• Anschrift:
    Bundesverband
    Deutscher Landwirte e.V.
    Dresdner Straße 46
    09526 Dittmansdorf
zurück

Vor 50 Jahren der 17.Juni
„Wir fordern Butter - und keine Kanonen“
Im April 1953 beschließt die DDR, knapp zwei Millionen Bürger von der Lebensmittelkartenversorgung auszugrenzen
Von Falco Werkentin
Pressemitteilung vom 30.04.2003


„Wir fordern Butter - und keine Kanonen.“ So hieß eine der vielen Forderungen, die am 17. Juni 1953 von Demonstranten skandiert wurden. Das mag auf den ersten Blick überraschend sein. Denn Dank ihres Fleißes und Aufbauwillens hatten auch die Bewohner der DDR nach den Hungerjahren der unmittelbaren Nachkriegszeit nach und nach eine leichte, aber spürbare Verbesserung ihrer Lebenslage erlebt. Während im Februar 1950 in der Bundesrepublik grundsätzlich alle Lebensmittelrationierungen und damit Lebensmittelkarten aufgehoben worden waren, gab es diese Bezugsscheine in der DDR zwar noch, um die Mindestversorgung der Bevölkerung zu sichern. Aber die Rationen für Grundnahrungsmittel auf den Lebensmittelkarten hatten zugenommen, und die Preise in den Läden der staatlichen Handelsorganisation HO für Lebensmittel, die man ohne Karten kaufen konnte, waren deutlich zurückgegangen. Kostete in der HO 1950 ein Pfund Butter noch 18 Mark, so lag der Preis 1952 bei zehn Mark; ein Pfund Jagdwurst kostete 1952 nur noch 6,75 Mark statt der 12,25 Mark, die man 1950 zahlen musste. Konnte man 1949 auf der Lebensmittelgrundkarte monatlich 600 g Fleisch, 750 g Zucker und 300 g Fett kaufen, so waren es 1952 immerhin 1380 g Fleisch, 1240 g Zucker und 915 g Fett.
Trotzdem war es seit Sommer 1952 zunehmend schwieriger geworden, selbst die geringen Lebensmittelkartenrationen zu erhalten. Schuld daran hatte nach üblichem Argumentationsmuster der SED-Führung natürlich das kapitalistische Ausland. Im Dezember 1952 erklärte DDR-Ministerpräsident Otto Grotewohl auf der Titelseite der „Täglichen Rundschau“ der Bevölkerung, warum seit Monaten die Versorgung mit den eh geringen Fettrationen nicht mehr gesichert war. Der Klassenfeind im Westen hätte seine Lieferverträge nicht eingehalten. Zum Trost fügte Grotewohl hinzu: Auch die Bevölkerung im westlichen Ausland würde darben. Was er nicht sagte: Die DDR verkaufte zum gleichen Zeitpunkt in großem Umfang Zucker in die Bundesrepublik, um so genannte Devisen zu bekommen.
Am 9. April 1953 unternahm der Ministerrat dann einen Versuch, die Versorgungslage in den Griff zu bekommen. Und zwar mit dem Beschluss, zum 1. Mai „den Kreis der Lebensmittelkartenempfänger einzuschränken“. Damit werde ein wichtiger Schritt auf dem Wege zur völligen Aufhebung der Lebensmittelrationierung getan, lautete die Begründung.
Faktisch jedoch bedeutete es, dass rund zehn Prozent der DDR-Bevölkerung, knapp zwei Millionen Menschen, der Möglichkeit einer legalen und bezahlbaren Mindestversorgung beraubt wurden. Betroffen von der Neuregelung waren private Unternehmer (Besitzer, Mitbesitzer, Aktionäre und Pächter), Handwerker mit mehr als fünf Beschäftigten, breiberufliche Rechtsanwälte, Handelsvertreter privater Unternehmen, Einzel- und Großhändler, Gaststättenbesitzer, Eigentümer brach liegender Landwirtschaftsflächen, Haus- und Grundstücksmakler und im Westen arbeitende DDR-Bürger („Grenzgänger“).
