechnen, die nicht ohne Folgen für die vor- und nachgelagerten Bereiche blieben. Bei einer Ungleichbehandlung der Agrargenossenschaften hinsichtlich der Prämienzahlungen ist der Verlust an Pachtflächen und damit zumindest eines Teils der Existenzgrundlage zu befürchten und selbst die Banken bekämen die Auswirkungen zu spüren. Da die meisten der betroffenen Landwirtschaftsbetriebe nicht nur selbst Genossenschaften, sondern auch viele Wirtschaftspartner bis hin zu den Banken genossenschaftlich organisiert sind, ist die Einführung einer Obergrenze für die Direktzahlungen vor allem eine Frage der Genossenschaften - eine Frage der Gleichbehandlung von Genossenschaften und ihrer Mitglieder im Rahmen der GAP der Europäischen Union.

Im Folgenden soll aufgezeigt werden, welche Folgen es hätte, Genossenschaften mit vielen Mitgliedern und Beschäftigten bei der Gewährung von Direktzahlungen zu benachteiligen:

Historische Entwicklung
Die Agrargenossenschaften sind aus Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) hervorgegangen, die in der DDR im Rahmen der Kollektivierung nach sowjetischem Vorbild in den Jahren 1952 bis 1960 gegründet wurden. Nach politischen Vorgaben bildeten sich aus den LPG im Laufe der Zeit Großbetriebe heraus, die im Durchschnitt mehrere tausend Hektar bewirtschafteten und auf Tier- oder Pflanzenproduktion spezialisiert waren. Die Tierhaltung wurde überwiegend in sogenannten "industriemäßigen Anlagen" betrieben, die bis zu mehreren tausend Stallplätzen umfassten und eine Vielzahl von Beschäftigten hatten. Im Jahr 1990 bestimmten flächenstarke Ackerbaubetriebe und große Tierhaltungsanlagen die Struktur der ostdeutschen Landwirtschaft. Während nach der Wiedervereinung sehr schnell die Zusammenführung von Tier- und Pflanzenproduktion und häufig auch die Verkleinerung bzw. Teilung der Betriebe vorgenommen wurde, war es nicht möglich, die großen Tierhaltungsanlagen zu teilen oder losgelöst von einem flächenstarken Landwirtschaftsbetrieb mit Erfolg weiter zu bewirtschaften.

Dieser Situation hat der Gesetzgeber ganz bewusst Rechnung getragen und entschieden, die LPG nicht einfach abzuwickeln, sondern einen Weg zur Umstrukturierung der LPG in Unternehmen des bürgerlichen Rechts vorgeschrieben. Grundlage dafür war das Landwirtschaftsanpassungsgesetz der frei gewählten Volkskammer, das vom Bundestag 1991 novelliert wurde. Die Herausbildung landwirtschaftlicher Großbetriebe in der Rechtsform eingetragener Genossenschaften entsprach also dezidiert dem politischen Willen, wobei die Überleitung von ehemaligen LPG in Kapitalgesellschaften (AG, GmbH, GmbH & Co. KG usw.) überhaupt erst mit der 1. Novelle des Landwirtschaftsanpassungsgesetzes ermöglicht wurde.

Schließlich erfolgte die Einbeziehung der Großbetriebe in das Förderinstrumentarium der GAP der EU und in die nationale Förderung im Rahmen der Gemeinschaftsaufgabe "Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes", einschließlich der Investitionsförderung.

Die mit dem Landwirtschaftsanpassungsgesetz geschaffene Möglichkeit, die LPG durch freie Entscheidung ihrer Mitglieder in Agrargenossenschaften und andere Rechtsformen umzuwandeln, ist umfangreicher genutzt worden als ursprünglich angenommen. Entscheidendes Motiv war für die Betroffenen der Erhalt der effektiven Strukturen, der gleichbedeutend mit dem Erhalt der Arbeitsplätze war, aber auch die Tatsache, dass sich ungeachtet der Deformationen zu DDR-Zeiten das genossenschaftliche Prinzip gerade in der Landwirtschaft stets als nutzbringend erwiesen hat.

