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Der Stich des Skorpion
ARD über das Schicksal des Stasi-Opfers Wolfgang Welsch
Pressemitteilung vom 30.04.2005


Gerade zwanzig Jahre alt ist der Schauspielschüler, Lyriker und Schriftsteller, als er im Frühjahr 1964 nach einem mißglückten Fluchtversuch aus der DDR von der Stasi verhaftet wird. Sieben Jahre lang ist er in den Gefängnissen der SED-Diktatur der Willkür seiner Peiniger ausgeliefert. Wolfgang Welsch wird gedemütigt, geschlagen, isoliert, des Tageslichts beraubt. Acht Tage verbringt er unbekleidet in einer Kältezelle, deren Wände der Rauhreif weiß gefärbt hat. Die Folter zerstört seinen Körper, doch über die Mitwisser seiner Flucht verrät er nichts. Eines Nachts zerren ihn Stasi-Beamte an eine Wand im Hof, verbinden seine Augen, und der Dieselmotor springt an. Gerade so laut, daß er das rhythmisch klackende Entsichern der auf ihn gerichteten Gewehre noch hören kann. Wolfgang Welsch wartet auf den Tod. Als die Schüsse knallen, sind es Platzpatronen. Hinrichtung zum Schein. Die Scheinhinrichtung ist eine der Szenen, mit denen sich der hochkarätig besetzte Film "Der Stich des Skorpion", (Anfang April sendete die ARD), dem Grauen der Haftzeit von Wolfgang Welsch nähert. „Immer wenn die Wärter jemanden schlugen", erinnert sich Welsch an seine Jahre im Stasi-Gefängnis Pankow, "sprang ein Dieselmotor an. Die Schreie der Opfer wurden so übertönt."

Kein Good Bye Lenin
Gelungen ist ein Film, der die Realität der ostdeutschen Diktatur jenseits der idealisierten Gemütlichkeit von Plattenbau und Spreewaldgurken, wie sie etwa "Good Bye Lenin" zelebriert, zeigt, so eine FAZ-Rezession. " Wenn die Wunde nicht schmerzt, schmerzt die Narbe", zitiert Welsch Bertolt Brecht in seinem Buch "Ich war Staatsfeind Nr.1". "Den Widerstand gegen die DDR hat die Stasi im Gefängnis in mich hineingeprügelt", sagt Wolfgang Welsch, der heute sechzig Jahre alt ist. An eine Schauspielkarriere ist nach seinem Freikauf im Jahr 1971 nicht mehr zu denken. Bis heute leidet er aufgrund der traumatischen Foltererlebnisse unter Konzentrationsstörungen. Kaum im Westen angekommen, nimmt er den Kampf gegen das verhaßte Regime auf: An der Universität Gießen schreibt er an einer Doktorarbeit über das Ministerium für Staatssicherheit, verfaßt ein Memorandum über die Menschenrechtsverletzungen in der DDR, mit dem er bei den Vereinten Nationen gegen die Aufnahme der DDR in den Völkerbund protestiert, und hält in Universitätsgremien Vorträge über die Verbrechen der Stasi. Linksorientierte Kommilitonen protestieren gegen ferne Diktatoren und wollen kein Wort darüber hören, daß der nur einige Kilometer entfernte SED-Staat Gefangene systematisch foltert.

Fast zweihundert Akademiker aus der eingemauerten DDR geschleust
Als "Kapitalistenknecht" und "Republikflüchtiger" wird Welsch beschimpft. Als er innerhalb weniger Jahre mit einem Fluchthelfer-Unternehmen fast zweihundert Akademiker aus der eingemauerten DDR schleust und so zur Erosion des Systems beiträgt, gerät er abermals ins Fadenkreuz der Stasi. "Ich glaubte an den gesamtdeutschen Gedanken. Jeder DDR-Bürger, den ich hier im Westen begrüßen konnte, war Genugtuung für mein eigenes Leid", sagt Wolfgang Welsch. Am 18.Mai 1980 gibt der Stasi-Chef Erich Mielke grünes Licht für eine "tschekistische Operation im imperialistischen Ausland": Die "Operation Skorpion", deren Ziel die Ermordung von Wolfgang Welsch ist, läuft an. Der Fluchthelfer ahnt nicht, daß die Stasi ein Netz aus Bespitzelung und Betrug gesponnen hat. Selbst seine damalige Frau, so Welschs Verdacht, sei involviert gewesen.

