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Der Wald kehrt zurück
Seit zehn Jahren wuchs die bewaldete Fläche in Deutschland um 1000 m²
Von Heike Vowinkel und Jörg Völkerling
Pressemitteilung vom 30.04.2003


Wenn Wachstum Krach machen würde, könnten wir uns hier nicht unterhalten“, sagt Sebastian Freiherr von Rotenhan (53) und balanciert über einen morschen Ast. Rothenhan hat viel zu erzählen, wenn er Besucher durch seinen 1260 Hektar großen Wald bei Rentweinsdorf in Unterfranken führt. Wie wüstes Gestrüpp säumen junge Bäume den Waldweg – doch das Durcheinander aus Buchen, Fichten, Tannen und Kiefern ist gewollt. „Schauen Sie“, sagt der Freiherr und weist auf eine 150 Jahre alte Fichte, „wenn ich diese hier fälle, wächst dort drüben schon der Nachfolger.“
Gesundes Chaos hält Einzug in deutsche Wälder. Statt monotoner Einheitlichkeit reiner Fichten- oder Kiefernforste mit Bäumen, die in Reih und Glied gleich hoch stehen, ist vielerorts der Wald fast unbemerkt wilder, gemischter und natürlicher geworden. Die Nutz-, Schutz- und Erholungsfunktion des Ökosystems Wald zu erhalten beziehungsweise zu erhöhen, streben mittlerweile nicht mehr nur ein paar wenige Waldbesitzer wie von Rotenhan an. Auch der Staat, dem 34 Prozent des deutschen Waldes gehört, setzt mittlerweile auf „naturnahe Waldwirtschaft“, fördert sie zudem finanziell bei privaten Waldbesitzern und überall dort, wo neuer Wald entsteht. Und an neuem Wald herrscht in Deutschland erstaunlicherweise kein Mangel. Herrschte bisher die Meinung vor, der Ausbau der Infrastruktur dränge die Natur für alle Zeiten zurück, so muss diese Annahme jetzt revidiert werden: Das Statistische Bundesamt gab vergangene Woche überraschend bekannt, dass sich allein in den letzten zehn Jahren die Waldfläche im Bundesgebiet um jährlich 100 Quadratkilometer auf insgesamt 10,7 Millionen Hektar erweitert habe. Dort, wo Bauern ihre Felder „stilllegen“, aber auch dort, wo nach dem Willen des Gesetzes „Ausgleichsgrün“ für neue Wohn- und Gewerbeansiedlungen entsteht, schießen die Bäume in den Himmel.
Wo neuer Wald entsteht, da soll er möglichst „ökonomisch“ sein. Nicht ohne Grund: Nach dem Waldsterben in den 1980er-Jahren und verheerenden Stürmen wie „Wiebke“ in den 90ern zeigten sich unübersehbar die Nachteile der konventionellen Waldwirtschaft: Der so genannte Altersklassenwald, bestehend aus zumeist einheitlichen Nadelhölzern gleichen Alters, ist anfälliger für Schädlinge, Witterungsschäden und Störungen im Nährstoffhaushalt. Allmählich setzte ein Umdenken ein: Statt Kahlschlags werden einzelne Bäume „geerntet“, statt Monokulturen werden „standortgerechte Mischwälder“ gefördert, statt gesteuert Samen zu pflanzen, soll sich der Wald auf natürlichem Weg verjüngen. Freiherr von Rotenhan beobachtet diese Entwicklung nicht ohne Genugtuung.
Denn der Forstbetrieb der Rotenhans arbeitet schon seit mehr als 100 Jahren ökologisch. Bereits der Urgroßvater hatte begonnen, sich der gängigen Lehrmeinung von der Kahlschlag-Bewirtschaftung im Altersklassenwald zu widersetzen. Er ließ alles so, wie es war. Zuweilen wurden Bäume, die zu eng standen, ausgeschlagen. „Doch sonst machten wir es einfach wie die Spargelbauern: Was reif ist, wird gezogen“, sagt Rotenhan.
Kein einziger Baum ist künstlich in seinen Wald verfrachtet worden, alles ist natürlich gewachsen. „Das kommt billiger“, sagt der Forstunternehmer. Naturnahe Waldwirtschaft ist für ihn daher weniger Ideologie als schlicht ein Geschäft. „Kahlschlag macht den Wald immer wieder kaputt, ich dagegen habe hier ein Rad, das sich ewig dreht – und damit immer ein Vollangebot, fast wie bei Hertie.“ Industrieholz für die Papierherstellung, Bauholz für Dachbalken, Edelholz für exklusive Möbel: „Der Wald soll mich nicht zum Millionär machen, aber es muss reichen, meine sieben Kinder zu ernähren.“
Von Rotenhan geht es auf Grund der Vielfalt seines Waldes besser als vielen anderen Forstbesitzern, denen die derzeitige Ertragskrise zu schaffen macht. „Die Gewinnmargen schrumpfen, manche Betriebe schließen defizitär ab, Arbeitsplätze sind in Gefahr“, sagt Dr. Stefan Nüßlein, Geschäftsführer des Deutschen Forstwirtschaftsrates, dem Dachverband der Waldbesitzer. Die Holzpreise stagnierten nach den zurückliegenden Jahrhundertstürmen, die Löhne steigen, die Produktion in Nachbarländern wurde billiger und die ständig neuen Auflagen für die Bewirtschaftung schmälerten die Rentabilität. Dennoch sind die konventionellen „Altersklassenwälder“ in Deutschland nach wie vor die Regel. Viele Waldbesitzer schreckt vor allem die lange Dauer einer Umstellung, die Jahrzehnte braucht. „Dabei sind schon nach zehn bis fünfzehn Jahren erste Erfolge sichtbar“, erklärt Dr. Franz Straubinger, Verwaltungsdirektor der naturnahen Wälder des Grafen Hermann von Hatzfeldt, des größten privaten Waldbesitzers in Rheinland-Pfalz und Brandenburg. Dr. Straubinger stellt seit zwei Jahren in Brandenburg einen ehemals reinen Kiefernwald auf naturnahe Waldwirtschaft um. Straubinger: „Die Umstellung rechnet sich: Wir sparen an Chemie und brauchen kaum mehr neue Pflanzen zu kaufen, denn der Wald verjüngt sich selbst.“
Den Wald nutzen, ohne dass er es merkt – Forstwirte wie von Rotenhan und von Hatzfeldt schaffen kleine Biotope. Die Weide am Wegrand: Dort tummelt sich der Silberfalter. Das Totholz am Boden: 70 Prozent der Käfer ernähren sich davon. Der Morsche Baumstumpf: Die Spechte brauchen ihn. Ganz nebenbei wird so die Vielfalt der Tier- und Pflanzenwelt gefördert.
Nur mit den viel zu hohen Wildbeständen sind die Waldbesitzer allesamt unzufrieden. Denn Rehe und Hirsche sind die größten Feinde der Öko-Waldwirtschaft. Von Rotenhan bleibt an einer gerade sechs Jahre alten Tanne stehen: „Da kriege ich das gelbe Glimmen in den Augen“, sagt er und zeigt auf einen vollständig abgeknabberten Wipfeltrieb. Die Förster sind sich einig: Gegen diese Schäden hilft nur Gewalt. Und so ist in den friedlichen Öko-Wäldern dann doch ab und an gewaltiger Krach zu hören: Wenn von Rotenhan und seine Mannen auf Rotwildjagd sind.

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