Struktur der Unternehmen - Beschäftigung und Bodennutzung
Aus den dargelegten Gründen dominieren Gemeinschaftsunternehmen die Landwirtschaft in Ostdeutschland. Mehr als die Hälfte der landwirtschaftlichen Fläche in den neuen Ländern wird von juristischen Personen bewirtschaftet. Den rund 1 500 Agrargenossenschaften kommt dabei mit einer durchschnittlichen Betriebsfläche von 1 623 ha die größte Bedeutung zu (Zahlen aus "Agrarbericht der Bundesregierung 2005").

Die Agrargenossenschaften als Nachfolgebetriebe der ehemaligen LPG sind mit durchschnittlich 50 Mitgliedern durch eine große Zahl von Eigentümern gekennzeichnet, bei denen es sich häufig um die Kinder und Enkel der vor der Zwangskollektivierung selbständigen Landwirte handelt. Damit befinden sich die Agrargenossenschaften im Besitz der landwirtschaftlichen Familien und werden von ihnen gemeinschaftlich bewirtschaftet.

Pachtmarkt und Gleichbehandlung der Flächen
Der Pachtflächenanteil in den neuen Ländern beträgt rd. 84 %. Agrargenossenschaften und die anderen LPG-Rechtsnachfolger wirtschaften auf Pachtland mit einer Vielzahl von Verpächtern, da es im Rahmen der Kollektivierung nicht zu einer Enteignung des Grundeigentums gekommen war. Aus diesem Grunde sind die Mitglieder der Genossenschaft oder Anteilseigner häufig Verpächter und in nicht wenigen Fällen auch Beschäftigte in einer Person.

Über die Pachten, die seit der Wiedervereinigung Schritt für Schritt angehoben wurden und sich am überregionalen Trend orientieren, partizipieren die Verpächter und überwiegend die Dorfbevölkerung von der Entwicklung der Landwirtschaft. Die Pachten sind somit nicht nur ein Spiegelbild der Bodengüte, sondern hängen auch von der wirtschaftlichen Entwicklung der Genossenschaften bzw. der anderen landwirtschaftlichen Unternehmen ab.

Seit der letzten Agrarreform mit Einführung der sogenannten "Entkopplung" werden nach dem Selbstverständnis der Europäischen Union die Direktzahlungen als eine Art "Wettbewerbsausgleich" für die höheren Standards in der EU vor allem in den Bereichen Natur-/Umwelt- und Tierschutz im Vergleich zu den Mitbewerberländern auf den immer stärker liberalisierten internationalen Agrarmärkten gewährt. Die Einhaltung dieser Standards wird verbunden mit erheblichen Nachweispflichten für die Betriebe und wird genau kontrolliert (Cross Compliance).

Die Einführung einer Obergrenze für die Direktzahlungen hätte damit zur Folge, dass die zum Teil mit erheblichen Kostenaufwendungen verbundenen Anforderungen im Tier-, Natur- und Umweltschutz sowie der Lebensmittelsicherheit (z.B. Tierkennzeichnung) auch von den von der Kürzung betroffenen Unternehmen einzuhalten wären, ohne dass der "Ausgleich" in voller Höhe gewährt würde. Das käme einem gravierenden staatlichen Eingriff in den Wettbewerb um Flächen auf dem Pachtmarkt gleich und wäre in der Sache durch Nichts zu rechtfertigen, zumal es gerade eines der zentralen Anliegen der letzten Agrarreform der EU war, fördertechnisch "jeden Hektar gleich zu behandeln".

Direkte Folgen der Einführung von Obergrenzen
Wie alle Landwirtschaftsunternehmen auch erhalten die Agrargenossenschaften und anderen Nachfolgebetriebe der ehemaligen LPG durchschnittlich 350 € pro Hektar. Diese Zahlungen differieren zwischen den Betrieben, wobei die Differenzen infolge der letzten Agrarreform in den nächsten Jahren abnehmen werden. Bei Einführung von Obergrenzen für die betrieblichen Direktzahlungen hätten die Agrargenossenschaften und andere Gemeinschaftsunternehmen Einnahmeausfälle zu verkraften, die größer sind als die jetzigen Gewinne. Abrupte und dauerhafte Einnahmerückgänge in dieser Höhe wären durch in solchen Situationen übliche betriebswirtschaftliche Maßnahmen wie Kosteneinsparungen keinesfalls zu kompensieren. Deshalb ist leider davon auszugehen, dass es auch zu Insolvenzen kommen würde. Wie in jedem Insolvenzfall wäre das mit einer Vermögensentwertung verbunden. Die Mitglieder der betroffenen Agrargenossenschaften müssten das als "zweite Enteignung" empfinden, denn wie oben dargestellt, sind die Agrargenossenschaften und anderen Gemeinschaftsunternehmen historisch infolge der Kollektivierung entstanden.