Kugel, Gift und Sprengstoff
Während eines Sommerurlaubs mit der gemeinsamen Tochter Nathalie in Griechenland setzt die Stasi den Inoffiziellen Mitarbeiter mit Decknamen "Alfons", einen Elektriker aus Hameln, der sich als Fotograf Peter Haack mit Wohnsitz in London ausgibt, auf die Familie an. Scheinbar zufällig lernt man sich in einer Taverne bei einem Glas Retsina kennen und schließt Freundschaft. Aus "IM Alfons" wird "IMF Alfons" - ein "Inoffizieller Mitarbeiter mit Feindkontakt". Immer wieder besucht dieser Peter Haack in den Monaten danach bei Zwischenstopps auf dem Weg nach London die Familie Welsch in Gießen. Er sitzt mit im Auto, als bei einem Gegenbesuch in England eine Kugel nur knapp den Kopf von Wolfgang Welsch verfehlt. Peter Haack ist auch derjenige, der bei einer anderen Gelegenheit ein Paket Plastiksprengstoff im VW Golf des Fluchthelfers deponiert. Die Explosion überlebt Welsch wie durch ein Wunder. Verdacht gegen den vermeintlichen Freund schöpft er nicht: "Kabelbrand" lautet die Fehldiagnose der Autobahnpolizei. Als Peter Haack im Sommer 1981 einen gemeinsamen Urlaub in Israel vorschlägt, stimmt Familie Welsch begeistert zu. Während Wolfgang Welsch, seine Frau Hilde und die damals elf Jahre alte Nathalie ihre Zeit am Roten Meer genießen, bereitet "IMF Alfons" im Wohnmobil Buletten vor. In das Fleisch mischt er das geschmacksneutrale Gift Thallium. Die Gift-Liste der Stasi beschreibt es mit den Worten "besonders schwer nachweisbar" und "lange Inkubationszeit". Tochter Nathalie und Hilde kosten nur, Wolfgang Welsch greift kräftig zu. Ein Kribbeln kriecht Stunden später seine Beine hoch. Qualvoll sind die Schmerzen, die in den folgenden Tagen von seinem ganzen Körper Besitz ergreifen. "Es tat bestialisch weh", sagt Wolfgang Welsch. "Ich dachte, es sei eine Virusinfektion." Gift in der Bulette. Erst in Deutschland, nachdem mehrere Ärzte ihn als hypochondrischen Spinner abgetan haben und Welsch kaum noch atmet, fördert eine Urinuntersuchung die Wahrheit ans Licht. In letzter Sekunde rettet ein Gegenmittel Welsch das Leben.

Dem falschen Freund erst nach der Wende auf die Spur gekommen
"Ich war naiv", sagt er kopfschüttelnd. "Immer noch glaubte ich an eine Aneinanderreihung von Zufällen." Dem falschen Freund kommt er erst nach der Wende bei der Sichtung seiner Stasi-Akten auf die Spur. In seinem Arbeitszimmer erinnern Zeitungsausschnitte an der Wand an die Früchte seines Puzzles - als müsse er sich vergewissern, daß der SED-Unrechtsstaat am Ende nicht doch gewinnt. In einem spektakulären Prozeß, der bisher einmalig ein Mordkomplott der Stasi dokumentierte, wird Peter Haack 1994 wegen versuchten Mordes zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt.

Seinen Komplizen kennt Welsch inzwischen auch: Aus einem Stapel Papier angelt er sein Hochzeitsfoto. Stumm deutet er auf den Trauzeugen Michael Sievert, einen alten Freund aus Ost-Berliner Tagen. Als "IM Alexander" sei dieser, so hat Welsch in den Akten gelesen, an den Attentaten auf ihn beteiligt gewesen. Die Berliner Staatsanwaltschaft ermittelte.

Aus: "Ich war Staatsfeind Nr.1, von Wolfgang Welsch

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