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Der Bauer ist kein Spielzeug nicht!
Von Karin Blumer, Tierärztin und Bioethikerin
Pressemitteilung vom 19.04.2001


Von der Burg Nideck im Elsass aus ließ Adalbert von Chamisso einst ein Riesenfräulein die Lande erkunden. Auf ihrem Streifzug sammelte sie einen Bauern samt Gespann auf und nahm ihn mit auf die Burg. Der Riesenvater teilte die kindliche Begeisterung über das neue Spielzeug nicht. Sein Tadel ging in die Weltliteratur ein:

„Das ist kein Spielzeug nicht!
Wo du es hergenommen, da trag es wieder hin,
der Bauer ist kein Spielzeug, was kommt dir in den Sinn?
Sollst gleich und ohne Murren erfüllen mein Gebot;
denn wäre nicht der Bauer, so hättest du kein Brot.“


Heute mögen viele Bauern, die verzweifelt versuchen, ihren zwischen New Economy und High-Tech-Boom zum Nischendasein verkümmerten Sozialstatus zu behaupten, über diese Zeilen lachen. Aus ihrer Perspektive scheint es als sei ein Großteil der Öffentlichkeit dem immer stärker grassierenden Jugendwahn so sehr verfallen, dass Deutschland von Riesenkindern beherrscht wird, deren Väter sich stillschweigend auf das Altenteil zurückgezogen haben.
Unsere Bauern sind längst zum Spielzeug degradiert. Zwischen Brüssel und Berlin jongliert man mit ihren Interessen, was vor BSE und MKS kaum Sujet breiterer Diskussionen war. Seit aber vermeintliche und echte Tierseuchen via Titelseite und Bildschirm auch den landfernsten Haushalt erreicht haben, hat das Spiel mit den Bauern eine neue Dimension erlangt. Besonders betroffen sind die Rinderhalter: Wie ihre Namensvettern die Bauern im Schach, werden sie je nach aktueller Nachrichtenlage verschoben. Das eine Mal finden sie sich als gewissenlose Tierausbeuter wieder, die selbst um den Preis widernatürlichen Kannibalismus Rinder zu Höchstleistungen zwingen. Das andere Mal werden sie als profitgierige Massentierhalter, die den Bezug zum achtenswerten Mitgeschöpf verloren haben, an den Pranger des wieder erwachten öffentlichen Verantwortungsgefühls gestellt. Die Realität könnte man treffender mit Zahlen formulieren. Dann zeigt sich, dass in über 60 Prozent der knapp 220 000 Rinderbetriebe weniger als 50 Tiere stehen, was kaum für eine „industrielle“ Haltung spricht. Oft vergessen: Milchviehhalter, mit 68 Prozent die größte Gruppe der Rinderhalter, müssen wegen des Melkens einen besonders engen Bezug zu ihren Tieren haben.
Zu wenig wahrgenommen: Selbst in der „konventionellen“ Haltung, die meist dem Schimpfwortcharakter ihrer Bezeichnung nicht entspricht, werden viele Tiere ausgetrieben oder in tiergerechten Laufställen gehalten. Man kann die Realität auch jenseits von Zahlen auf einer persönlichen Ebene beschreiben. Dann begegnet man Menschen wie Martha Ostler.
Als Idealtypus der oberbayerischen Bäuerin würde die Vollerwerbslandwirtin in jeden Heimatfilm passen. Ein Zopfdutt aus grauem Haar thront über dem wettergegerbten Gesicht, ihr vollbusiger Oberkörper ruht über den verschränkten Armen auf dem Gasthaustisch, an dem sie eben mit 20 anderen Bauern einem wissenschaftlichen Vortrag über BSE lauschte. Sie bricht das übliche kurze Schweigen nach einem Referat und erzählt stolz von ihren 34 Murnau-Werdenfelser Kühen, die sie alle beim Namen ruft und im Sommer täglich auf die Weide treibt.
Das Murnau-Werdenfelser Rind, schöne Tiere mit dunklem Flotzmaul und ebensolcher Gesichtsmaske, ist eine genetisch wertvolle aussterbende Rasse. Niemand achte mehr den Dienst, den sie der Gesellschaft tue, klagt Frau Ostler, deren Betrieb trotz optimaler Tierhaltung „konventionell“ ist – weil sie auf dem Maisacker, der zu ihrem Hof gehört, nicht gänzlich auf Kunstdünger verzichtet. Dabei sei doch gerade wegen BSE Kunstdünger viel sicherer als Knochen- und Blutmehl, das im Ökolandbau eingesetzt wurde, klagt sie leise – Bauern flüstern oft dieser Tage.
Frau Ostlers Schwägerin sitzt schweigend neben ihr. In ihrem Stall wurde vor vier Jahren ein BSE-Rind geboren, das sie weiterverkaufte. Nach dem Testergebnis wurden all ihre Rinder, die im Jahr vor und nach der BSE-Kuh geboren wurden, gekeult. Nach den Erzählungen der beiden Frauen herrscht Schweigen. Beinahe physisch ist die Angst vor BSE und MKS zu spüren, vor Feriengästen, auf die keiner verzichten kann und die doch das Virus einschleppen könnten, die Angst vor Massenkeulungen und Sperrbezirken, vor dem Todesstoß für viele Kleinbetriebe.
Tatsächlich sind alle über das große Berliner Schweigen entsetzt. Kanzler und Bundespräsident scheinen die Krise völlig in die Hände von Frau Künast gelegt zu haben. Auf Zuspruch von oberster Stelle wartet man am Land vergeblich. Vielleicht sollte man Berlin empfehlen, Chamissos Gedicht weiterzulesen. Dort mahnt der Vater :

„Es sprießt der Stamm der Riesen aus Bauernmark hervor, der Bauer ist kein Spielzeug, da sei uns Gott davor.“

Nicht nur der Stamm der Riesen, unser aller Existenz wurzelt letzten Endes im Bäuerlichen, das Achtung und Respekt verdient. „Wer die Macht hat, hat das Recht auf Erden“, stellte Chamisso nüchtern fest. Es bleibt zu hoffen, dass bei der Bewältigung der aktuellen Krisen Macht und Recht Hand in Hand gehen und nicht mächtige Journalisten, Verbraucher und politische Repräsentanten ohnmächtige Landwirte entrechten.

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