Die unmittelbare Folge der Einführung einer Obergrenze wäre ein dramatischer Arbeitsplatzabbau in den Agrargenossenschaften und anderen Gemeinschaftsunternehmen. Aufgrund der beschriebenen Situation wäre nach einem solchen abrupten staatlichen Eingriff in die wirtschaftliche Situation der Betriebe mit der Insolvenz von Agrargenossenschaften und anderen Gemeinschaftsunternehmen vor allem die Aufgabe arbeitsintensiver Produktionszweige, insbesondere der Milchviehhaltung, verbunden. Die Milchproduktion findet überwiegend in den Unternehmen statt, die potentiell von der Einführung einer betrieblichen Obergrenze betroffen wären. Betriebe mit mehr als rund 850 ha wären zum Beispiel bei einer Obergrenze von 300 000 € wegen des Wegfalls der Direktzahlungen (Ausgleichszahlungen) aber künftig kaum noch wirtschaftlich zu betreiben. Folglich würde insbesondere die Basis für die Milchviehhaltung entfallen. Selbst die Agrargenossenschaften, denen es gelänge, eine Insolvenz abzuwenden, könnten das nur durch eine rigorose Kostensenkung erreichen. Nennenswerte Einsparmöglichkeiten existieren nur bei den Personalkosten, was die Aufgabe arbeitsintensiver Betriebszweige, wie der Milchkuhhaltung, zur Folge hätte. Ob Insolvenz oder betriebswirtschaftliche Anpassung, die Effekte für die Beschäftigungssituation wären die gleichen - ein dramatischer Verlust von Arbeitsplätzen in der Landwirtschaft.

Die Leidtragenden der Einführung von Obergrenzen wären in letzter Konsequenz also die Beschäftigten der betroffenen Unternehmen, unabhängig davon, ob sie gleichzeitig Mitglieder bzw. Kapitaleigner der Genossenschaft oder Kapitalgesellschaft sind. Grund dafür ist die Tatsache, dass den Agrargenossenschaften neben der Einstellung arbeitsintensiver Betriebszweige als "Anpassungsreaktion" nur noch die Lohnkürzung bliebe. Allerdings ist bei Personalaufwendungen (einschl. Arbeitgeberanteil) von durchschnittlich 24 265 € (Quelle: "Agrarbericht der Bundesregierung 2007"), was einem Bruttolohn von ca. 20 000 € entspricht, kein Spielraum für Lohnkürzungen vorhanden. So dürfte für viele Menschen heute in den Agrargenossenschaften und landwirtschaftlichen Gemeinschaftsunternehmen der neuen Bundesländer der Arbeitsplatzverlust die wahrscheinlichste Konsequenz der Einführung von Obergrenzen werden.

Folgen für den ländlichen Raum
Die Kürzung der Direktzahlung würde in der Landwirtschaft in den fünf neuen Bundesländern zu jährlichen Einnahmeverlusten von schätzungsweise 300 bis 500 Mio € führen, je nachdem welches Degressions- oder Obergrenzenmodell zur Grundlage der Berechnungen genommen wird. Diese unmittelbaren Verluste für die Betriebe würden sich im ländlichen Raum noch potenzieren. Zu dem direkten Einkommens- und Kaufkraftverlust kämen der Verlust an Hoffnung und Zuversicht wegen des drohenden Arbeitsplatzverlustes, der Vermögensverlust durch die Aufgabe von Betriebszweigen oder der Insolvenz von Unternehmen. Die Auswirkungen wären ein zusätzlicher Konsumverzicht und rückläufige Investitionen im ländlichen Raum mit entsprechenden Konsequenzen für das Handwerk, ländliche Dienstleister und den Handel. Besonders gravierend wäre die Situation in den Dörfern, in denen Agrargenossenschaften die größten und oftmals sogar die einzigen Arbeitgeber und Steuerzahler in den Gemeinden sind.