Aus Sicht der DDR-Führung machte diese Ausgrenzung Sinn. Denn in ihren Augen, und die DDR-Medien hatten dies propagiert, waren diese Gruppen mitverantwortlich für die Versorgungsprobleme und gehörten zudem einer im Sozialismus untergehenden „“Schmarotzerklasse“ an. Die Folgen für die Betroffenen waren jedoch fatal. Als einzige legale Einkaufsmöglichkeit für Grundnahrungsmittel blieben ihnen die HO-Läden. Doch dort mussten die im Vergleich zu den Lebensmittelkarten den vier- bis fünffachen Preis für Fleisch und Wurst, Butter oder Margarine zahlen. Bisher war, wenn sie ihre Monatsrationen auf der Lebensmittelgrundkarte völlig ausschöpften (915 g Margarine, 1240 g Zucker, 1380 g Fleisch) dafür monatlich 6,45 Mark zu zahlen. Ab dem 1. Mai mussten sie für dieselbe Menge in der HO 25,35 Mark auf den Tisch legen.
Ost-Berliner und Bewohner aus den Berliner Randgebieten besaßen noch eine Alternative: den Einkauf in West-Berlin. Zwar lag der Umtauschkurs zwischen West- und Ostmark 1953 bei 1:5 bis 1:6. Doch es gab in West-Berlin immerhin alle Waren sowie Bedarf an Gütern aus der DDR (Fleisch, Bettfedern, Schmuck), die sich gut tauschen ließen. Wenn man jedoch Pech hatte, wurden die teuer eingekauften Sachen von den Mitarbeitern des Amtes für Zoll und Kontrolle des Wahrenverkehrs beschlagnahmt. Diese kontrollierten beim Grenzübergang in speziellen Baracken (im Volksmund „Schnüffelbude“ genannt) die Handtaschen, streckten ihre Hände in die Unterhosen und schauten nach, was Frauen im BH über die Grenze zu schmuggeln suchten.
Die Neuregelung der Lebensmittelkartenversorgung war ein weiterer Baustein, der zur Unruhe in der Bevölkerung und schließlich zu den Protesten im Juni führen sollte. Nicht nur die ausgegrenzten Kartenberechtigten litten unter den Fehlern und der Politik der SED-Führung, die zum Beispiel zu steigenden Ausgaben für Rüstungsanstrengungen führten, sondern auch die in der SED-Propaganda als „herrschende“ Klasse gefeierten Arbeiter. Auch wenn Schwerarbeiter und schwangere Frauen etwas größere Rationen auf Lebensmittelkarten bekamen - und Ost-Berliner generell höhere Rationen als der Rest der DDR-Bevölkerung - reichten diese im Frühjahr 1953 nicht mehr aus, um satt zu werden. So waren auch Arbeiter und andere untere Einkommensgruppen gezwungen, in den HO-Läden zu Wucherpreisen dazuzukaufen. Außerdem kamen zu den bereits im März 1953 erfolgten Preiserhöhungen für Fleisch und Schnaps im April höhere Preise für Marmelade und Kunsthonig dazu. Das statistische Jahrbuch der DDR beziffert das durchschnittliche Monatseinkommen einer Arbeiterfamilie mit zwei Kindern für das Jahr 1953 auf einen Betrag von 295 Mark. Eine Übersicht des MfS lässt erahnen, dass Partei- und Gewerkschaftsfunktionären die Sorgen der Bevölkerung fremd sein mussten. Das Stasi-Papier nennt für 1953 als Monatseinkommen für den Gewerkschaftschef des Chemiewerkes Buna den Betrag von 1200 Mark.
Die Chefin der SED-Parteihochschule in Kleinmachnow, Hanna Wolf, erhielt seit Februar 1953 ein monatliches Gehalt von 3200 Mark – das Elffache dessen, was einer Arbeiterfamilie mit zwei Kindern zur Verfügung stand. SED-Kreissekretäre verdienten seit Mai 1952 monatlich 1000 Mark. Für sie war es also kein Problem, in den Ho-Läden einzukaufen.
So wird verständlich, warum Demonstranten am 17.Juni „Butter statt Kanonen“ forderten sowie Büros des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) und der SED stürmten und zertrümmerten. Gleiches geschah mit HO-Läden und den „Schnüffelbuden“.

zurück