Agrargenossenschaften sind für viele Unternehmen im ländlichen Raum ein nicht zu ersetzender Auftraggeber, wie zum Beispiel die Mischfutterindustrie, Landhändler und Bauunternehmen. Aufgrund dieser wirtschaftlichen Abhängigkeit bekämen auch diese Unternehmen die gravierenden Einnahmerückgänge durch die Kürzung der betrieblichen Direktzahlungen bei ihren Auftraggebern zu spüren.

Auch die Ernährungsindustrie, die zu den Vorzeigebranchen Ostdeutschlands gehört, bekäme die wirtschaftlichen Folgen zu spüren, wobei die Molkereiwirtschaft durch den zu befürchtenden Rückgang der Milchviehhaltung besonders betroffen wäre.

Förderrechtliche und volkswirtschaftliche Folgen
In den letzten Jahren sind in erheblichem Umfang Investitionen in die Tierhaltung, in Biogasanlagen und Produktionstechnik mit öffentlichen Geldern gefördert worden. Fördervoraussetzung war die Schaffung und Erhaltung von Arbeitsplätzen und der Betrieb der mit Fördergeldern finanzierten Anlage über einen bestimmten Zeitraum. Bei einer vorzeitigen Produktionsaufgabe droht eine Rückforderung der Fördermittel. Da die Agrargenossenschaften und Gemeinschaftsunternehmen zur Rückzahlung der Fördersummen in dieser Situation am wenigsten in der Lage sein dürften, bliebe den Unternehmen lediglich die Wahl zwischen Insolvenz wegen laufender Verluste oder Insolvenz wegen Rückzahlung der Fördergelder.

Volkswirtschaftlich würden vor allem die Arbeitsplatzverluste zu Buche schlagen. Das ist umso bedenklicher, als der heutige Beschäftigungsstand erst im Ergebnis massiver öffentlicher Förderung und Unterstützung erreicht wurde. Hinzu kommt, dass die landwirtschaftlichen Arbeitsplätze in strukturschwachen Gebieten alternativlos sind. Die Erfahrungen nach der Wiedervereinigung haben gezeigt, dass Arbeitsplätze im ländlichen Raum, die einmal verloren gegangen sind, wie Anfang der neunziger Jahre durch den Rückgang der Tierbestände um ca. 70 %, kaum wieder zu beschaffen sind und wenn, dann nur durch den Einsatz massiver finanzieller Mittel. Dabei ist, wie schon erwähnt, nicht nur an die Landwirtschaft selbst zu denken, auch Arbeitsplätze in Bereichen wie der Biogas- und Biodieselerzeugung, der Futtermittelindustrie und dem Landhandel wären betroffen.

Da die Beschäftigung in den Agrargenossenschaften ausnahmslos versicherungspflichtig erfolgt, würde sich ein Rückgang der Beschäftigung in der Landwirtschaft auch auf die Einnahmen der Renten-, Kranken-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung auswirken. In den ländlichen Räumen Ostdeutschlands existieren, abgesehen von wenigen Ausnahmen, kaum Arbeitsplätze außerhalb der Landwirtschaft; jeder Arbeitsplatzabbau würde unweigerlich zu einer Vergrößerung der Langzeitarbeitslosigkeit mit den entsprechenden Auswirkungen auf die Ausgaben führen.

Zu den volkswirtschaftlichen Folgen sind auch die Auswirkungen für die Kredit gebenden Banken zu zählen. Die Banken wären von den Folgen in mehrfacher Hinsicht betroffen. Wie ausführlich beschrieben, dürfte in vielen Genossenschaften der bisherige Geschäftsbetrieb nur noch mit erheblichen Verlusten möglich sein. Selbst bei einschneidenden "Anpassungsschritten", was - wie ausführlich dargelegt - meist die Schließung arbeitsintensiver Betriebszweige zur Folge hätte, müssten die Banken in vielen Fällen auf Forderungen verzichten. Außerdem sind die gesetzlich festgeschriebenen Zahlungsansprüche dem Anlagevermögen in den Fällen zugeordnet, wo diese gekauft wurden.

Die Einführung einer Obergrenze würde in diesen Fällen das Eigenkapital schmälern und könnte bei Betrieben mit einer geringen Eigenkapitalausstattung unmittelbar zur bilanziellen Überschuldung führen. Bei der Bewertung der volkswirtschaftlichen Auswirkungen ist besonders zu bedenken, dass sich die beschriebene Entwicklung nicht auf einzelne Betriebe beschränken wird, sondern alle Agrargenossenschaften und Gemeinschaftsunternehmen der Landwirtschaft davon betroffen wären. Für Banken, die stark im landwirtschaftlichen Kreditgeschäft sind, könnte das zu einem erheblichen Wertberichtigungsbedarf führen. Zusätzlich ist davon auszugehen, dass durch ein schlechteres Rating der Landwirtschaft die Zinsbelastung bei Zukunftsinvestitionen steigen wird.

Nicht zuletzt würde sich die Nettozahlerposition Deutschlands innerhalb der Europäischen Union deutlich verschlechtern, da die gekürzten Direktzahlungen von Brüssel einbehalten würden und nicht für eine anderweitige Verwendung in Deutschland zur Verfügung stünden. Außerdem ist von einer deutlichen Schwächung der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Land- und Ernährungswirtschaft auszugehen, denn gerade die ostdeutschen Agrargenossenschaften und Gemeinschaftsunternehmen sind wichtige Zulieferer für die Ernährungsindustrie.

Fazit
Bei Einführung einer Zahlungsobergrenze in Höhe von 300 000 € oder einer vergleichbaren Größenordnung wäre mit gravierenden negativen Folgen für die betroffenen Agrargenossenschaften und die anderen Gemeinschaftsunternehmen, ihre Mitglieder, Gesellschafter, Beschäftigte und Familien sowie Verpächter und Wirtschaftspartner bis hin zur Ernährungsindustrie und den Banken zu rechnen.

Die Abwälzung von Einsparungen im Agrarhaushalt der Europäischen Union auf Deutschland und in Deutschland auf die neuen Länder wäre unsolidarisch und unsozial sowie im höchsten Maße kontraproduktiv. Mit erheblicher öffentlicher Förderung aufgebaute Betriebe würden gefährdet, wenn nicht sogar kaputt gemacht und viele Menschen würden ihren Arbeitsplatz verlieren.

Agrargenossenschaften und andere landwirtschaftliche Gemeinschaftsunternehmen in der Rechtsform einer juristischen Person sind mittelständische Unternehmen, deren besondere Unterstützung erklärtes Ziel der Politik ist. Eine Benachteiligung bis hin zur Zerschlagung dieser Unternehmen durch die willkürliche Festlegung einer Obergrenze für die betrieblichen Direktzahlungen ist damit nicht vereinbar. Zudem wären die seit der Herstellung der Deutschen Einheit gewährten umfangreichen staatlichen Fördermittel zum Aufbau einer wettbewerbsfähigen Landwirtschaft in den neuen Bundesländern faktisch entwertet.

Abschließend sei darauf hingewiesen, dass die Prognose der Folgen einer Einführung von Obergrenzen für die EU-Prämienzahlung auf der Annahme beruht, dass bei Einführung auf ein Referenzjahr Bezug genommen wird und damit die Kappung der Direktzahlungen durch Betriebsteilungen nicht umgangen werden kann. Ansonsten würden sich weniger pessimistische Szenarien ergeben. Allerdings wäre auf der anderen Seite der Einsparungsbetrag spürbar niedriger.

Würden allerdings Betriebsteilungen zugelassen bzw. "Neugründungen" auf den Flächen der ursprünglichen Agrargenossenschaften bzw. die Anpachtung der Flächen von Nachbarbetrieben erlaubt, gäbe es für die EU keinerlei Einsparungseffekt, denn die Direktzahlungen würden in gleicher Höhe gewährt. Allerdings würden die Zahlungen an andere Empfänger fließen, denn wie mehrfach befürchtet und von einigen von Anfang an gewünscht und gefordert, die bisherigen Betriebsstrukturen würden beseitigt, mit all den aufgelisteten negativen Folgen für die unmittelbar Betroffenen und den ländlichen Raum insgesamt.

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